Der 100ste Bloomsday am Mittwoch, 16. Juni 2004

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dpa Alle Bücher spielen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Manchmal wissen wir, wo dieser Ort liegt, manchmal kennen wir die Zeit, zu der die Handlung stattfindet. Manchmal ist es wichtig, manchmal nicht. Heute ist es wichtig, denn es ist hundertster Bloomsday. Heute vor einhundert Jahren begab sich jemand 18 Stunden lang auf eine Odyssee durch eine Stadt – und genau das wurde auf beinahe eintausend Seiten festgehalten. Der Wandelnde ist Leopold Bloom, die Stadt Dublin. Der Mensch, der die Irrungen und Wirrungen festhielt James Joyce. Für sein wohl bekanntestes Werk, den „Ulysses“, hat er den 16. Juni und die frühen Morgenstunden des 17. Juni 1904 als Handlungszeitraum gewählt. Die Meinungen über dieses Buch sind so wechselhaft wie das irische Wetter und reichen von der Unterstellung, es sei „ein Versuch, das Universum mit Schmutz zu überziehen“ über so charmante Aussagen wie „der Inhalt des Buchs brächte einen Hottentotten zum Erbrechen“ bis hin zum hellsichtigen Gedanken Kurt Tucholskys, der den Ulysses mit ´Liebigs Fleischextrakt` vergleicht: „Man kann es nicht essen, aber es werden noch viele Suppen daraus zubereitet werden.“ Und er sollte Recht behalten: Joyces kontroverser „Ulysses“ wurde zur Grundlage für Werke der modernen Literatur und begründete einen ganz eigenen Zweig der Literaturwissenschaft. Die Folgen lassen sich heute in Dublin beobachten: Ungeachtet der schwerverdaulichen Romanvorlage findet dort das Joyce-Symposium statt, auf dem von Joyce-Forschern so manches Süppchen gebraut wird. Und rund herum wird die Stadt von Joyce-Fans zum Brodeln gebracht. Man frühstückt gebratene Innereien, wie es einst Leopold Bloom tat, streift in historischen Kostümen durch die Stadt, rezitiert und singt, trinkt viel Guinness und Blooms literarischen Kompagnon Stephen Dedalus unter den Tisch. Kurz: Ein Volksfest rund um eine fiktive Figur! Wer zum Bloomsday nicht in Dublin ist, aber dennoch ein bisschen „Ulysses“ konsumieren möchte, findet unter http://www.l-space.de/bloomsday.html Veranstaltungen in fast allen großen deutschen Städten. Und wem das alles etwas zu krude anmutet, der kann es mit dem Literaturpapst Reich-Ranicki halten: „Joyce wird in Deutschland maßlos überschätzt, weil ihn kaum jemand gelesen hat.“

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