Dein Leben als Infografik

Nur nette Abwechslung oder Revolution? Der Lebenslauf zum Anschauen ist da.
peter-wagner

Wenn man euphorisch veranlagt wäre, könnte man sagen: Für die Grafikdesigner der Welt entsteht vielleicht gerade ein neuer Markt. Wenn man realistisch veranlagt ist, muss man sagen: Naja, vielleicht, für ein paar wenige. Es geht um Lebensläufe.

Die Webseite visual.ly hat das Zeitalter der Infografik ausgerufen. Folgt man dem Video, in dem die Arbeit der Seite beschrieben wird, sind im Internet tatsächlich so viele Visualisierungen wie nie zu vor zu sehen, einige schöne werden auf visual.ly vorgestellt. Irgendwie muss man die ganzen Daten im Internet ja zugänglich machen und da der Mensch lieber schaut als liest, bekommt er die Daten eben zu schauen. Und weil Personalchefs in der Regel auch Menschen sind, bekommen auch diese was zu schauen. Auf visual.ly sind mittlerweile eine Reihe von Lebensläufen zu sehen – als Infografik. 

Manche Exemplare sind beeindruckend. Selten hatte man die Möglichkeit, in ein Leben so einzutauchen wie in das von Chris Robertson. Sein Leben scheint ein Meer zu sein, durch das er taucht und schwimmt. Außerdem darf man den Verdacht hegen, Bei Yuri Andreev glaubt man zwei Sekunden lang nicht, dass es sich hier auch nur im Ansatz um einen Lebenslauf handeln könnte. Dann aber erschließt sich die Biografie fast von alleine und wenn man ein alter Architekturkritiker wäre, müsste man von einem organisch sich entwickelnden Lebenslauf sprechen:

 

Herr Prasad hingegen zimmert eine Western-von-Gestern-Kulisse, in der er sich und seine zehn Jahre Design-Erfahrung vorstellt:

Mittlerweile können sich auch Menschen, die das Designhandwerk nicht gelernt haben, eine knuffige Lebens-Infografik zusammenschustern. Bei visualize.me zum Beispiel. Das sind dann zwar nicht so honiggleich wie bei den beschriebenen Beispielen aus, kommt aber immer noch flott daher, wie man an Ali Mubarak sehen kann:

Wer nun glaubt, dass sich das Lebenslaufgewerbe trotz dieser Neuentwicklung nicht substanziell verändert wird, hat wahrscheinlich recht. Zumindest in den nicht-kreativen Zonen der Arbeitswelt mag man HTML-schlanke Onlinebewerbungen. Jeder Firlefanz wird eher mit verzogenen Mundwinkeln bedacht. Selbst die Art Direktoren in den Werbeagenturen warnen vor zuviel Kreativität beim Bewerben. Zuviel Engagement könnte schnell affig wirken. Vielleicht ist es so: Die ersten, die sich auf diese Weise bei ihren möglichen Arbeitgebern vorstellen, werden noch ein Erstaunen und vielleicht eine Einladung zum Vorstellungsgespräch ernten. Alle Nachkommenden sollten erst überlegen, ehe sie den befreundeten Grafikdesigner mit der Verbildlichung der eigenen Lebens-Eckdaten befassen. Idealerweise arbeitet der befreundete Grafikdesigner stattdessen an seinem eigenen Lebenslauf und bekommt ganz viel Geld, weil er an an so etwas wie der Geschichte des Fernbeziehungspaaresarbeitet oder an der Frage, wie sehr man Männern abhängig von ihrer Bartformtrauen kann oder wie man glücklich wird.

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