Der Blick der dritten Generation

Die eine Familie geriet durch die Wende in eine Krise, die andere war hingegen froh, endlich offen sprechen zu können. Zwei Fotografinnen stellen dazu nun sehr persönliche Bilder aus - und erzählen uns vom Leben in der sozialistischen Diktatur.
charlotte-haunhorst

"Perspektive hoch 3" ist ein Verein, der sich mit der Frage beschäftigt, was die DDR mit der dritten Generation Ost, also den Kinder, die in den 70er und 80er Jahren dort noch geboren wurden, gemacht hat. In der Fotoausstellung „Der dritte Blick“, die vom 2. Oktober bis 7. November im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen ist, stellen Künstler aus, dazu gibt es Interviews und Diskussionsrunden. Die Frage, die über all dem steht: Hat die Wende auch die Kunst verändert?

Illustration: Julia Schubert


Ina Schoenenburg, geboren 1979 in Ost-Berlin, hat an der Ostkreuzschule für Fotografie studiert. Ihr Werk "Blickwechsel beschäftigt sich mit ihrer eigenen Familie nach der Wende.


„Als die Mauer fiel, war ich zehn und lebte mit meiner Familie in Berlin Lichtenberg in einer Platte. Wir fanden das dort alle okay, es ging uns gut. Mein Vater war in der DDR politisch aktiv, arbeitete im Zentralkomitee der SED. Als die Mauer dann fiel, gerieten meine Eltern in eine Schräglage. Alles, woran sie glaubten, brach einfach zusammen. Dementsprechend wurde bei uns in der Familie die Wende auch nicht richtig gefeiert. Erst neulich habe ich wieder einen Film gesehen, bei dem die Menschen nach dem Mauerfall auf der Straße feierten und dachte, wie seltsam das ist, dass ich das alles gar nicht mitbekommen habe, obwohl ich da ja in Berlin lebte. Ich erinnere mich nur an die D-Mark in der Hand und wie aufregend es war, dass es überall so viel Spielzeug zu kaufen gab.

Nach der Wende sind wir nach Schwerin gezogen, mein Vater hat dort die PDS mit aufgebaut. Meine Mutter hat hingegen ihren Job verloren. Ich bin dort ein Jahr auf ein Sportinternat gegangen, getrennt von meinen Eltern. Für mich war das eine schwierige Zeit. Mir fehlte die Zuwendung meiner Eltern. Mein Vater war selten da, meine Mutter hatte den Jobverlust nicht gut verkraftet. Beide waren viel mit sich beschäftigt, da sind mein Bruder und ich ein bisschen hinten runter gekippt. Ich war oft einsam und das findet sich auch in vielen meiner Bilder wieder. Ich merke sowieso, dass ich oft Bilder mache von Menschen, die sich einsam fühlen. Da scheine ich einen Blick für zu haben.

Mit 19 bin ich zurück nach Berlin gegangen. Als Bewerbung für die Fotoschule habe ich angefangen, meine Eltern zu fotografieren, unsere Beziehung zueinander. Meine Mutter hat da von Anfang gerne mitgemacht, mein Vater mochte es zunächst gar nicht. Er hat sich dann aber peu à peu dran gewöhnt. Meine Dozentin mochte die Bilder und so bin ich da immer weiter reingerutscht. Das Projekt „Blickwechsel“ wurde irgendwann auch mein Diplomarbeit. Natürlich war die Arbeit aber auch eine Art Therapie für mich. Ich war lange Zeit nicht wirklich politisch. Vermutlich auch, weil ich das Gefühl hatte die Politik hat mir meinen Papa weggenommen. Ich habe ihn ja wirklich kaum gesehen. Erst mit Ende 20 habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren. Habe hinterfragt, was er da gemacht hat. Das hat meine Sicht auf die Dinge verändert. Über das Bildermachen haben wir wieder viel miteinander gesprochen – und natürlich auch gestritten. Kurz vor meinem Diplom wollte ich das Projekt sogar abbrechen, ich konnte einfach nicht mehr. Dann gab es aber ein reinigendes Gespräch, was dazu führte, dass ich doch weitermachen konnte. Meine Tochter hat auch viel dazu beigetragen, die versteht sich super mit meinen Eltern. Sie ist jetzt zehn. Über die DDR hat sie gerade in der Schule etwas gelernt, natürlich hat sie auch Gespräche zwischen mir und meinem Vater verfolgt. Aber es ist jetzt kein großes Thema für sie.

