Das Sterben der Gangster

Der Rapper Fler und das Erfolgslabel „Aggro Berlin“ trennen sich. Zurück bleibt ein Musikstil, den langsam niemand mehr hören will.
julia-finger

Seit Freitag ist das vierte Album des Rappers Fler auf dem Markt. Das Werk mit dem simplen Namen „Fler“ wird die letzte Zusammenarbeit zwischen Aggro Berlin und dem Rapper sein. An den Erfolg von „Neue deutsche Welle“ konnte Fler nie wieder anknüpfen. Im Gegenteil: Die Verkaufszahlen sind gesunken.

Sechs Jahre ist Flers erstes TV-Interview her. Damals saß der 20-Jährige mit Moderator Falk Schacht in der VIVA-Sendung „Mixery Raw Deluxe“ und posaunte: „In Berlin sind wir keine große Hip-Hop-Familie. Man muss sich erstmal beweisen. Wenn du’s nicht drauf hast, wirst du kaputt gemacht. In anderen Städten ist das anders. Aber Berlin ist hardcore.“ Aggro Berlin, das Label, das bald darauf deutschen Gangsta-Rap kommerziell machen sollte, hatte gerade ein paar Büroräume in einem ehemaligen Bordell angemietet und ein stilisiertes Sägeblatt als Logo auserkoren. Fler hatten sie erst seit kurzem unter Vertrag. Auch die Plattenfirma selbst steckte noch in den Kinderschuhen. Dennoch sprach Fler, einer der wenigen deutschen Gangsta-Rapper, die keinen Migrationshintergrund haben, von dem Label, als wäre es die einzig richtige Antwort auf die Dauerflaute in der deutschen Musikszene. „Wir sind cool, wir sind gut, wir sind die Einzigen, die was Neues machen. Aggro Berlin, Label Nr. 1.“ „Mixery Raw Deluxe“ existiert heute nur noch als Internetshow, Falk Schacht ist nach wie vor Moderator. Und so kam es, dass ihm vor einigen Wochen Fler wieder gegenüber sitzt. Deutlich breitschultriger, die Haare geschoren wie Boxer Mike Tyson, spricht der Rapper nicht mehr euphorisch von seinem „Aggro Berlin, Label Nr. 1“, von der Plattenfirma, die nach seinem ersten Interview 2003 tatsächlich die Antwort war auf den schlechten Absatz in der deutschen Musikszene, und der es trotz überwiegend anderslautender Prognosen gelungen ist, Berliner Hip Hop als deutsche Basis des Musikgenres zu etablieren. Flers Ton hat sich geändert: „Ich mache mein eigenes Ding“, lässt der 26-Jährige gegenüber Falk verlauten, „Man merkt irgendwann, wer echte Freunde sind.“ Nach solchen Äußerungen überrascht es nicht, dass nun kolportiert wird, Fler und Aggro Berlin würden bald getrennte Wege gehen. Auffällig ist nur, dass diese Information einhergeht mit der Veröffentlichung von Flers viertem Soloalbum, das am Freitag erschienen ist. Der deutsche Gangsta-Rap erlitt auf seinem Musik-Olymp einen Herzinfarkt und liegt nun im Hospiz. Als im letzten Jahr erst Sido neben Casting-Drill-Instructor Detlef „D!“ Soost in der „Popstars“-Jury den Schwiegermutter-Star mimte und wenig später dann Bushido in seinem 30. Lebensjahr eine Autobiografie über langatmige Ghettoanekdoten veröffentlichte, erkrankte der deutsche Gangsta-Rap schwer. Die Verkaufszahlen gingen in den vergangen Jahren so weit zurück, dass Legende Kool Savas Ende 2008 sein Label „Optik Records“ schließen musste. Im Februar veröffentlichte der Ruhrpott-Rapper Manuellsen einen 14-minütigen Abschiedssong, in dem er den Fans vorwirft, Musik nicht mehr zu kaufen, sondern nur noch illegal im Internet zu laden. Die Popularität der Rapper bleibt vorerst bestehen – von der Musik leben können jedoch die wenigsten. Die junge Hörerschaft ist Teil der „Generation Download“. Sie ist mit File-Sharing-Diensten wie Rapidshare und Programmen wie Limewire aufgewachsen. CDs zu kaufen scheint vielen von ihnen absurd. Kein Wunder also, dass die Musiker und vor allem deren Macher andere, marketingstrategisch scheinbar erfolgversprechendere Wege einschlagen. Um eine neue Zielgruppe zu erschließen, nahm Bushido vergangenen Sommer einen Song mit Schlagergröße Karel Gott auf. Da verwundert es nicht, dass Sidos vergangenes Album „Ich und meine Maske“ eine Mischung aus Kinderpop und Sozialkritik war. Fler verweigerte sich stets solchen musikalischen Mash-Ups. Die neuen Stile seiner Kollegen nennt er in Songs und Interviews abfällig „Emorap“, „Poprap“, „Technorap“. Vom Gangsta sei im deutschen Hip Hop nicht mehr viel übrig geblieben. Er sei der letzte wahre Rapper. Bevor Fler sich seinen Künstlernamen gibt, heißt er Patrick, gesprochen mit englischem A. Patrick wächst ohne Vater in der Westberliner Thermometersiedlung auf, die wie so viele Trabantenstädte als sozialer Brennpunkt gilt. Er ist schlecht in der Schule und streitet oft mit seiner Mutter. Als die Mauer fällt, ist er sieben. Während der Pubertät leidet Patrick unter Angstzuständen und Depressionen und begibt sich in stationäre Therapie. Danach kommt er in ein Jugendheim am Wannsee. Das wird der erste Wendepunkt in seinem Leben. Er lernt einen Jungen kennen namens Anis, der sich Fuchs nennt. Tagsüber machen die beiden eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, nachts rennen sie über Berlins U-Bahn-Gleise und verzieren Waggons mit Farbe aus der Sprühdose. Patrick ist der bessere Graffitikünstler. Noch heute malt er und signiert mit dem Namen Fler. Anis hingegen ist vom Sprühen schnell gelangweilt. Aus Anis wurde Fuchs, aus Fuchs wird Bushido. Aus Sprühen wird Musik. Er ist ein Jahr vor Patrick mit der Ausbildung fertig. Der sensible Patrick hält es ohne den Freund im Heim nicht aus und bricht seine Ausbildung ab. Bald rappt auch er. Dann lernen Fler und Bushido die Aggro-Berlin-Gründer Halil, Specter und Spaiche kennen.


