Der Gast und die Freunde

Was passiert eigentlich mit den Freunden, wenn man eine Beziehung in einer anderen Stadt führt? Die fünf Phasen einer Fernbeziehung - und der dazugehörigen Freundschaften.
nadja-schlueter



1. Phase: Die Blase

So ist's:
Die Blase wird zu Beginn einer jeden Beziehung vom frischen Paar höchstselbst aufgepustet, damit die beiden es sich darin bequem machen und die absolute Abgeschiedenheit von der Außenwelt genießen können. Bei Fernbeziehungen läuft die Sache aber noch ein bisschen anders: Die Blase muss zu jedem Wochenende neu aufgepustet werden, das heißt, der gastgebende Partner fängt spätestens Mittwoch mit den Vorbereitungen an. Er saugt, bezieht das Bett frisch, dreht in alle Lampen neue Glühbirnen ein und kauft im Supermarkt superleckere Sachen. Außerdem stellt er einen genauen Freizeitplan auf, zum einen, weil die wenige Zeit, die man hat, möglichst gut genutzt werden muss, zum anderen, weil es die Tage und Stunden des Wartens verkürzt (umgesetzt wird dieser Plan natürlich nie). Hat man es endlich geschafft und sieht sich wieder, beginnt sogleich eine Art Urlaub: der eine ist sowieso Gast und fühlt sich wie in den Ferien (fremde Stadt, fremdes Geschirr und Reisetasche statt Kleiderschrank), der andere ist Gastgeber und gibt für diese Rolle natürlich seinen Alltag auf (geputzt und eingekauft ist ja eh schon).

Die Freunde:
Sind in dieser ersten Phase viel stärker involviert als bei einer neuen Liebe ohne räumliche Distanz. Sie müssen als Lückenfüller und Kummer- sowie Schmachtbriefkasten herhalten und sind sich in jeder Sekunde bewusst: Wenn er/sie es sich aussuchen könnte, würde er/sie gerade ganz sicher nicht mit mir hier sitzen. Für manch einen beginnt jetzt die Trauerarbeit, denn er befürchtet, dass die Freundschaft unter der Fernbeziehung leiden wird. Von nun an werden die Wochenenden dieses einen guten alten Freundeskreismitglieds reserviert sein für den Besuch oder eine Reise in die Stadt des Partners. Ade, du schöne Cliquenzeit!




2. Phase: Öffnung nach außen

So ist's:
Ein Paar ist man nicht nur allein daheim, sondern auch draußen auf den Straßen der Stadt. Und gerade in einer Beziehung, in der die beiden Partner in zwei verschiedenen Städten leben, üben die Straßen einen besonderen Reiz aus, denn: der eine will sie kennenlernen, der andere will sie zeigen. In der zweiten Phase verlässt das Paar also die Blase und wagt sich hinaus, ins Kino zum Beispiel oder in eine Bar. Vielleicht geht es auch einkaufen, weil es den einen ganz ehrlich interessiert, in welchem Supermarkt der andere immer die superleckeren Sachen einkauft. Die Ausflüge werden länger und weiter, doch das Urlaubsgefühl bleibt, denn man ist ein bisschen wie Reiseführer und Reisender, bloß, dass man sich dabei an der Hand hält. Da werden Lieblinsplätze und -kneipen gezeigt, Anekdoten zu Ampelübergängen und Parkanlagen erzählt sowie der öffentliche Nahverkehr und der Grundriss der Stadt erklärt. Das ist wichtig, weil man ja nicht nur eine Beziehung mit einem neuen Menschen, sondern auch mit einem neuen Ort eingeht.

Die Freunde:
Bekommen davon nicht allzu viel mit. Sie sind der festen Überzeugung, dass die beiden noch in der Blase stecken – bis einer von ihnen das Paar auf der Straße, in der Kneipe oder (besonders unangenehm) am Bahnhof trifft. Dieses erste unverhoffte Treffen geht zumeist sehr steif über die Bühne, denn die Wahrscheinlichkeit, dass der neue Partner und der alte Freundeskreis sich wirklich noch nie gesehen haben ist ungleich größer als bei einer nicht-Fernbeziehung. Der Alteingesessene im Revier und der Eindringling umkreisen sich wie nervöse Hunde. Nächstes Mal wird's hoffentlich besser.


 

3. Phase: Gemeinsam zur Party

So ist's:
Nun ist man oft nicht da, am Wochenende, und muss den Freunden darum absagen, für das Treffen, die Party, das Konzert. Weil das so ist, ist man es irgendwann leid, auch an den Wochenenden abzusagen, an denen man in der Stadt ist, aber Besuch hat. Und irgendwie ist man ja nicht nur allein daheim und zweisam auf den Straßen der Stadt ein Paar, sondern auch unter Menschen auf einer Party oder einem Konzert. Darum bricht irgendwann die Zeit an, in der man als Gastgeber einen Freizeitplan für das gemeinsame Wochenende macht, der dann tatsächlich eingehalten wird. Oft stellt man den Partner dabei vor vollendete Tatsachen („...und am Samstag gehen wir zu Jans Party, hab ich mir gedacht"). Das Urlaubsgefühl lässt nach. Für den einen, weil er wieder Sachen macht, die er vor Fernbeziehungszeiten auch gemacht hat, für den anderen, weil er sich der gar nicht so unanstrengenden Aufgabe stellen muss, die Freunde des Partners kennenzulernen.