Ihr Lachen war einfach nicht echt

Ich selbst habe ja auch kaum Erinnerungen an die DDR. Ich war zwar bei den Pionieren und war dann traurig, dass ich wegen der Wende nicht mehr so weit kam, das rote Halstuch noch zu tragen. An ein paar Appelle und die Ferienlager erinnere ich mich auch noch. Aber das war’s. Ich weiß selbst, dass die Bilder eine gewisse Schwere haben. Man spürt die Traurigkeit meine Mutter. Meine Tochter bringt da allerdings frischen Wind rein. Ich würde meine Mutter ja auch fröhlich darstellen, aber immer wenn ich das versuchte, wirkte es unauthentisch. Ihr Lachen war einfach nicht echt."



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Illustration: Julia Schubert


Anne Heinlein, geboren 1977 in Potsdam, lebt dort immer noch mit ihrer Familie - um die Ecke vom alten Hof ihrer Eltern. Ihr Werk "Wüstungen" beschäftigt sich mit Grenzorten, deren Bewohner vom DDR-Regime umgesiedelt und die Orte danach abgerissen wurde.

„Ich dachte lange, mein Leben wäre auch ohne Wende ähnlich verlaufen. Dass ich trotzdem Künstlerin geworden wäre, der Weg wäre nur schwerer gewesen. Erst durch die Interviews für die Ausstellung „Der dritte Blick“ wurde mir klar, wie viel die Wende wirklich mit mir gemacht hat.

Als die Mauer fiel, war ich 12, am Beginn der Pubertät und lebte in Potsdam. Dort war die Grenze sehr präsent durch die Glienicker Brücke, die in den Westen führte und die man nicht überqueren konnte. Meine Eltern hatten trotzdem viel Kontakt zu Freunden und Verwandten drüben. Als die Mauer fiel, sind wir allerdings nicht direkt rübergegangen. Meine Mutter war Lehrerin und samstags war noch Schule, sie hat das sehr ernst genommen, obwohl sie und ich die einzigen waren, die an diesem Tag da waren. Erst danach sind wir nach Berlin gefahren und haben unsere Freunde dort besucht, die Stadt angesehen. Das ist für mich eine sehr intensive Erinnerung, ein gesetztes Datum wie der dritte Oktober kann das nicht ersetzen. Deshalb ist das Datum des Mauerfalls, der neunte November, mir auch wichtiger.

Meine Eltern waren in der Kirche aktiv, deshalb sind wir stets zweigleisig gefahren. Es gab eine Meinung zuhause, die musste aber am Küchentisch bleiben. Und eine, die man draußen vertreten musste. Für mich war es dementsprechend eine tolle Erfahrung nach der Wende, dass man auf einmal auch draußen sagen durfte, was man wirklich denkt. Mein älterer Bruder und ich haben das auch sofort gemacht, meine Eltern haben dafür ein bisschen länger gebraucht.

Wie sehr mich diese Erfahrung geprägt hat, merke ich jetzt auch in der Kunst. Ich mag es, Position zu beziehen, die Dinge für mich zu klären.  Bei meinem aktuellen Werk „Wüstungen" geht es um Orte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in denen Menschen zwangsumgesiedelt wurden, die Dörfer wurden abgerissen. Viele der Menschen in diesen Orten waren regimekritisch, man hatte Angst, dass sie sonst fliehen könnten. Außerdem blockierten diese Dörfer das Schussfeld.

Es sollten noch mehr Orte abgerissen werden

Auf meinen Fotos zeige ich allerdings keine Spuren von den früheren Orten, obwohl es dort zum Teil noch Hofeinfahrten oder überwucherte Küchenkacheln gibt. Ich zeige nur die Natur, die sich alles zurückgeholt hat. Damit will ich Bühnen, die der Betrachter mit dem Wissen, dass dort einmal ein Ort war, selbst füllen soll.

Ich selbst hatte an diesen Orten ein ähnliches Gefühl wie auf einem Friedhof. Man weiß: „da war etwas, aber es ist nicht mehr.“ Und trotzdem bleibt eine eigentümliche Aura. Deshalb wirken die Bilder vielleicht auch so schwer und getragen. Vielleicht ist das auch auf die gesamte DDR übertragbar: Jeder füllt dieses Gefäß anders, hat da andere Erinnerungen dran. Manche sagen „Es war ja nicht alles schlecht.“ Andere konnten ihr Leben erst leben, als es vorbei war. So funktioniert Erinnerung.

Meine Recherche an den „Wüstungen“ geht auch nach der Ausstellung weiter. Mein Kollege Göran Gnaudschun schreibt Texte dazu, wir waren in Archiven, haben die ganzen Planungen zu den Abrissen und Umsiedlungen eingesehen. Darüber hinaus treffen wir Zeitzeugen, sammeln Fotos aus der Zeit, als die Orte noch standen. Es sollten noch viel mehr Orte abgerissen werden. Da kam dann aber die Wende dazwischen.“






Text: charlotte-haunhorst - Fotos: Ina Schoenenburg / Anne Heinlein / oH

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