Der Kongress ballert

Damit die Abgeordneten wissen, was sie verbieten wollen: Im bayerischen Landtag wurde ein Computerspielabend veranstaltet. jetzt.de war dabei.
michael-moorstedt

Das erste böse Wort taucht gleich auf der zweiten Powerpoint-Folie auf. Es heißt Spielsucht, der CSU-Abgeordnete Eberhard Sinner schaut ernst. Er steht auf einem Podium, er hat die Fakten einzeln untergliedert, damit allen die Bedeutung klar wird, damit keine Unsicherheiten herrschen. 50 Milliarden Dollar, 100 Millionen Menschen, 470.000 Euro. Umsatz der Computerspielindustrie weltweit, Spieler der Sims weltweit und ein Haushaltsposten zur „Förderung interaktiver Unterhaltungssoftware.“ Der erste parlamentarische Computerspielabend im bayerischen Landtag wird anstrengend. Es lädt ein – die CSU Fraktion. Eberhard Sinner ist ihr medienpolitischer Sprecher. Am Ende seines Vortrags erlaubt er sich eine spitze Bemerkung gegen den „Professor aus Niedersachsen.“ Christian Pfeiffer heißt der, ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover und steht meist an vorderster Mikrofon-Front, wenn es um simple Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichem Scheitern und Computerspielen geht. Sinner erntet anerkennendes Nicken aus der Ecke der Fachpresse. Er ist bemüht, er ist tolerant. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art in einem deutschen Länderparlament.

Der CSU-Abgeordnete Alexander Radwan am Controller. Ein paar Herren in Anzug und Krawatte machen Platz für junge Männer auf deren T-Shirts "Halo 3" und "Metal Gear Solid" geschrieben steht. Titel von Spielen, in denen auf Menschen oder Tiere oder Aliens geschossen wird - die Jungs von den Computerspielzeitschriften. 22 Abgeordnete sind geblieben, die meisten von der CSU. Es herrscht Fraktionsdisziplin. Ihnen stehen knapp hundert Vertreter der Computerspielindustrie zur Seite, um sie an 65 Spiele heranzuführen. Spieler haben keine Lobby, die Industrie schon. Der bayerische Landtag thront auf einer Anhöhe nahe der Isar, wer nach Westen schaut, unter dem breitet sich München aus, so schön und ordentlich, wie man es sonst nur bei Googles Maps sieht. Von hier oben hat man einen guten Überblick. Mancher scheint ihn in letzter Zeit verloren zu haben. Etwa Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. „In ihren schädlichen Auswirkungen stehen Killerspiele auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie“, ließ er sich im März zitieren. Oder Herrmanns Kollege Siegfried Schneider, Chef der bayerischen Staatskanzlei, der kurz darauf einen Führerschein für Computerspiele forderte. Weder Herrmann noch Schneider sind heute Abend gekommen. Sie verpassen ein Anti-Mobbing-Spiel, und eines, um die Integration von Migranten zu verbessern. Ein weiteres Modul widmet sich der Förderung von Kulturkompetenz in der Geschäftswelt. Signal: Spiele müssen nicht immer nur Spaß machen oder brutal sein, man kann auch Gutes mit ihnen tun. „Spielekompetenz ist ein wichtiger Bestandteil der Medienkompetenz“, sagte Eberhard Sinner. Für eine Ausführung bleibt keine Zeit. Aber Kompetenz ist ein gutes Wort. Vielleicht weiß Jürgen Hilse weiter. Der Psychologe arbeitet bei der Unterhaltungssoftware – Selbstkontrolle. „Spielen ohne Risiko ist möglich“, sagt Hilse. „Man braucht nur Zeit, Information und Verständnis. Von allen Seiten.“ Es klingt so einfach. Jürgen Hilse und seine Kollegen haben im vergangenen Jahr knapp 3000 Titel überprüft. Knapp die Hälfte haben sie ohne Altersbeschränkung in die Regale der Kaufhäuser entlassen. Keine Gefahr also, Zeit zu spielen. Der Senatssaal des Landtags beherbergt heute Abend eine Leistungsschau der Industrie. Controller ragen in den Raum, verführerisch bunte Flatscreens leuchten an den Wänden. Der größte Bildschirm hängt neben der Tür, von einem Ölgemälde blickt König Maximilian II. skeptisch auf das hektische Treiben unter ihm: Die medienpolitische Sprecherin der FDP klickt sich unbeholfen durch ein dunkles Gebäude, am nächsten Stand hat man Eberhard Sinner einen Controller in die Hand gedrückt, Tennis. Er gibt sich engagiert beim Aufschlag, eine Minute später hat er das erste Spiel zu Null verloren. Ein weiterer Abgeordneter versucht auf einem Wii-Balanceboard durch Gewichtsverlagerung bunte Bälle in ein Loch zu bugsieren. Nach dem fünften Level gibt er auf. Das Spiel zählt seine Punkte zusammen und nennt ihn Amateur. In die harsche Welt der Ego-Shooter traut sich kaum einer der Politiker. "Crysis", immerhin der erfolgreichste Exportartikel der Branche, bleibt verwaist. Auch der Mann von Microsoft steht einsam vor der "Halo-3"- Konsole, er entleert das Magazin seiner Laserpistole in einen virtuellen Baum. Videospiele dienen auch dem Frustabbau. Etwas versteckt in einer Ecke hat der Verein Videospielkultur seinen Stand aufgebaut. „Wir bemühen uns um die Anerkennung von Videospielen als wichtiges Kulturgut. Auch von Seite der Politik“, erklärt der Vorsitzende André Horn. Zu Beginn des Abends hat er den Abgeordneten eine kurze Einführung gegeben. Hat um Verständnis gebeten, um Zeit, wollte informieren. Ist es ihm geglückt? Er ist sich nicht sicher und lächelt dann doch. Immerhin ein Wort hat man heute Abend nicht gehört: Killerspiele.

Text: michael-moorstedt - Foto: dpa

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