Das Prinzip Passfoto

Jede Woche erklären Andreas Bernhard und Tobias Kniebe in ihrer Kolumne "Das Prinzip" Phänomene der Gegenwart. Die besten Texte aus dem SZ-Magazin erscheinen jetzt als Buch. Für jetzt.de widmet sich Tobias Kniebe exklusiv dem Prinzip Passfoto
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Irgendwann konnte ich die Sache nicht länger hinauszögern: Ein neuer Pass musste her. Ich hatte schon gehört, dass die Sache mit den Aus­weis­dokumen­ten schwieriger und kafkaesker geworden sei, mit biometrische Daten und so weiter, und war auf einiges gefasst. Zum Beispiel brachte ich, si­cher ist sicher, gleich drei verschiedene Passbilder in die Meldebehörde mit. Dort empfing mich Herr Knoche, ein fahlgesichtiger Herr mit langer Berufser­fahrung, studierte ausführlich meine Fotos, legte diese und jene Schablone darüber - und schüttelte am Ende bedauernd den Kopf. "Hier lächeln sie", sagte er, "das ist nicht mehr erlaubt. Ihr Gesichtsausdruck muss neutral sein, und die Lippen sollen geschlossen sein." Dann zeigte er auf das zweite Foto: "Hier liegt ihre Nase nicht auf der Mittellinie. Und die Hauttöne sind, nun ja, etwas unnatürlich."

Natürliche Hauttöne, erfuhr ich in diesem Moment, waren ein entschei­dendes Kriterium für die Gültigkeit eines neuen, wie es hieß, "biome­trie­taug­lichen" Passfotos. Oder was immer die Meldebehörde unter natürlichen Hauttönen verstand. War ich zu bleich, zu augenringig, zu aschfarben? Hatte meine Mutter mir nicht immer gesagt, ich sollte öfter an die frische Luft gehen? Würde ich nun, aufgrund unnatürlicher Hauttöne, über­haupt keinen Pass mehr bekommen, meine Staatsbürgerschaft verlieren, als soge­nannter Staaten­loser durch die Welt irren, zu ewiger Flucht ver­dammt? Ich schluckte und brachte kein Wort heraus. Herr Knoche sah sich das dritte Foto an, drehte es hin und her. "Hier stimmt eigentlich alles", erklärte er, "die Gesichtshöhe von Kinn bis Haaransatz ist korrekt, die Schärfe und der Kontrast ebenfalls, auch der einfarbige Hintergrund... nur leider, leider haben Sie diesen Schatten im Gesicht. Der macht alles kaputt." So lernte ich weiterhin, dass die normale Welt zwar aus Licht und Schatten besteht - nicht aber die Welt der Bürokratie. "Ausleuchtung gleichmäßig (keine Schatten)" stand als Punkt 11. auch auf einem Merkblatt, dass mir Herr Knoche nun mitgab mit dem Hinweis, doch bitte noch einmal wiederzu­kommen - mit einem neuen Passfoto, auf dem keine der insgesamt fünfzehn Regeln gebro­chen würde. Andernfalls könne meine Existenz bio­metrisch nicht mehr erfasst werden, und an die Ausstellung eines neuen Reisepasses sei nicht zu den­ken. Perfide, dachte ich. Die deutschen Sicher­heits­politiker haben sich das ausgedacht, dass das Gesicht jedes einzelnen Unter­tanen prä­zise vermessen werden muss, Augenabstand, Lippendicke, Nasen­form - aber sie machen diesen Irrsinnsjob nicht einmal selber, sondern überlassen die Drecksarbeit den Fotostudios, den Auto­maten und Fami­lien­mitgliedern, oder wer sonst noch eine Kamera halten und ein Foto ausdrucken kann. Aber gleichzeitig war das alles ja auch herrlich absurd. Denn nach wie vor behält der Pass und das Passfoto zehn Jahre seine Gültigkeit - zehn Jahre, in denen gottweißwas mit deinem Gesicht, deiner Frisur, deiner ganzen Persönlichkeit passieren kann. In der allgemeinen Wahrnehmung ist das Passfoto deshalb auch immer das Foto, mit dem man sich selbst am allerwenigsten identifiziert, dass man schon bald vor dem Blick der Mitmenschen versteckt, dem man gar keine Ähnlichkeit mit der abgebil­deten Person zuschreibt. Jeder kennt nicht die Gruppenreisen ins Ausland, wo plötzlich ein unbefugter Blick auf das alte Foto im Ausweis fällt, wo Freun­­de und Kollegen in brutales Gelächter ausbrechen, wo ein Ausweis unter großem Hallo die Runde macht, während der Besitzer oder die Besitzerin, hoch­rot angelaufen, vergeblich dem entwendeten Dokument hinterherjagt. "Bist das wirklich du?" lautet die ungläubige Frage, und der amtliche Stem­pel bestätigt es - aber keine Fahnder und kein zufälliger Zeuge wäre je in der Lage, es Ausweisfoto und die reale Erscheiung seines Besitzers noch sinn­voll zusammenzubringen. Worauf die Grenzbeamten eigentlich blicken, wenn sie erst in unseren Pass blicken und dann prüfend auf unser Gesicht, ist ihr Geheimnis - das Foto kann es jedenfalls nicht sein. Nicht im Ernst. So muss man am Ende auch den Vorstoß des Sicherheitspolitikers Wolfgang Schäuble aus dem April 2007 bewer­ten, der Polizei den direkten Zugriff auf Millionen von Passbildern zu gestatten, die bei den Meldebehörden gespei­chert sind. Einerseits ein Alp­traum, ein weiterer Verlust bürgerlicher Frei­­heiten, ein weiterer Schritt in Richtung des totalen Überwachungsstaats - andererseits aber auch eine Art Schildbürgerstreich. Viel Glück jeden­falls bei der Fahndung in diesem Meer von Fotos, die entweder total veral­tet sind - oder aber von größter Unnatürlichkeit. Auch ich habe schließ­lich, beim zweiten Versuch, ein biometrie­taugliches Foto zustandegebracht, meinen Passantrag abgegeben und einen Nachweis meiner Identität bekommen. Auf den Bild, das schließlich angenommen wurde, starre ich wie hypnotisiert in die Kamera, die Nase auf gerader Linie, die Lippen geschlossen, vollig humor- und konturlos, ohne einen einzigen Schatten und einen einzigen Aus­druck im Gesicht, dafür aber mit natürlichem Teint. Mein Gesicht, das weiß ich, kann nun bis ins Detail ver­messen und zentral gespeichert werden - aber erkennbar bin ich so eigentlich für niemanden mehr. Nicht einmal für mich selbst.

"Das Prinzip - 100 Phänomene der Gegenwart" von Tobias Kniebe und Andreas Bernard ist dieser Tage erschienen. Es sammelt die besten Texte aus der Kolumne aus dem Süddeutsche Zeitung Magazin

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