Der Eminem aus Grünwald

Das Synonymwörterbuch kennt 37 Alternativen zum adjektivistischen Gebrauch des Wortes "scheiße". Der bemerkenswerten Unterirdischkeit des Möchtegern-HipHop-Films "Homies" mit Jimi Blue Ochsenknecht wird keines davon gerecht.
daniel-schieferdecker


Schon der Trailer von „Homies“, der, begleitet von Hohn und Spott, bereits seit einigen Wochen im Web für Aufsehen gesorgt hat, ließ nichts Gutes erahnen. Die Vollversion des Films hat die vage Vermutung eines Komplettdesasters jedoch um ein Vielfaches übertroffen. Was mögen sich der Regisseur Adnan Köse, seine Produzenten und Drehbuchschreiber sowie der verantwortliche Verleih bloß dabei gedacht haben, diesem Film Vorführbarkeit zu bescheinigen?

Der Inhalt in einem Satz: JB Ochsenknecht spielt einen jungen Immobilienmakler aus reichem Hause, der sein piefiges Dasein im Wohlstand lieber gegen ein hartes Leben als Rapper aus der „Hood“ tauschen möchte. Albern genug. Doch das Ganze wird auch noch so peinlich, hanebüchen und unglaubwürdig inszeniert, dass man sich vor Wut über den ungelenken Umgang mit der Materie und der offensichtlichen Verhonepiepelung der anvisierten Zielgruppe glatt eine Zensur gewünscht hätte. Und dabei muss man den Beteiligten fast schon zugute halten, mit welch bemerkenswerter Konsequenz sie ihre Mischung aus fehlendem Einfühlungs- und inszenatorischem Unvermögen über die gesamte Spielzeit von 95 Minuten durchexerzieren. 

http://www.youtube.com/watch?v=2yc-4hi9Hg0  

Der Film wirkt mit seinen hölzernen Darstellern, seiner vorhersehbar peinlichen Geschichte und seinem beachtlichen musikalischen Dilettantismus wie ein schlechter Abklatsch einer Foto-Lovestory aus der HipHop-Bravo in Bewegtbildern. Wie „8 Mile“ für Minderbemittelte mit Jimi Blue Ochsenknecht als kleinem Möchtegern-Eminem, dessen charakterloses Nichtspiel in Verbindung mit der dargestellten Idealisierung zweifelhafter Lebensziele weit jugendgefährdender wirkt als sämtliche Frauenarzt- und King-Orgasmus-One-Platten zusammen.  

Wenn es nicht so unfassbar traurig wäre, wie grandios die Verantwortlichen an jeder noch so kleinen Hürde scheitern - es wäre fast schon wieder lustig. Ist es aber nicht. Und wenn man die schauspielerische und inszenatorische Inkompetenz mal außer Acht lässt, erschreckt vor allem das zwischen Krampf und Klischee angesiedelte Unverständnis der HipHop-Kultur – und zwar in sämtlichen Belangen. Ihre Anhänger werden als dumme, meinungslose Gesellschaftsopfer dargestellt, die wahlweise von einem verlogenen türkischen 2Pac-Look-Alike (Ismail Deniz) oder vom hölzernen HipHop-Heilsbringer Jimi Blue geführt werden wollen. Der schreibt in dem furchtbaren Gangsta-Grusical solch fulminante Fremdscham-Verse wie „Wenn du lachst, geht die Sonne auf/denn du hast was Besonderes drauf“ und wird dafür aus unerfindlichen Gründen gefeiert als wäre er der neue Ghetto-Goethe – dabei fördert jeder Grundschul-Gedichtwettbewerb Erquicklicheres zutage. Und während HipHop im Ursprungsland immer schon als möglicher Ausweg aus dem Ghetto verstanden wurde, wird Rap in „Homies“ als erstrebenswerter Einstieg ins Ghetto verkauft, was einen zweifelhaften Nachgeschmack hinsichtlich der vermittelten Vorbildfunktion beim formbaren Pubertätspublikum hinterlässt.

Im Zusammenspiel mit müden Allerweltsphrasen a la „Es kommt nicht darauf an, was man tut oder wo man her kommt – es kommt nur darauf an, wo man hin will“ ergibt das nichts anderes als ein cineastisches Volldesaster allererster Kajüte mit dem kleinen Ochsenknecht als Personifizierung formvollendeter Peinlichkeit.

„Greif nach den Sternen“ steht auf dem Kinoplakat. Herausgekommen ist jedoch nichts anderes als ein grausiger Griff ins Klo. Beidhändig und mit Steckenbleiben.

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