Zwischen Flers Karriereanfang und der Trennung von Aggro Berlin liegen drei ineinandergreifende Erfolgsgeschichten: die des deutschen Gangsta-Rap, die des Labels Aggro Berlin – und Flers. Aggro Berlin wird 2001 von drei Freunden gegründet, die Potenzial in der bis dahin unbekannten hauptstädtischen Rapszene erkennen. Sido, Bushido und Fler werden unter Vertrag genommen, erste Produktionen erscheinen in kleiner Auflage. Als sich der Erfolg einzustellen beginnt, will Bushido seinen Anteil daran haben. In seiner Autobiografie schreibt der heutige Superstar, er hätte von Aggro Berlin nie Geld bekommen. Deswegen habe er sich von der Plattenfirma getrennt. Während der Deutsch-Tunesier zunächst beim Majorlabel Universal unterkommt und sich später einen Millionenvertrag mit SONY BMG sichert, bleibt sein damals noch bester Freund Fler bei Aggro Berlin. Doch nicht er, sondern Sido ist von nun an das beste Aggro-Zugpferd im Stall – und bleibt es bis heute. Fler erscheint als der ewige Zweite. Während Bushido mit Universal und SONY hunderttausende Alben verkauft, Musikpreise gewinnt, regelmäßig bei Johannes B. Kerner sitzt, in TV-Interviews gerne mal verbal scharf schießt gegen seine früheren Wegbegleiter, darf Fler böse dreinschauend, aber schweigend hinter Sido in dessen Musikvideos stehen. Sido und Bushido ringen um die Vorherrschaft und bringen dabei den Deutschrap einer breiten Hörerschaft näher. Schon bald steigen sie auf in die Riege der bekanntesten deutschen Musiker. Fler arbeitet währenddessen noch an seinem Debüt. 2005 erscheint das Soloalbum „Neue deutsche Welle“. Im Video der ersten Single „NDW 2005“ fliegt ein Falke durch das Bild. Hier und da sind schwarz-rot-goldfarbene Flaggen zu sehen, unterlegt mit Reimen wie „Schwarz, rot, gold/Hart und stolz/Man sieht’s mir nicht an/Doch glaub mir, meine Mom ist deutsch“. Der Rapper erntet Kritik und Aufmerksamkeit gleichermaßen. Dass ihm vorgeworfen wird, mit rechtsradikalem Gedankengut zu kokettieren, stört Fler und die Label-Chefs wenig. Glaubwürdige Dementis sind eher leise zu hören. Schließlich kurbelt die Diskussion die Verkaufszahlen an. Die Musik will Härte vermitteln. Doch er selbst scheint nicht hart genug, Kritik zu ertragen. Als er einen Polylux-Redakteur, der einen negativen Beitrag über ihn verfasst hat, an der Ampel trifft, jagt er ihn nach eigener Aussage über die Straße. Auf „Neue deutsche Welle“ folgen mehrere Mixtapes, DVDs, der Launch der eigenen Modemarke „Psalm 23“ und zwei weitere Soloalben. Ende 2007 gipfelt der Streit zwischen Aggro Berlin und Bushido in einer Messerattacke auf Fler. Während der Rapper in einer Livesendung auf MTV sein kommendes Album „Fremd im eigenen Land“ promotet, zerreißt er ein Bushido-Poster. „Ich war aufgeregt und musste meine Nervosität irgendwie überspielen“, wird er später in Interviews sagen. Doch zwei Zuschauer, offensichtlich Fans von Bushido – manche behaupten auch, es wären gute Freunde des Rappers gewesen –, fühlen sich durch das zerrissene Poster provoziert. Nach der Sendung stürmen sie das MTV-Gebäude und versuchen, Fler mit einem Messer abzustechen. Ein Bodyguard wehrt die Attacke ab. Die Täter entkommen. Aggro Berlin wird schnell unterstellt, die Messer-Attacke zu