Der letzte Ritt: Durchs Meer aus Plastik trampt Tobias nach Hause

Tobias Fischer, 22, Student in Leipzig, setzte sich am 12. April in Eisenach auf sein Fahrrad und fuhr über die Schweiz und Frankreich nach Spanien. Für jetzt.de hat er ein Tagebuch geführt, das Sehnsucht macht. Der letzte Eintrag: Heimkommen nach einem langen Sommer. Folge 6 von 6: Aus Europas einziger Wüste in die Arme der Mutter, von Flamenco-Klängen über 3000-Meter-Pässe in die Kajüte eines 40-Tonners und den Ofenstein hinauf.
tobias-fischer

1. Grinsendes Skelett Die Wüste, Europas einzige, wo so mancher Italo-Western gedreht wurde, die Desierto de Tabernas. Nahe Tabernas ist ein Vergnügungspark á la Legoland. Auf dem Parkplatz ertönt die wohl bekannteste Mundharmonikamelodie der Welt als Dauerbeschallung. Kurz fühle auch ich mich wie Charles Bronson auf der Suche nach Sweet Water. Weit und breit ist nichts.

Auf dem Weg in die Wüste. Einige Meter von mir entfernt schimmert es weiss. Ein Hund fand seine letzte Ruhestatt. Das Skelett ist wohlbehalten, ich habe einen Weggefährten, wenn auch ein wenig tot. Du sollst mein Zimmer schmücken und mir ist, als würde der mit Zähnen bewehrte Kiefer bejahend grinsen. Wahrscheinlich macht mir die Sonne zu schaffen. Stationen: Desierto de Tabernas (Europas einzige Wüste, Andalucía) - Tabernas (Andalucía)


2. Doping mit Aspirin Die Sierra Nevada türmt sich auf. In Almeria zeigte Antonio mir einen kleinen Pfad auf der Karte, mitten im Hochgebirge. Man bräuchte einen Tag für die geschätzten 40 Kilometer. Zwischen mir und Granada, das am anderen Ende lauert, liegt nur noch der Mulhacen, der höchste Berg Spaniens, 3482 Meter blanker Fels. Antonio meinte: “Es gibt kein Wasser dort oben!” Bepackt mit H2O beginnt der Aufstieg. Lange zieht sich der Weg in Schlängellinien, ist noch asphaltiert, wird aber schnell zur Geröllsandpiste. Einzeln fahren Autos der Nationalparkwächter vorbei, einige Bergwanderer, sogar Mountainbiker. Einzelne Stücke Wald, trockene, dem Boden alles an Feuchtigkeit abtrotzende Kiefern.

Und es gibt doch Quellen hier oben! Ganzkörperdusche, kurze Rast, im Schatten eines Felsens schlafe ich eine Stunde im Sitzen, neben mir das Plätschern der Quelle. Wasser aus Bergwand - Gold wert. Ab 2000 Metern Höhe ist der Weg für mich und die Bergmeisterin nicht mehr fahrbar. Mein Fahrrad gräbt sich mit jedem Pedaltritt in den Staub, die Luft wird dünner, ich schiebe. Alle paar hundert Meter bleibe ich stehen, hole Atem, dope mit Aspirin, ein wenig wummert der Schädel. Ganz still hier oben. Kein Ort ist auszumachen, es soll laut Karte Hütten geben. Nach jeder Kurve glaube ich, den höchsten Punkt erreicht zu haben, um dann wieder eine Schlucht zu sehen, den winzigen Pfad über den Pass, der eigentlich nur zu Fuss passierbar scheint. Ich halte inne, geniesse den Ausblick. Zu hören ist nur der Wind. Der Abend schleicht sich ganz hinterhältig von hinten an. Es ist nach neun und ich sehe ein, dass es wohl heute nicht mehr über den Pass zu schaffen ist. Auf über 3000 Metern Höhe breite ich mein Lager aus. Gestirne zur Nacht, die Milchstrasse hell wie selten, leise säuselt der Wind. Es wird kalt. Stunden später, langsam kriecht das Rot auf die Klüfte. Der Morgen kommt. Weiterschieben. Schnell, schnell - Aber ganz langsam! Wenige Meter vor mir passieren Gemsen den Weg. Sie sind so zahm, dass sie mir das spärliche Grün, Flechten und Moose, aus der Hand fressen. Noch bis zum Mittag wuchte ich die Bergmeisterin aufwärts, endlich, 3.300 Meter, der höchste Punkt meiner Reise. Der Gepäckträger, den ich zum Drahtverhau gemacht habe, hält leidlich. Ich blicke ins Tal, erste Bergwanderer, dann bergab. Fast zwei Stunden rolle ich die Serpentinen, fast bis nach Granada. Stationen: Canjáyar (Andalucía) - Trevélez (1650m, das höchstgelegene Dorf in Spanien, Andalucía) - Capileira (Andalucía) - Mulhacén (3477m, höchster Berg Spaniens, Pass bei circa 3300 Metern, Andalucía)


3. Ankunft in Granada Dann liegt sie vor mir. Granada. Letzte Bastion der Mauren, bis 1492, als die spanisch-katholische Reconquista die Stadt als letzte Spaniens zurückeroberte. Das arabische Flair der Stadt, über allem die Alhambra, sind greifbar. Ich rufe Juan an, den Bruder Gregors, den ich aus Leipzig kenne. Am Plaza de Gran Capitan nimmt er mich in Empfang. Die nächsten Tage verbringe ich in seiner Fünfer-WG. Wenig später kommt Jack. Er und Juan kennen sich seit zwei Monaten. Es sind Jacks letzte Tage in Granada, bevor er wieder ins englische Norwich aufbricht, wo er Schlagzeuger der Band Koruqi ist.

Der John in der WG in Granada.

Der Juan in der WG in Granada.

  • teilen
  • schließen