Der Helfer

Die pakistanischen Stadt Balakot, aus der Luft fotografiert - die Stadt wurde vom Erdbeben Anfang Oktober fast vollkommen zerstört.
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Illustration: Julia Schubert

Die pakistanischen Stadt Balakot, aus der Luft fotografiert - die Stadt wurde vom Erdbeben Anfang Oktober fast vollkommen zerstört. Ares Klöble gehörte zu den ersten Helfern vor Ort. Ares Klöble, 35 Jahre alt und Arzt in Tübingen, gehört als ehrenamtlicher Helfer zur Schnellen Einsatzeinheit Wasser Ausland des „Technischen Hilfswerks“. Sie waren viel unterwegs in diesem Jahr... Im Januar war ich in Sri Lanka, auf Grund des Tsunamis, dann kam der Indonesien-Einsatz im April, zu Karsamstag war das, wegen des Erdbebens bei Sumatra, und dann kam vor kurzem, im Oktober und November, der Einsatz in Pakistan, wieder wegen eines Erdbeben. Sonst hatte ich keinen Einsatz mehr im Ausland. Wie lange waren Sie im Einsatz? Zusätzlich zu den Auslandseinsätzen hatte ich noch einen Hochwassereinsatz zuhause in Ulm, als Iller und Donau über die Ufer getreten sind. Wann war das denn noch mal genau? Vor Pakistan, glaube ich. So Juli, August, aber da möchte ich mich jetzt nicht festlegen. Allerdings war das auch nur ein Einsatz von vier Tagen. Insgesamt war ich ein Vierteljahr für das THW im Einsatz. Ganz schön lange. Es war ein außerordentliches Jahr. Normalerweise geht unser Team im Durchschnitt alle zwei Jahre einmal zum Einsatz ins Ausland. Dieses Jahr war jeder in unserer Gruppe zwei oder sogar dreimal draußen. Das ist außergewöhnlich. Dankenswerter Weise hat mich mein Arbeitgeber da unterstützt und in den Einsatz gehen lassen. Was war Ihre Aufgabe? Meine Hauptaufgabe ist die Betreuung der Helfer, aber ich helfe überall da mit, wo es klemmt. In Pakistan habe ich die Logistik mitgemacht, in Sri Lanka war ich hauptsächlich im Labor tätig und habe die UN in Sachen Wasserqualität beraten, in Indonesien war ich stellvertretender Einsatzleiter. Medizinische Betreuung mache ich sowieso immer. Von Helfern oder, wenn es erforderlich ist, auch von Einheimischen. Allerdings ist es in der Regel so, dass die Bevölkerung durch das Rote Kreuz meistens schon gut versorgt ist. Ganz genau gesprochen gehöre ich zur SEEWA. Was ist das, Seba? Nein, SEEWA heißt unsere Einheit, Schnelle Einsatzeinheit Wasser Ausland. SEEBA gibt´s auch, das ist die Schnelle Einsatzeinheit Bergung Ausland. Die bergen die Menschen, wir machen die Versorgung mit Trinkwasser. Wie sind Sie damit umgegangen, praktisch von einem Katastrophengebiet zum nächsten zu fliegen? Dadurch, dass wir geschult sind und alle schon seit Jahren dabei sind, ist eine gewisse Routine dabei. Man hat seine Kiste immer gepackt zuhause, mit zwei Einsatzanzügen, Helm, Stiefel. Die private Sachen und das Waschzeug gibt man dann zusätzlich hinein. Ich nehme dann noch eine kleine Apotheke mit, mehrere steriles Naht-Sets, Infusionen und dergleichen mit, damit ich die Jungs versorgen kann, wenn etwas passiert. Ja, aber schützt diese Routine denn vor den Eindrücken, die Sie im Katastrophengebiet erwarten? Das nicht. Aber man weiß nach den ersten Meldungen ungefähr, was auf einen zu kommt. Wir haben sechs Stunden Zeit zwischen Alarmierung und Abflug. Man packt seine Sachen, führt ein paar Telefonate mit den anderen Mitgliedern des Teams, verabschiedet sich von Freunden und Verwandten. Vor dem Abflug gibt es dann ein Treffen mit dem Krisenstab des THW – und wenn dann heißt, vor Ort sind 80 bis 90 Prozent der Infrastruktur kaputt, dann weiß ich, auf was ich mich einstellen muss. Vor Ort ist es dann aber trotzdem immer ein ganz anderer Eindruck. Welcher? In Pakistan zum Beispiel, in Balakot, da waren 80 bis 90 Prozent aller Häuser zerstört – wenn du das vom Hubschrauber aus siehst, ist es extrem. In dieser Stadt waren wir eine der ersten Hilfsorganisationen, wir sind