Promotionzwecken inszeniert zu haben. Auch wenn es so gewesen sein sollte: „Fremd im eigenen Land“, das dritte Soloalbum Flers, verkauft sich trotz Unterstützung von Universal nur mäßig und blieb gerade mal sechs Wochen in den Top 100 der deutschen Albumcharts. Zum Vergleich: Flers Debüt "Neue Deutsche Welle" hielt sich dort 16 Wochen, davon drei Wochen in den Top 10. Das Label setzt weiterhin auf Vorreiter Sido. Dass ihn das nerve, ließ Fler in letzter Zeit vermehrt in Interviews und Songs verlauten. Schon im Sommer 2008 rappte er auf „Südberlin Maskulin“, einem Kollaborationsprojekt mit Untergrund-Rapper Godsilla: „Ich bin ein Rapper/Auch wenn mich Aggro dann droppt/Mit einem anderen Job“ und kritisierte Sido öffentlich für seinen neuen Pop-Stil mit singenden Kinderchören im Hintergrund. Auch die Elektroeinflüsse von Labelkollege B-Tight mag Fler nicht. Er vermisse den deutschen Gangsta-Rap, hart und straight. Doch genau das will Musikdeutschland derzeit nicht hören. Auf seinem neuen Album rappt Fler über altbekannte Themen: Frauen sind Schlampen, Nutten sollen blasen, alle anderen Rapper sind scheiße und Berlin ist die beste Stadt von allen. Bis auf ein, zwei Songs, die durch Themen wie Liebe oder Jugendprobleme tiefsinnig wirken sollen, allerdings unaufgeregt an der Oberfläche plätschern, dreht es sich in Flers Texten ums Posen, ums Geilsein, um sich selbst: „Die ganzen ander’n Rapper komm’n nicht mit mir klar/Denn ich komm’ von der Street und sie nicht aus’m Arsch“ ähnelt den Phrasen, die Fler in seinem ersten Interview mit Falk bei „Mixery Raw Deluxe“ von sich gab. Sechs Jahre Musikgeschichte scheinen zu einem Augenblick zu verschmelzen. Aber vielleicht ist für Fler auch nur die Zeit stehengeblieben. Und Stillstand heißt auch in der Musikindustrie Rückschritt. Das Ende der Zusammenarbeit zwischen Fler und Aggro Berlin ist logische Konsequenz. Das Plattenlabel ist ein Wirtschaftsunternehmen, keine Selbstverwirklichungsplattform. Ob Fler sich retten kann und nur ein sinkendes Schiff verlässt, oder aber selbst versinken wird, sollte sich bald zeigen. Da das einstige Independentlabel seit November 2007 mit dem Musikgiganten Universal zusammenarbeitet, wird das vierte Album des Künstlers noch über Universal vertrieben. Danach ist Fler, dessen Unterarme mit auffälligen Aggro-Berlin-Schriftzügen verziert sind, allerdings auf sich allein gestellt sein. Dass eines der wenigen anderen Majorlabels dem in den vergangenen Jahren mäßig erfolgreichen Gangsta-Rapper einen Vertrag geben könnte, ist unwahrscheinlich. Und bei einem der vielen unbekannten Berliner Independentlabels unterzukommen, wäre für den erst 26-jährigen Fler ein deutlicher Abstieg. Sein ehemaliger bester Freund Bushido rappte sich „vom Bordstein zur Skyline“ und ist nun ein Popstar. Für Fler geht es wohl wieder zum Bordstein zurück. Doch vielleicht hilft Bushido bei Flers Rettung. Aber dazu müsste auch die Freundschaft, die vor Jahren zur Feindschaft wurde, wieder zurückkehren. Gerüchte, Fler würde zu Bushidos Label "ersguterjunge" wechseln, bestehen bereits. Dass beide Rapper beim Internetportal MySpace nun sogenannte "Topfriends" sind, scheint die Gerüchte zu bestätigen.

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