Das war der

Junge Literatur kann auch einfach gut sein. Kristof Magnusson hat einen Roman geschrieben, auf den sich alle einigen können. Und zwar nur, weil er so lesbar ist.
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Das kommt auch nicht oft vor, dass Iris Radisch von der Zeit den Satz „Bisschen zu perfekt!“ sagt. Und dass die FAZ das schlimme Wort „famos“ sogar in der Überschrift verwendet, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Selbst dass Handelsblatt schenkt dem jungen Berliner Schriftsteller Magnusson, 33, eine ganzseitige, gutgelaunte Rezension, die den Autor selber umgehend zu einem Facebook-Kommentar veranlasst: „Den Experten gefällt es auch!“, schreibt er.

Kristof Magnusson Diesen Satz versteht man erst, wen man weiß, worum es in „Das war ich nicht“ geht, jenem Roman, der all dieses Lob einsackt und der letzte Woche erschienen ist. Ein guter Teil der Handlung spielt eben im Handelsblatt-Revier, nämlich im Großraumbüro einer Bank in Chicago und dort in jener Abteilung, in der die seelenlosen Geldjongleure sitzen. Solche, die um vier Uhr morgens anfangen und dann ohne Unterlass traden, verschieben, bewerten und wetten und sich dabei nur von Snickers ernähren. Der Leser betritt an der Hand von Kristof Magnusson also einen dieser Orte, die wir heute als Keimzelle der Finanzkrise kennen - dabei fing er die Arbeit an dieser Geschichte an, bevor sie zum großen Weltthema wurde. Trotzdem wird es eines von Magnussons größten Verdiensten, dass er die Finanz-Vorgänge die uns mittlerweile alle beschäftigen, so erklären kann, dass begreiflich wird, wie sie arbeiten und ticken, die Sachbearbeiter der Millionen. Mit einfacher Sprache und klaren Bildern wird die Arbeit von Jasper geschildert, einem der drei Protagonisten. Dieser Jasper, klassischer Börsen-Nerd, der in seiner Wohnung seit Monaten Möbel unausgepackt stehen lässt, manövriert seine Bank in kleinen Schritten in den finanziellen Ruin, wird zum verzweifelt gegensteuernden Motor einer gigantischen Fehlspekulation. Ebenfalls in Chicago, aber in der Suite eines Luxushotels und fern aller Geldsorgen, versteckt sich der alternde Starschriftsteller Henry LaMarck. Während die ganze Welt und vor allem der Verlag auf die Abgabe seines nächstens Manuskriptes wartet, hat er noch keinen Satz geschrieben und befindet sich in einer Sinnkrise. Er ahnt noch nichts von der dritten Protagonistin, die in einem einsamen Haus im Alten Land bei Hamburg sitzt und seine deutsche Übersetzerin ist. Meike wartet auch auf sein Manuskript, um endlich wieder Geld zu verdienen. Wie LaMarck und Jasper hadert sie mit der Welt, fühlt sich als unterbezahlter Single Mitte Dreißig im sozialen Niemandsland. Die Schilderung der Manufactum-Welt jener Pärchengestalten, die früher mal Meikes Freunde waren, gehört zu den stärksten und pointiertesten Passagen des Buches. Überhaupt hat Magnusson darin eine Sprache und einen Stil gefunden, der ein beinahe ungehöriges Lesevergnügen und -tempo zulässt. Sätze, Kapitel und Perspektiven der drei handelnden Personen sind derart geradlinig, sorgsam entfettet und aufs Gleis gesetzt, dass alles sehr süffig beim Endverbraucher ankommt. Man merkt der lässig verschachtelten Personenkonstellation an, dass ihr Schöpfer auch schon erfolgreiche Theaterstücke geschrieben hat. So sind auch die Fortschritte der Personen und ihre Zusammentreffen durchweg so makellos konstruiert, als würden sie an den Schnüren von Puppenspielern hängen, während die restliche Welt ohne Schnur herumfällt. Der Leser lernt also drei Personen in unterschiedlichen Graden der Verzweiflung kennen, alle mit ähnlichen Kommunikationsstörungen und beschädigter Weltwahrnehmung. Ihre Geschichten kreuzen sich in Chicago, ihre Probleme und Hoffnungen projizieren sich auf den jeweils anderen und schließlich ist man am Schluss irgendwie zusammen und immerhin weniger allein, auch wenn das Unglück an allen Seiten nicht ganz aufzuhalten ist. Der Leser ist mit der letzten Seite satt, nicht unzufrieden, unterhalten und um Sachkenntniss der Finanzbranche reicher. Vor allem aber hat Magnusson mit „Das war ich nicht“ endlich mal wieder den Beweis erbracht, dass junge deutsche Literaturplots nicht immer ein Hinkebein in Form von Meta-Schwurbel, Persönlichkeitsstörung oder Drogenwischwasch haben müssen. Er hat sich einfach eine Geschichte ausgedacht und sie mühelos runter erzählt, sie passt perfekt in die Zeit und in der Popmusik wäre es ein Drei-Minuten-Hit mit leichtem Streichereinsatz. Dass man die Story beinahe genauso schnell wieder vergisst, wie man sie vorher verschlungen hat, mag das sein, was Iris Radisch mit „zu perfekt“ meint.

„Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson ist im Kunstmann Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

Text: max-scharnigg - Foto: Thomas Dashuber

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