Den Hörer in der Hand

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caroline-vonlowtzow
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Illustration: Julia Schubert

www.denhoererinderhand.de Wie sieht der Alltag der Telefonisten am Hörertelefon des Radiosenders Bayern 1 aus? Das hört sich erst einmal nicht nach einer besonders spannenden Frage an. Aber der Dokumentarfilm „Den Hörer in der Hand“ von Tom Kimmig ist spannend. Er macht Welten sichtbar, über die man sonst nicht einmal nachdenken würde: Welten wie die der Frau Berg, die täglich beim Hörerservice von Bayern 1 anruft, und den Arbeitsalltag der Telefonisten, die Anlaufstelle sind für Hörerfragen jeder Art. Manche Fragen klingen absurd, naiv und weltfremd. Beim Hörertelefon werden sie trotzdem beantwortet. Die Telefonisten sind für viele Anrufer wie Frau Berg der einzige Gesprächspartner. Jedes Thema kann zum Motiv eines Anrufs werden. Der Dokumentarfilm "Den Hörer in der Hand" zeigt, wie sich zwischen Anrufer und Telefonist eine seltsames, manchmal nettes, manchmal konflikthaltiges Beziehungsgeflecht entwickelt: der Hörer begibt sich mit seinem Anruf bei der Hotline in die Hand eines Fremden, dem er aber gerade wegen der Anonymität des Gesprächs mehr erzählt als anderen, der Telefonist als dem Anrufer verpflichtetes Gegenüber wird in ein fremdes Leben hineingezogen wird – ob er will oder nicht. Wie eben in das Leben von Frau Berg, die schon ihre Lieblings-Telefonisten bei der Hotline hat. Dass eine solche Beziehung nicht ganz einfach ist für die Telefonisten, kann man sich vorstellen. Dennoch überrascht das Team des Hörertelefons am Ende des Films Frau Berg sogar mit einem Besuch zu ihrem 80. Geburtstag. Der Film macht sich nie lustig über die Anrufer, sondern er ist eine sensible Entdeckungsreise in eine fremde, einsame Welt. Der Bayerische Rundfunk sah das wohl anders. Obwohl die Redaktion des Bayerischen Fernsehens den Film produziert hat, wurde der Erstausstrahlungstermin vor ca. 1 ½ Jahren gestrichen, die Telefonisten, die im Film vorkommen, arbeiten seitdem nicht mehr beim Hörerservice. Heute Nacht wird der Film nun zum ersten Mal im Bayerischen Fernsehen gezeigt. Nach der Kurzfilm-Nacht um 0:30. Dann, wenn ihn wahrscheinlich niemand sieht.

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