Die Haare sind streng zurück gekämmt, die Krawatte in der Eile etwas schräg gebunden. Bassem Youssef versucht ein ernstes Gesicht zu machen. Es fällt ihm sichtlich schwer. Dann gehen in dem kleinen Studio etwas außerhalb von Kairo die Scheinwerfer an. Mit dem staatstragenden Gestus eines Nachrichtensprechers wendet er sich zur Kamera: „Willkommen zum Programm: Das Programm.“ Der Rest der Sendung „El Bernameg“ (Das Programm) wird Satire sein und die Situation in Ägypten doch viel genauer beschreiben als die echten Nachrichtensendungen des staatlichen Fernsehens. Seine Parodien und Witze über die Propaganda des Militärrats machten Bassem Youssef innerhalb von sechs Monaten zu einem der beliebtesten Moderatoren Ägyptens. Gleichzeitig war die Situation der Pressefreiheit auch zu Mubaraks Zeiten nie so angespannt wie jetzt.

„Es war, als stünde da eine große Lüge im Raum, aber man kriegt sie nicht richtig zu fassen.“, erinnert sich Youssef. Im März 2011, kurz nach dem Sturz des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, hält Youssef die Berichterstattung über die Revolution in den staatlichen Medien nicht mehr aus: In einer Fernsehsendung wird behauptet, die Demonstranten auf dem Tahrirplatz würden nur tanzen, Unzucht treiben und Drogen nehmen, ohnehin seien alle Islamisten. Bassem Youssef will dem etwas entgegen setzen. Er schneidet Material der Revolution von Nachrichtensendern mit Bildern vom Karneval in Rio zusammen und sagt mit ernster Stimme: „Wenn wir also eines Tages die Geschichte der Revolution schreiben: Es gab Musik, Tanz, Sex, Drogen und Muslimbrüder natürlich. Und die machten einen Karneval und aßen Snacks und dann brach das System zusammen.“ Er stellt den Clip auf Youtube und die kurze Sendung, die er damals noch in seiner Wohnung im Kairoer Stadtteil Maadi aufnahm, wird über Nacht Hundertausende Male angeklickt. Sechs Youtube-Sendungen später nimmt ihn der Sender On TV unter Vertrag. Seitdem ist er Gastgeber der einzigen satirischen Show in Ägypten, eine arabische Mischung aus Stefan Raab und Harald Schmidt. Aber bei ihm geht es um mehr als nur Pointen: „Die Lügen im Staatsfernsehen haben nicht aufgehört“, sagt Youssef heute. „Aber die Revolution hat mehr ehrliche Stimmen hervorgebracht, die sich nun trauen das zu kritisieren.“

http://www.youtube.com/watch?v=9NWxc7D9bVc

Druck von offizieller Seite spürt zumindest Youssef fast nicht mehr. Eine Erklärung dafür könnte seine unglaubliche Popularität sein. Wer pro

allein über Youtube im Schnitt mehr als 300 000 Zuschauer erreicht, den kann man nicht verhaften oder bedrohen, ohne einen riesigen Wirbel auszulösen. Die letzten verbleibenden Tabuthemen seien eher kulturell bedingt, sagt Youssef: „Ich kann nicht über Religion oder Sex sprechen.“

Das musste kürzlich auch einer der berühmtesten ägyptischen Schauspieler, Adel Iman, erfahren. Der beliebte Komiker wurde allerdings verurteilt. Er bekam eine Haftstrafe von drei Monaten, weil er sich in einem Film und einem Theaterstück über den Islam lustig gemacht haben soll. Nabil Abdel Fattah, ein Analyst des Al-Ahram Zentrums für politische und strategische Studien in Kairo, wertete den Prozess als erste Machtdemonstration islamischer Gruppen, die in den Parlamentswahlen die meisten Sitze geholt hatten. Mit religiösen Eiferern auf der einen und dem brutalen Vorgehen des Militärrats auf der anderen Seite wird die Luft nun langsam dünn für Journalisten. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) stufte deshalb zum Jahrestag der Revolution Ägypten auf der Rangliste der Pressefreiheit um 39 Plätze auf Rang 166 herab. Das Land liegt damit nicht nur weit hinter dem ultra-konservativen Saudi Arabien, sondern tauschte sogar ungefähr die Platzierung mit Tunesien, wo im Dezember 2010 der arabische Frühling seinen Anfang nahm.

In einer Stellungnahme von ROG hieß es, die Fortschritte in Sachen Pressefreiheit seien in Ägypten „rein kosmetisch“. Hausdurchsuchungen bei Bloggern und Militärtribunale für Journalisten erzeugten ein Klima der Angst. Das leugnet auch Amru Salim nicht. Er zeichnet politische Karikaturen, saß erst vergangene Woche bei Bassem Youssef in der Show und sprach offen über das Massaker im Fußballstadion von Port Said Anfang Februar und die umstrittene Rolle der Regierung in den Ausschreitungen. „Wenn ich Angst zugelassen hätte, hätte ich niemals angefangen zu zeichnen“, sagt er. „Niemand verbietet mir einen Cartoon, aber ich muss auch an meine Familie denken.“ Im Jargon von „Reporter ohne Grenzen“ fällt das unter „Selbstzensur“.

Die Einschüchterungstaktik des Regimes zeigt Wirkung. Nicht aber bei Bassem Youssef. Er schreckt nicht mal davor zurück, die Katastrophe in Port Said zu thematisieren. „Auch solche Vorfälle kann man satirisch aufarbeiten“, meint er. „Es ist einfach ein anderer Zugang.“ So könne man auch schwierige Themen anpacken, ohne sie drei Stunden zu diskutieren. Sein Hauptziel sei es, über den Umweg der Satire politische Bildung zu betreiben. „Seit dem Sturz von Mubarak haben viele Leute den Glauben an Freiheit verloren“, sagt er. Er will ihnen zeigen, dass es sich lohnt, weiter zu kämpfen. Bassem Youssef selbst glaubt trotz allem an den Erfolg der Revolution: „Ich muss daran glauben. Es ist meine einzige Motivation.“

Text: sidney-gennies - Foto: Screenshot