Der gecastete Jesus

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Dreizehn junge Männer im Jesuskostüm segnen mit den Händen in die Luft, tragen schwere Holzkreuze durch den Raum und versuchen am Ende, möglichst authentisch zu sterben. Jede ihrer Handlungen wird dabei von den Augen einer dreiköpfigen Jury verfolgt, die mal vor Begeisterung klatscht, mal beratschlagend die Köpfe zusammensteckt. Was um alles in der Welt ist das denn?! Richtig, eine Castingshow. Deren Ziel es ist, den besten Jesusdarsteller zu ermitteln. Was im ersten Moment ein wenig bizarr klingt, hat genauso im Jahr 2011 in Rom stattgefunden, unter Mitarbeit des Vatikan. Es handelt sich dabei um eine Kunstaktion, die der international beachtete Medienkünstler Christian Jankowski gefilmt hat und nun in der Stuttgarter Brenzkirche ausstellt. Vergangenen Sonntag fand dort die Vernissage statt, und zwar am Vormittag im Rahmen des Gottesdienstes, der ganz normal wie immer ablief. Nur, dass sich die Kirche den Besuchern nicht im gewohnten Bild zeigte, sondern der Altar durch zwei große Leinwände verdeckt war, auf denen das Video „Casting Jesus“ gezeigt wurde, während der Pastor seine Predigt hielt.

Doch von vorne: Christian Jankowski, 44, ist Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und bekannt dafür, sich in seinen Werken mit aktuellen Medienformaten auseinander zu setzen, sie zu reflektieren und zu verfremden. Auf die Idee zu der aktuellen Video-Installation kam er durch eine vermeintlich unscheinbare Situation, die er vor mehreren Jahren miterlebte: Während der Dreharbeiten zu Mel Gibsons „Die Passion Christi“ war er zufällig vor Ort und beobachtete, wie zwei Mitarbeiter des Vatikans den Hauptdarsteller darin coachten, wie er Jesus am besten darstellen könne. Das Bild des von zwei Priestern flankierten Christusdarstellers brannte sich in sein Gedächtnis ein, wobei er mit seiner Aktion aber noch einen Schritt davor ansetzen wollte. „Bevor man sagen kann, wie jemand am Kreuz sterben soll, muss man erst einmal sagen, wer da überhaupt stirbt,“ weshalb es für ihn nahe lag, eine Castingshow zu veranstalten. Er beauftragte dazu eine Castingagentur, die ihm dreizehn junge Schauspieler zur Verfügung stellte. Jesus und die zwölf Apostel quasi. Das Ganze fand 2011 statt. In Rom. Genauer: im Vatikan. Nach mehreren Anläufen gelang es ihm sogar, einen Vertreter der Kurie davon zu überzeugen, bei „Casting Jesus“ mitzuwirken. So kam es, dass neben einem Kunstkritiker und einem Journalisten mit Monsignore José Manuel del Rio Carrasco auch ein Priester des Vatikan in der Jury saß.


Die dreiköpfige Jury von "Casting Jesus".

Austragungsort war Santo Spirito in Sassia, ein uraltes Gebäude, das im Mittelalter als Krankenhaus diente. In mehreren Durchläufen spielen die 13 Kandidaten die Taten Jesu nach, vom Segnen über die Heilung imaginärer Kranker bis zum Brotbrechen während des letzten Abendmahls. Und natürlich müssen sie auch das Kreuz tragen und das Leiden Jesu nachstellen. In der Finalrunde dann verlangt der Monsignore ein letzte Aufgabe von den Teilnehmern: „Stirb.“ Am glaubhaftesten, am authentischsten lässt Robin Mugnaini vom Leben. Die Jury ist begeistert, unter Beifall kürt sie den 26-jährigen Schauspieler zum Super-Jesus. Das Kunstwerk Jankowskis ist damit fertiggestellt, der während des Castings seine eigene Kreativität vollkommen zurückhält und lediglich die Rolle des Beobachters einnimmt. „Ich habe einfach nur ein professionelles Kamerateam eingeladen,“ so der Künstler.

Robin Mugnaini hat erst wenige Tage vor dem Casting durch eine Freundin davon erfahren und wusste im Vorfeld nicht so recht, was ihn eigentlich erwarten würde. „Zur Vorbereitung habe ich nur einen kleinen Abschnitt aus dem Evangelium auswendig gelernt, den man der Jury vortragen musste,“ so der Schauspieler, „ansonsten sagte man mir nur, dass ich es schon überleben werde.“ Laut der Jury war er es, der am tiefsten in die Rolle Jesu schlüpfte und sie nicht einmal während der Pausen ablegte. Am allermeisten aber war wohl er selbst ergriffen, denn „die Kostüme, die echten Priester, alles um mich herum war total spannend. So eine Atmosphäre hatte ich vorher noch nicht erlebt.“


Der 26-jährige Robin Mugnaini konnte die Jury am Ende überzeugen.

Mit Robin kam beim Casting ein sehr traditioneller Jesus raus. Einer, von dem man fast schon sagen könnte, dass er klischeehaft aussieht. Ein ausgemergelt wirkender, bärtiger Mann mit langen Haaren, wie man ihn in Filmen bereits zigfach gesehen hat. „Warum hat der keine krumme Nase? Warum ist es kein rebellischer Jesus,“ fragt Helmut A. Müller, der als Leiter des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof in Stuttgart dafür verantwortlich ist, dass „Casting Jesus“ in der Brenzkirche zu sehen ist. Doch das Interessante an dem Projekt sei ja gerade, „dass es die Frage thematisiert, wie wir unsere Jesusbilder konstruieren und wo diese selbst konstruierten Bilder ihre Grenze haben.“ Nicht zuletzt besteht darin ja auch die Chance, mit festgefahrenen Bildern aufzuräumen und unzeitgemäße Vorstellungen über Bord zu werfen.

Gerade in Filmen tauchen Jesusdarstellungen auf unterschiedlichste Art und Weise auf, etwa in „Life of Brian“ oder „Die Passion Christi“. Mal auch als Jesus Christ Superstar im gleichnamigen Musical. Historisch betrachtet war es jedoch fast ausschließlich die Kirche, die Künstler mit der Anfertigung von Christusbildern beauftragte, wobei es klare Vorschriften gab, wie diese auszusehen hatten. Christian Jankowski dreht mit „Casting Jesus“ den Spieß nun um: Die Kirche selbst muss ein Bild ihres Heiland anfertigen, der Künstler sitzt derweil daneben und schaut zu. Die Interpretation seiner Installation lässt er bewusst offen, denn „eine Aussage wäre zu plakativ. Ich versuche immer, möglichst komplexe Werke zu machen, die von möglichst vielen Publikumsgruppen sehr unterschiedlich verstanden werden können.“ Es wäre ihm dabei auch zu einfach, „Casting Jesus“ als bloße Kritik organisierter Religion zu verstehen; für ihn ist es gleichermaßen eine Reflexion über Medien und die Vermittlung von Werten in Castingshows.

Was es letztlich aussagt, dass ein solch klassischer Erlöser als Sieger gewählt wurde, soll offen bleiben. Sicher ist allerdings, dass der Vatikan durch seine Mitarbeit an "Casting Jesus" ein bisschen Humor beweist. Das ist angenehmer zu hören, als so mancher signature move, mit dem sonst Aufmerksamkeit erregt wird, etwa dem alten Lied vom bösen Schwulen und der verkehrten Kondome.

Text: josef-wirnshofer - Fotos: Luise Müller-Hofstede / Christian Jankowski

  • teilen
  • schließen