Das Prinzip Sommer. Oder: Von der ewigen Sorge, die Sonne zu verpassen

Sobald schönes Wetter ist hat jeder, der arbeiten muss, ein Problem. Es heißt Wochenende. Denn zwei Tage sind viel zu kurz, um all das unterzubringen, was man sich im Winter für den Sommer vorgenommen hat. Und um Erholung geht es dabei meistens auch nicht.
max-scharnigg

Seit eine Lohnsteuerkarte im Briefkasten liegt, unterscheiden sich unsere Sommer von den Wintern vor allem dadurch, dass die Hosenbeine nicht feucht sind, wenn wir um sieben Uhr nach Hause kommen. Und natürlich durch die nagende Sorge, die uns zwischen Mai und Ende September plagt, den Sommer zu verpassen (Dabei geht es gar nicht um die zwei, dem Geld- und dem Zeitkonto abgetrotzten Wochen Sommerurlaub. Das ist Adventure-, Luxus,- Wellness-, Shoppingurlaub – das hat mit Sommer gar nichts zu tun.)

Es geht um die Wochenenden. Jene zwei Tage, in denen sich das Prinzip Sommer erfüllen muss, mit all seinen Standards: Grillen, Biergarten, Vom-Steg-in-den-See-hüpfen, Segeln, Open-Air-Musik-hören, Berggipfel sehen, Terrassenpartys geben und besuchen, Heiraten, Erdbeeren pflücken, Steine flitschen, braun werden, Fahrradfahren, Liegestuhl, Citybeach, Lagerfeuer, Sommerfeste, Flohmarkt, Bowle, Strohhut, Federball. Das ganze Programm, das auf dem Erlebniszettel urbaner Freizeitmenschen abgehakt werden soll und das uns Jahr für Jahr wieder Junissamstagmorgens früher aufstehen lässt, länger im Stau oder am Bahnhof drängeln, mehr Geld ausgeben - nur weil die Sonne scheint. Schönes Wochenendwetter erzeugt mittlerweile einen Stress, der auch in vielen Schlucken Sommerbowle nicht mehr zu ertränken ist. Je größer der Bekanntenkreis, umso detaillierter die sommerliche To-Do-Liste, gefüttert von Einladungen und Erlebnisberichten die auch im Gefestigsten Aktivwahn und Einreihen auf die Ausfallstraßen bewirken. Auf diesen Straßen geht irgendwas verloren, jedenfalls füllt sich die Sommerbatterie nie so auf, wie wir uns das bei all den Investitionen versprechen. Es tritt ein Sommerwochenend-Memory-Effekt ein, wir müssen immer wieder raus, mindestens solange bis gnädig abfallende Blätter uns zunehmend öfter die Absolution erteilen, auch mal Ruhe zu geben. Die drohende Regen-Vision lässt uns keine Ruhe Wenn wir samstags trotz Sommersonne im Bett liegen bleiben, schleicht sich die Vision eines drohenden Regen-Augusts ein, eines kompletten Sommerausfalls gar, der zur Folge hätte … ja was? Dass wir ohne Sonnenbrand wieder auf die Zielgerade des Jahres einschwenken müssten? Ohne Mückenstiche und dem Geschmack grillverbrannter Würstchen auf der Zunge? Nun, das Ziel hinter diesen wahnhaften Etappen ist etwas anderes. Es ist die fixe Sommeridee, die wir seit Anbeginn der Zeit mit uns schleppen. Ihr wisst schon: der Sommer soll zu einem einzigen ewigen Moment werden, in dem wir uns frei von Müssen und Sollen in weiche Landschaften einfügen und alles sich selbst genügt. Sommer, wie ihn die Kinder aus Bullerbü erlebt haben müssen, oder französische Maler zur vorletzten Jahrhundertwende, die sich für drei Monate auf dem Land einmieteten, um Impressionisten zu werden. Sommer, die wir hatten, bevor sich unser Nur-Kind-Sein in ein Schüler-Sein wandelte und man uns endgültig mit einer langweiligen Realität bekannte machte: der Zeit. Das Leben, das bisher wie ein unerforschtes Stück Dschungel für sich existierte, war fortan einer Ordnung ausgesetzt, die den Sommer als sechswöchige Lücke zwischen zwei Klassenstufen definierte. Das immerhin war noch so viel Zeit, dass man irgendwann, es musste so um den Beginn der vierten Ferienwoche sein, das perfekte Sommergefühl ahnte: Wenn eine stabile Augusthitze den Tagesabläufen ganz gleiche Züge gab, wenn die Badetasche gar nicht mehr ausgepackt wurde, wenn die nassen Fußabdrücke am Beckenrand so schnell verdunsteten, dass unsere Füße keine Spuren hinterließen. Gute Sommerferien waren dann immer noch wie ein Parabelflug: Für eine kurze Zeit herrschte Schwerelosigkeit. Wunderbare Jahre in sepiaweicher Erinnerung Wer sich daran nicht mehr erinnern kann, dem sei die intensive Beschäftigung mit der amerikanischen Serie „The Wonder Years“ (deutsch: Wunderbare Jahre) nahe gelegt, die es auf einzigartige Weise versteht, die Magie der Sommerferien in Bilder zu setzen. Ein sepiaweicher amerikanischer Sommer ist das, der da die breiten, sauberen Kleinstadtstraßen abends noch die Tageshitze widerstrahlen lässt, der in den Vorgärten die Lampions und Barbecues anzündet und die Geräusche dieser unendlichen Abende - Lachen, Geschirrklappern, ein Fernseher, ein entferntes Auto – reproduziert, als wären sie geradewegs aus unserem kollektiven Gehirnarchiv ausgeliehen. (Leider ist die Serie hierzulande immer noch nicht auf DVD erhältlich, im Web aber durchaus zu finden. )