mit einem Hubschrauber hingeflogen, kamen also aus Islamabad, wo alles intakt war, in ein Gebiet, das fast komplett zerstört war – einfach kaputt. Sie sehen dann sehr viel Elend, sehr viele Verletzte, sehr viel Leid. Gerade wegen der persönlichen Betroffenheit der Einheimischen. Die Menschen wirkten hoffnungslos. Das war in Sri Lanka ganz anders. Wenn man dort einen Toten geborgen hat, waren die Menschen auch betroffen und trauerten, aber die Menschen waren von ihrer Einstellung her eher optimistisch. Sie schauten nach vorne und sagten zu uns: Irgendwie geht es schon weiter. Die pakistanische Bevölkerung hat für diesen Schritt wesentlich länger gebraucht, da ging erst zwei Wochen später ein Ruck durch die Bevölkerung und sie sagten: Es muss doch weiter gehen. Sie haben die Reaktionen in Katastrophengebieten verglichen? Nein. Während des Einsatzes vergleicht man nicht. Da ist man am Arbeiten, hat wenig Zeit über solche Dinge nachzudenken. Da ist man gefordert, die Bevölkerung braucht einen. Da leistet jeder seine Arbeit, das ist quasi wie ein Automatismus. Das ist auch ganz gut so. Aber wenn man zurückkommt, dann kommen die Gedanken und Bilder wieder in einem hoch. Dann fallen einem Sachen auf: Tatsächlich, in Sri Lanka hat dich auch mal jemand umarmt oder gelächelt. Nach Pakistan kam unser Trupp zurück und ein Kollege hat gesagt: Da hat irgendwie keiner gelacht. Dann ist es uns erst so richtig aufgefallen: Stimmt, wenn da jemand auf dich zukam, war er zunächst immer sehr vorsichtig. Da fängt man erst danach an, darüber nachzudenken. Ein Jahr ist vorbei, sie haben drei Gegenden der Welt gesehen, aber immer nur bei großen Katastrophen – an was erinnern Sie sich? Ich sehe das Positive. In Sri Lanka haben wir zum Beispiel eine Schule aufgebaut, neben der eigentlichen Arbeit, und im Nachhinein dachte ich: Das war das Beste, was wir machen konnten. Wenn ich ein Bild angucke aus der Zeit, dann weiß ich, das war die Hatice, die hat gelacht, als sie wieder ein Päckchen Buntstifte und ein Blatt in die Hand gekriegt hat. So etwas lasse ich Revue passieren. Dass ich auch viele Tote gesehen habe, schiebe ich lieber zur Seite. Wenn Sie aus einem Katastrophengebiet nach Deutschland zurückkehren, wie erleben Sie dann den Alltag hier? Ich genieße es wieder, wenn ich einen Schluck Wasser trinke. Er schmeckt dann ganz anders. Ich genieße dann auch eine warme Dusche ganz anders. Da merke ich immer: Es geht uns hier schon sehr, sehr gut. Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Einsätze erlebt? Beim Tsunami war die Resonanz sehr groß: Jeder wusste über die Katastrophe Bescheid, jeder wollte helfen, jeder wollte spenden. Da kamen auf mich sogar Leute zu, die mir persönlich Spenden ins Katastrophengebiet mitgeben wollten, damit ich sie dort verteile. Das geht natürlich nicht. Ich kann ja keine Privat-Spendenorganisation aufmachen. Indonesien dagegen ist ganz untergegangen, das war eine vergessene Katastrophe. In Pakistan waren die Reaktionen irgendwo in der Mitte: Die Katastrophe tauchte in den Medien auf, aber es war bei weitem keine solche Resonanz wie beim Tsunami. Man wusste, es ist was passiert, aber ich habe auch oft die Aussage gehört: Ach na ja, die helfen sich schon selber, die sind das gewohnt in Pakistan. Ärgert sie das? Nein. Es enttäuscht mich. Wenn man vor Ort ist und weiß, dass der Winter kommt, dass nochmals Menschen sterben müssen, dass sie erfrieren, weil man keine Zelte hat und sich die Menschen in Plastiktüten einwickeln gegen die Kälte, dann macht einen das traurig. Ich habe nach Pakistan oft gedacht: Warum hat jeder zum Tsunami gespendet – aber jetzt, wo etwas ähnlich schlimmes passiert ist, ist keine Bereitschaft zu helfen da? Aber die Leute sind wohl ein Stück weit ausgebrannt. Es ist einfach zu viel passiert dieses Jahr. Foto: dpa

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