Der Keine-Kunst-Künstler

White man can’t jump? Sido und Eminem sind wieder da – und die spannendere Geschichte liefert diesmal tatsächlich Sido
klaus-raab

Die Knarren sind geladen, und diesmal machen sie sogar den Rhythmus. Eminems neues Album beginnt mit einem Beat, der aus der Waffe kommt: Tschick-aufzieh-bumm-bumm, tschick-nachlad- bumm-bumm. Das klingt ganz kurios, aber mehr als ein Zitat ist es nicht. Eminem und seine Posse, mit der er das Album herausgegeben hat – 50 Cent und Konsorten – drehen sich im Kreis; ihr Gangsta-Rap wird auf „Eminem presents the Re-Up“ schnell so fad wie abgestandenes Bier. Marshall Mathers, bekannter als Eminem, hat das Wichtigste schon gesagt. Sein Leben. Sein Kampf. Sein Block. Eminems autobiographische Songs erzählen von einem kleinen Jungen aus der Unterschicht, Stichwort „White Trash“, Trailer Park, Single Mom, Sex, Drugs, Violence, und die absolute Gier nach Respekt. Das Ding ist ein HipHop-Klassiker. Von Eminem, dem weißen Rapper, der nur mit den schwarzen Kids aus seiner Gegend herumhing und deren Sprache spricht, haben wir gelernt, dass Hautfarbe keine biologische sondern eine soziale Kategorie ist, dass auch ein weißes Kind wie er im sozialen Sinn schwarz sein kann, also: ausgeschlossen. Und vor allem deswegen ist Eminem ein ziemlich cooler Hund.

Sido - ein harter Junge aus dem Viertel, oder doch eine empfindsame Seele? Nun aber, auf dem neuen Album, präsentiert sich Marshall Mathers vor allem als Labelchef, der seine neuesten Rapper – eher teilbegabte Typen wie Stat Quo, Ca$his oder Bobby Creekwater – ins öffentliche Bewusstsein bugsieren will. Diese Geschichte vom Aufstieg zum Big Labelboss ist ebenfalls klassischer HipHop, aber sie ist auf diesem Mixtape-Album ziemlich langweilig geraten. Und so erzählt am gleichen Tag, an dem Eminems Platte erscheint, ausgerechnet ein deutscher Rapper die interessantere HipHop-Geschichte: Sido. Der Berliner hat sich eine Biographie schreiben lassen. Das Buch heißt „Ich will mein Lied zurück“, und daraus kann man lernen, dass er Videospiele und Würstchen mit Kartoffelsalat mag, nasenspraysüchtig ist und keine Milch verträgt. So weit, so egal. Aber Sido bastelt darin auch an seinem Image: Der bemühte böse Bub, bekannt durch Totenkopfmaske, Fellkapuze und Songs, die von Analpenetration handeln, zeigt sich im Buch als politischer Künstler. Sidos Lebensgeschichte, die er bislang immer nur angedeutet hatte, ist die eines jungen Kerls aus einem vernachlässigten Milieu, der bei seiner allein erziehenden Mutter in einem lausigen Viertel Berlins aufwuchs, und der, während die anderen Kinder 501-Jeans trugen, nur polnische 507-Imitate hatte. Es geht darum, wo er dank seiner Musik hingekommen ist – zu einem Personalausweis, einem Bankkonto und zu genug Bedeutung, um wegen der jugendgefährdenden Texte auf dem Index zu landen und von Politikern angegriffen zu werden. für jemand, der lange übersehen wurde, muss das eine Genugtuung sein.

Ab jetzt ohne Maske, aber dafür mit Zöpfen. Szene aus dem Aggro-Alltag Sidos Story ist die deutsche Version von Eminems Geschichte. Aber wieder zu kritisieren, dass sie im Vergleich mit der US-amerikanischen Ghettoerzählung zu harmlos sei, um überhaupt erzählt zu werden, heißt auch, jedem Mitglied der deutschen Unterschicht, über die derzeit so mitleidvoll debattiert wird, ohne dass sie selbst oft zu Wort käme, in die Fresse zu treten. Auf Sidos neuem Album „Ich“, wie das Buch gestern erschienen, geraten Sätze in den Mittelpunkt wie: „Das ist mein Leben im Viertel, es geht nicht aufwärts, nur bergab / Das Leben im Viertel ist es, das dir das Leben schwer macht“, „Die Welt ist’n Haufen Scheiße“ oder „Ich bin kein Gangster, ich bin kein Killer, ich bin kein Dieb / Ich bin nur ein Junge von der Straße“. Kurz, und das ist eine Zwickmühle: Er macht sich nicht nur zum Aktivisten, der von unten spricht, sondern zugleich auch zum passiven Opfer ohne Vision und ohne Idee. Im Mittelpunkt der Biographie jedoch steht ein Kapitel, in dem beschrieben ist, wie er mit Monika Griefahn, der Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, über seine Kunst sehr aktiv diskutiert und für einen anderen Blick von oben nach unten plädiert. Das Gespräch ist exemplarisch für all die milieubedingten Missverständnisse, die es in der Interpretation von HipHop der textlich harten Gangart immer gibt, wenn Leute aus einem Milieu, in dem die Sprache elaboriert ist und das F-Wort nicht benutzt wird, die teilweise derben und vulgären Texte hören, sie mit ihrer eigenen Weltanschauung abgleichen und so nur Gefährliches und Idiotisches darin entdecken. Griefahn hatte Sido Sexismus und Gewaltverherrlichung vorgeworfen. Sido und seine Posse dagegen argumentieren, es werde nur wiedergegeben, was man aus der eigenen Umgebung kenne, und die Sprache der Straße sei ein Stilmittel, ein kultureller Code, den man dort, auf der Straße, schon zu deuten wisse. Und eigentlich muss man tatsächlich auf die Straße gehen und nicht in den Bundestag, um herauszufinden, ob das stimmt. Sidos Argumentationsproblem ist, dass er die Sprache der Kunst nicht so fehlerlos spricht wie zum Beispiel der so genannte Schockrocker Marilyn Manson. Der war von amerikanischen Konservativen beschuldigt worden, der Grund für das Schulmassaker von Littleton zu sein, weil die Täter seine Musik gehört hatten. In Michael Moores Film „Bowling for Columbine“ hat Manson die Feuilletons davon überzeugt, wie reaktionär diese Kritik ist. Er sprach darin sehr vernünftig über seine Position als Künstler. Bei Sido fehlt aber die Trennschärfe zwischen Figur und Künstler, die es bei Manson gibt. Wenn Sido „Ich“ singt und im selben Atemzug über Drogenkonsum am Wochenende, wie im indizierten Song „Endlich Wochenende“, dann liegt der Gedanke nahe, er schreibe autobiographische Texte und gebe mit jedem Satz seine persönliche Position wieder. Doch wenn man nicht alle Angehörigen derer, die Unterschicht genannt werden, zu Volltrotteln erklären will, muss auch für Sido der Verdacht gelten, dass es sich bei seiner Musik um Kunst handelt. Und wer die höhere Bedeutungsebene darin partout nicht finden will – der muss eben noch einmal suchen. Marcel Feige "Sido - Ich will mein Lied zurück“ 200 Seiten, 14,90 Euro, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Sido “ICH", Aggro Berlin Eminem “Eminem presents the Re-Up”, Shady/Interscope Records, in Deutschland bei Universal Music Fotos: Marcel Feige, entnommen aus "Sido - Ich will mein Lied zurück", Seiten 172, 201

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