Es geht ja nur um eine kleine Erinnerungshilfe, um wieder vor Augen zu haben, wonach wir suchen, wenn wir uns bereits am Mittwochmorgen um den Samstag Gedanken machen, denn schließlich, das Wetter soll wieder gut werden und…und dann wird es an diesem Samstag vielleicht so sein, wie in „Virgin Suicides“ ohne die Suicides. In dem Film ironisiert Sofia Coppola mit manisch-ästhetischer Kamera unseren Sommertraum. Ihren ätherischen Mädchen spielt fortwährend weichgezeichnet die Sonne durch die blonden Haare, sie schaukeln somnambul in verwunschenen Gärten, gesprochen wird wenig, stattdessen wiegt sich die Musik von Air zwischen den Grashalmen. Paradiesisch. Aber auch nur ein Film. Was bleibt: der Soundtrack zu einem verlorenen Gefühl Zumindest die Musik von Air steht uns dennoch zur Verfügung und bietet vielleicht den ersten Strohhalm, mit dem wir nach und nach unseren übersättigten Wochenend-Cocktail ausschlürfen könnten. „Moon Safari“ von Air, das ist immer noch alles, was Sommer sein soll in Tönen. Das hört man nicht im Cabrio (viel zu schnell!), das hört man nicht beim Baden (zu unruhig!), nicht bei der Radtour und nicht auf der Terrassenparty. Diese Musik ist für Sonntagmorgens, wenn die Sonne schon wieder durchs Rollo scheint und die Stadt schon wieder auf Hochtouren brummt und bestrebt ist, sich selbst hinter sich zu lassen. Wir sind dann aber noch da. Es ist warm im Zimmer, in den stochernden Sonnenstrahlen oszillieren flimmernd einzelne Staubpartikel. Halbschlaf ist gut jetzt und dabei ein paar träge Gedankenwolken schieben: Sechs Wochen gibt man uns nicht mehr. Die besten Stellen an Berg und See sind für heute schon weg. Die Wärme draußen ist schon Hitze. Abends wird es kühler sein. Dann vielleicht ein paar Schritte gehen, bis zum Fluss. Und bis dahin: Nichts bewegen. Hier ein paar Erinnerungen an denkwürdige Sommer. Bild: dpa

  • teilen
  • schließen