Der Glaubenskrieg

Nachdem der Islam, geschmack- wie witzlosen Karikaturen sei’s gedankt, im Winter seinen großen Skandal in der Medienlandschaft hatte, zieht das Christentum nun nach. Bzw. genau andersherum: Nachdem sich die Muslime so einfach haben provozieren lassen, testet der Musik- und Jugendsender MTV nun die Grenzen der christlichen Toleranz und zeigt ab Mai die Cartoonserie „Popetown“ – erste Christen schreien – natürlich – schon entsetzt auf.
daniel-erk

Der Papst ist überraschend agil, keine Frage, aber bei allem Respekt: arg debil wirkt er zudem. Wirr blickt er unter seiner goldenen Mitra hervor – und springt auf einem Hüpfstock durch die Räume des Vatikans oder bedient ein Maschinengewehr, während in seinem Haus Kardinäle in kriminelle Machenschaften verstrickt sind und Kinder in die Sklaverei verkauft werden. So sieht zumindest die Cartoonserie Popetown, die am 3. Mai auf MTV anlaufen wird, das, was hinter den dicken Mauern des Vatikans und in der Sixtinischen Kapelle nach Dienstschluss von Statten geht. Produziert wurde die Serie um Pater Nicholas, der als eine Art Manager hinter dem Papst für den vatikanischen Kindergarten zuständig ist, ursprünglich für die BBC, ohne deren Ideenreichtum das deutsche Fernsehen und seine BBC-Plagiate wohl vollkommen unerträglich wäre.

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Illustration: Julia Schubert

Heiliger Bimbam! Allein, man muss sich fragen, wie viel man von der bereits 2004 entworfenen Serie erwarten sollte. Wenn man das Konzept, das auf der Klaviatur der Provokation eine recht simple Melodie spielt, anschaut: nicht allzu viel. Wenn man aber die Reaktionen der Kirche betrachtet, darf man wohl einiges erwarten, denn ganz offenbar juckt es die katholische Eiche in diesem Falle sehr wohl, welche Sau sich an ihr reibt. In England wurde die Serie nie ausgestrahlt, nachdem die katholische Kirche sowie ihre Anhänger massiv protestiert hatten. Und natürlich fällt auch der Aufguss von MTV hierzulande auf fruchtbaren Boden und hat das erwartbare Reiz-Reaktions-Spielchen in Gang gesetzt. Die Serie – von der noch keine Folge im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden ist – sei, lässt sich etwa der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, zitieren, nicht weniger als eine „widerwärtige Verhöhnung der katholischen Kirche". Allein die Werbekampagne zur Serie – ein vom Kreuz gestiegener und vor dem Fernseher sitzender Christus samt des Schenkelklopfers „Lachen statt rumhängen“ – ziehe "den christlichen Glauben in gröbster Weise in den Schmutz." Die Serie und die zugehörige Werbung, so der ZdK-Präsident weiter, seien eine schwerwiegende Störung des öffentlichen Friedens. Eine in exakt diese Kerbe schlagende Internet-Offensive ließ selbstredend nicht lange auf sich warten und mäandert unter Stoppt-Popetown.de mehr gewollt als gekonnt dahin, während MTV beschwichtigend in die Defensive geht: „Die Serie polarisiert das Publikum und spricht nicht jeden an, jedoch kommt es weder zu Verunglimpfungen noch zu Beleidigungen von Glaubensrichtungen.“

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Illustration: Julia Schubert

Mittlerweile gestoppt: die Werbung zur Serie Es geht, ganz offenbar, einmal mehr um nicht weniger als alles, die Zivilisation, die Tradition, gar die Würde des Menschen. Zumindest dann, wenn man der PR-Offensive der deutschen Katholiken auf den Leim geht. Von diesem Spielchen um Popetown profitieren am Ende beide, MTV und die katholische Kirche, denn beiden ist die Aufmerksamkeit der Leser für ein paar Augenblicke gewiss und beide können sich auf die Zustimmung ihrer Klientel verlassen. Worum es allerdings tatsächlich geht, ist das Verständnis von einer pluralistischen Gesellschaft und um Meinungsfreiheit. Man muss das, was Popetown macht, ja weder witzig noch geschmackvoll finden, aber dagegen mit Zensurrufen anzugehen, das zeugt von einem etwas mittelalterlichen, unterentwickelten Bewusstsein. Nach all der Zeit mit South Park, fast 27 Jahre nach dem Leben des Brian und nach all den Medienberichten über den im Gegensatz zur islamischen Welt so aufgeklärten Westen, dürfte man ein bisschen mehr Gelassenheit und Gleichgültigkeit von der katholischen Kirche erwarten, selbst wenn es um das Allerheiligste geht. Das wäre nämlich auch für MTV wiederum das Allerschlimmste: Desinteresse. Ab dem 3. Mai zeigt MTV jeweils sonntags um 18.30 Uhr, montags um 15 Uhr, Mittwochs um 21.30 Uhr und Donnerstags um 19.30 Uhr die Cartoonserie Popetown. Alle Informationen zur Serie gibt es auf popetown.com, alles zur Ausstrahlung auf mtv.de. Die Protestseite deutscher Katholiken findet sich unter stoppt-popetown.de.

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