Der kluge Messermacher von Brooklyn

Zehn Minuten, die sich lohnen: In einem kleinen Film über Joel, den Messermacher, lernt man viel darüber, was Zufriedenheit im Beruf ausmacht.
peter-wagner

Berufsberater haben ein Mantra auf den Lippen, das gut klingt, sich aber schnell abnutzt: Mach das, was dir Spaß macht, mach das, was dir liegt, mach nur Dinge, die dir liegen und aller Erfolg wird sich von alleine einstellen. In der Art geht es dahin und man nickt immer gern mit dem Kopf, wenn man die Berater so beten hört. Trotzdem trauen sich viele nicht an die Umsetzung des Spruchs. Es braucht Courage, dem Rat anstandslos zu folgen. Häufig kommen die Ansprüche der Eltern, der latente Geldmangel oder eine schwierige wirtschaftliche Gesamtlage zusammen und schwupps, schon wird man Lehrer oder Ökonom - und eben kein bildhauender Künstler und kein hobelnder Tischler. Immerhin: Ein Vorteil an einem solchen Entscheidungsverlauf ist vielleicht, dass einem ein Traum bleibt. Sein Leben lang behält man die fixe Idee vom Tischler oder Bildhauer im Kopf und denkt in schweren Stunden darüber nach, ob man sie nicht doch nochmal wagen sollte.



All jene, die noch von etwas träumen und gerne mit ihren eigenen Entscheidungen ringen (auch wenn sie schon getroffen sind), werden mit Genuss den Film über Joel Bukiewicz anschauen. Der Kerl trägt Bart und Kappe und lebt in Brooklyn. Der Kerl hat also das Zeug, ein willfähriger Hipster zu sein. Aber hey: Ist er nicht. Er hat eine schöne Geschichte zu erzählen. Er hat in New York einen Master in „Fiction Writing“ gemacht und danach  Probleme bekommen, sein Buchmanuskript an den Mann zu bringen. Er überlegte und dachte sich: Okay, ich muss jetzt aufpassen. Wenn es so zäh weitergeht, laufe ich Gefahr, mir den Spaß am Schreiben zu vermiesen. Joel schrieb drei Monate lang gar nicht und fummelte stattdessen an allem möglichen rum. Er zimmerte Regale, bastelte Schmuck, machte Dinge, denen man nachher die Arbeit ansehen konnte, die er reingesteckt hatte. 

Keith Ehrlich hat bereits einen Film über Handgemachtes gemacht. Da geht es um einen Kerl, der, auch in Brooklyn, Gin destilliert. Das Handgemachte hat in allen Belangen Konjunktur, nicht nur in Amerika. Die banalste Erklärung wird sein, dass, wenn alles computriger wird, die Sehnsucht nach dem Manufakturierten eben größer wird. Es gibt aber vielleicht noch eine Erklärung. Der Mensch mag es, wenn sein Leben aus Zusammenhängen besteht, wenn er sehen kann, wo etwas herkommt, wenn er Dinge nachvollziehen kann. Das könnte einer der wichtigsten Gründe für die Renaissance des Selbermachens sein: Selbergemachtes vermittelt das Gefühl von Sinn. Und diesen Sinn findet der Mensch, wenn er Dinge zusammensetzen kann.

http://vimeo.com/31455885

Joel, dem man in dem zehnminütigen Film beim Messermachen zusehen kann, hat allem Schein nach Sinn für sich gefunden. Er hat nämlich irgendwann angefangen, Messer zu machen. Er ist besser darin geworden, immer besser. (Er zitiert die Geschichte von Malcolm Gladwell, der meinte, man müsse eine Sache gut 10.000 Stunden trainieren, um sie sehr gut zu beherrschen.) Man müsse, und das verbinde das Schreiben und das Messermachen, bereit sein, Blut und Wasser zu schwitzen, eimerweise: „You cut yourself, you burn yourself, you fuck stuff up, you ruin something you have worked on for three weeks and never make that mistake again. This is how I learned.“ Joel sagt etwas Entscheidendes: Man muss zäh sein, um in einer Sache ein Meister zu werden.

Natürlich schaut man ihm auch deswegen so gern zu, weil er den amerikanischen Traum wieder ein bisschen wiederbelebt. Gerade jetzt, wo alle denken, mit Amerika und gleich auch Europa gehe es so derart den Bach runter, freut man sich an solchen Typen. Er ist einer, der von sich und anderen Unternehmensgründern erzählt und dabei Vokabeln wie „pumped“, „push“, „sacrifice“, „dreams become things“, „hooked“ benutzt. Alles Synonyme für das Glück, das entsteht, wenn man das macht, was einem Spaß macht. Alles sehr amerikanische Worte - nicht nur, weil sie Englisch dastehen. Der Film ist das perfekte Promovideo für Berufsberater.

Und doch sagt Joel, dass man nicht glauben solle, alles laufe bei ihm nun von alleine, nur weil er mache, was er gerne mache. Gar nicht. Aber er arbeite immerhin für sich selbst, sagt er. Kein Chef sage ihm, wo es langgehe. Er könne nachvollziehen, wohin seine Lebenszeit verschwindet. Das ist nicht wirklich Erfolg und daraus leitet sich kein Wohlstand ab. Das versteht man, wenn man Joel zuschaut. Aber das ergibt in der Summe Sinn, weil die Arbeit in einem Zusammenhang steht. Weil das, was Joel tut, genutzt wird. Weil die Leute wieder sehen wollen, wo die Dinge herkommen. Ein schönes Video.


Text: peter-wagner - Foto: Screenshot

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