Die Freunde:
Freuen sich, dass der verlorene Freund/die verlorene Freundin zurück ist, müssen sich aber daran gewöhnen, dass sie von nun an oft zu zweit kommen wird. So lange, bis der Partner aus der fernen Stadt alle kennt, so lange, bis er weiß, wen er mag und wen nicht und bis jeder der Freunde weiß, ob er ihn mag. Im besten Falle herrschen da schon bald Sympathien an allen Fronten – das ist gar nicht so unwahrscheinlich, da ja alle Beteiligten die gleiche Person mögen. So kann diese Phase zur Glücksphase aller Beteiligten werden: Die Freunde feiern, dass der Eindringling so gut zu ihnen passt, das Paar feiert, dass es so partytauglich ist, alle zusammen feiern ein großes Fest der Liebe und der Freundschaft und der Partner aus der fernen Stadt kann seine betrunkene bessere Hälfte nachts sicher nach Hause bringen, weil er den Weg mittlerweile kennt.


 

4. Phase: Ich geh aus, du bleibst Zuhaus'

So ist's:
Manchmal mag der Partner nicht alle Freunde des anderen. Oder ist schrecklich müde und möchte Samstagabend lieber fernsehen. Oder der Gastgeber hat einer Bekannten versprochen, bei ihrer Abschiedsparty/Vernissage/Podiumsdiskussion zum Thema „Öko-Aktivismus in unserer Region" vorbeizukommen, der Partner aber mag keine Abschiede oder keine abstrakte Kunst beziehungsweise liegt ihm die Region, in der er ja schließlich nicht lebt, so sehr dann doch noch nicht am Herzen. Was tun? Ganz einfach: Der eine geht, der andere bleibt daheim. Sieht man sich eben mal drei Stunden nicht, das ist immerhin viel, viel kürzer als man sich sonst nicht sieht. Plus: Nach Hause kommen und der andere ist da ist so was von nahbeziehungsmäßig, dass man einfach mal vergessen kann, dass man sich schon morgen wieder am Bahnhof verabschieden muss. Top!

Die Freunde:
Wenn sie den Partner nicht mögen: sagen sie nichts. Wenn sie den Partner mögen: fragen sie, ob er denn dieses Wochenende gar nicht da sei und wenn doch, warum er nicht mitgekommen sei, und bringen den anderen manchmal sogar in Erklärungsnot. „Unsere Beziehung läuft super, wir machen nur nicht immer alles zusammen, wenn wir uns besuchen", sagt ja fast keiner, sollte man aber vielleicht öfter machen –  vor allem für die Freunde, die noch nie eine Fernbeziehung geführt haben, kann das sehr erhellend sein.


 

5. Phase: Ich treffe deine Freunde
 
So ist's:
Ach, wie oft man schon in dieser Stadt war! Man kann den öffentlichen Nahverkehr und den Grundriss erklären, man hat Lieblingsplätze und –kneipen – und doch lebt man jedes Mal aus der Reisetasche und hat keinen richtigen Alltag hier. Den wird man auch vorläufig nicht haben, denn der Alltag in einer anderen Stadt, die Uni oder der Job, ist ja einer der Gründe, warum man hier nicht wohnt. Der Partner, der hier wohnt, saugt längst nicht mehr extra, bevor man kommt, vielleicht hat er eingekauft, manchmal macht man das aber auch selbst oder gemeinsam. Aus dem Alltag dessen, der hier wohnt, und dem Gastsein dessen, der herkommt, ist eine Art Fernbeziehungsalltag entstanden: Wenn der Besuch kommt, werden nicht mehr alle Schalter umgelegt, alle Schotten nach außen dicht gemacht oder detaillierte Zeitpläne ausgetüftelt. Stattdessen werden zwei Teetassen auf den Tisch gestellt, es wird sich gefreut, dass die zweisamen Stunden angebrochen sind, und dann schaut man mal, was so passiert. Möglicherweise passiert dem Gastgeber Folgendes: dieser wichtige Abgabetermin für die Hausarbeit, das Planungstreffen mit den Kollegen oder die Podiumsdiksussion, deren Thema den Partner nicht interessiert. Was macht der Gast? Der bleibt nicht einfach daheim, sondern ruft jemanden aus dem Freundeskreis des Partners an, den er mag, und trifft ihn/sie auf einen Kaffee/Wein/Spaziergang oder er geht zu Jans Party, auch wenn dem anderen was dazwischengekommen ist.

Die Freunde:
Haben im besten Falle vergessen, mit wem sie zuerst befreundet waren. Oder zumindest, wie sie sich zu Anfang dem damaligen Eindringling gegenüber gefühlt haben. Sie freuen sich, dass der Gast gerade an Jans Partyabend wieder Gast ist und dass er in seiner Reisetasche ein Geschenk hatte. Was allerdings nie passieren wird: Dass die Freunde des einen mit in die Stadt des anderen fahren. Denn in der anderen Stadt führ ihr gutes altes Freundeskreismitglied ein anderes Leben mit anderen Freunden.

Text: nadja-schlueter - Foto: an.ma.nie / photocase.com

  • teilen
  • schließen