Der Amoklauf und seine Entsprechung im Rap

Bald wird die Suche nach den Hintergründen für die Katastrophe von Winnenden beginnen. Schnell wird man dabei auf deutsche Rapmusik kommen. Denn da geht es aufällig oft um Amok an der Schule.
daniel-schieferdecker

Sie werden ohne Zweifel wieder losgehen, die Diskussionen. Nach den heutigen Ereignissen von Winnenden, wo ein 17-jähriger Amokläufer ein furchtbares Blutbad an einer Realschule angerichtet hat, wird auch erneut die alles entscheidende Frage nach dem Warum gestellt werden. Der Diskurs um die Verrohung der Jugend wird um ein weiteres schreckliches Kapitel anwachsen, Verantwortlung und Schuldzuweisungen gekonnt hin- und hergeschoben, und auch die Suche nach den Auslösern für die Gewalttat wird erneut bizarre Formen annehmen. Erfahrungsgemäß sind die ersten Adressaten für den schwarzen Peter Videospiele, Gewaltfilme und Rap-Stücke.

In den Fokus der Medien wird dabei sicherlich auch der Reutlinger Rapper Kaas gelangen, dessen Debütalbum „Amokzahltag :D“ in einer Woche erscheint. In Anbetracht der Tatsache, dass Kaas auf seiner ersten Single-Auskopplung „Amok Zahltag“ den Amoklauf eines frustrierten 17-jährigen an einer Schule beschreibt, dürfte das Stück glatt als Soundtrack zur Greueltat durchgehen. Oder als Anleitung. Bei Youtube scheint das Video direkt entfernt worden zu sein, aber es ist unter diesem Link zu sehen. Die Journalisten werden vielleicht auch auf einige weitere Rap-Tracks aufmerksam, die sich in jüngster Vergangenheit mit dem Thema „Amoklauf“ beschäftigt haben. Zum Beispiel im Song „Columbine“ von Olli Banjo & Jonesmann, angelehnt an das Schulmassaker von Littleton, das den Anfang einer grausigen Serie ähnlich gearteter Mehrfachmorde Jugendlicher an Schulen markiert hat. In dem Stück geht es jedoch nicht um die schrecklichen Geschehnisse von 1999, sondern um einen fiktiven Dialog zwischen einem potenziellem Amokläufer und einem, der ihn davon abbringen will. Auch hier geht das Ganze am Ende jedoch nicht gut aus.

Olli Banjo hat sich aber bereits vorher schon mal gemeinsam mit Curse Gedanken zum Thema “Amoklauf” gemacht, wie auf einem Stück seines “Sparring III”-Albums nachzuhören ist.

Und auch für den Hamburger Rapper Swiss ist die Beschäftigung mit diesem Sujet kein Neuland, nachzuhören auf „Der letzte Schultag“.

Ob sich die breite Öffentlichkeit bei der Suche nach Schuldigen im Falle von Kaas damit zufrieden gibt, dass er im Vorspann ausdrücklich darauf hinweist, mit diesem Video nicht zur Gewalt aufrufen zu wollen? Ob den Boulevard-Medien bewusst ist, dass Rap seit jeher immer auch als Seismograph sozialer Erschütterung gedient hat? Egal, über den jugendgefährdenden Einfluss von Rap-Musik wird wieder diskutiert werden. Zu einem zufriedenstellenden Ergebnis wird es aber sicherlich wieder nicht führen. Nachtrag am 12. März, 16.30 Uhr: Wie hier gestern bereits angemerkt ist nun genau das eingetreten, was wir vermutet haben: Die Augsburger Allgemeine Zeitung hat den Reutlinger Rapper Kaas aufgrund seines Stücks „Amok Zahltag“ sofort mit dem Massaker von Winnenden in Verbindung gebracht. In der „Hart aber fair“-Sondersendung der ARD wurde gestern Abend ein irreführender Auszug aus dem dazugehörigen Video gezeigt und vom CDU/CSU-Politiker Wolfgang Bosbach daraufhin als „gewaltverherrlichend“, „schwer jugendgefährdend“ und „Dreck“ kommentiert. Kaas’ Label Chimperator Records hat heute eine Pressemeldung herausgegeben, in der sich Label und Künstler nochmals ganz deutlich vom ihnen unterstellten Aufruf zur Gewalt distanzieren. Das Stück sei seinerzeit aus einer emotionalen Lage des Künstlers entstanden, die der des Amokläufers zwar geähnelt haben mag. Dennoch sei das Stück damals auch mit dem Hintergedanken entstanden, ein geeignetes Beispiel dafür abzugeben, wie man Ängsten, Aggressionen und Minderwertigkeitsgefühlen durch künstlerisches Schaffen positiv begegnen kann, um dadurch Perspektiven zu schaffen und einen gewaltfreien Weg aus der Krise zu finden. Da auch Kaas die grausamen Umstände tief geschockt haben, steht er derzeit nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. Um nicht in den Verdacht zu geraten, die schreckliche Situation zur Promotion des Albums zu benutzen, haben sich Künstler und Label dazu entschieden, die Platte „Amokzahltag :D“ bis auf weiteres nicht zu veröffentlichen und sprechen allen Betroffenen ihr tief empfundenes Beileid aus. Weitere Berichte zum Amoklauf von Winnenden auf jetzt.de

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