Der Pickel-Krampf: eine Typologie aus der Pubertätshölle

Die Pubertät ist kein Kinderspielplatz. Vor allem nicht im Gesicht. Um der Pickel-Hölle zu entkommen, lassen wir nichts unversucht. Schließlich geht es um unser Leben
christina-waechter

Umstellung der Ernährung Wer empfiehlt’s? Die Mutter mit dem Hang zum ganzheitlichen Blick auf die Welt. Und die hat es von ihrem Homöopathen, den sie geradezu hündisch verehrt. Schließlich: „Du bist, was du isst, Kind. Überleg’ doch mal: All die Schokolade, die süßen Getränke… die Haut ist der Spiegel der Seele!“ Warum macht man es? Auch wenn man im Internet gelesen hat, dass Schokolade nichts mit Pickeln zu tun hat: irgendwie leuchtet es ein, dass Fett verstopft – auch die Poren. Was bringt’s? Nach zwei Tagen heilen zwei Pickel ab. Leider bekommst du gleichzeitig einen unangenehm nässenden Ausschlag, der sich später als Fruchtzucker-Unverträglichkeit herausstellt. Und die Pickel verschwinden auch nicht. Nach einer Woche Schokoladen-Entzug gibst du auf und bleibst deprimiert bei deiner Teenager-Diät. Wenigstens schmeckt das Verderben gut.


Hausmittelchen: Zahnpasta, Hefe-Maske, etc. Wer empfiehlt’s? Das „Buch für moderne Mädchen“, das du bei deiner Großmutter im Regal entdeckt hast. Es stammt aus den 1950er-Jahren und enthält alle Hausmittelchen für alle Unpässlichkeiten dieser Welt. Sowie Internetforen für Menschen mit wenig Geld und viel Zeit. Auch die Erklärung leuchtet zumindest oberflächlich, ein: „Zahnpasta trocknet aus, Hefe zieht Bakterien aus der Haut“ Warum macht man es? Warum nicht abends alle betroffenen Stellen mit Zahnpasta eintupfen? Sehen ja nur die Eltern und Geschwister? Warum nicht ein Stückchen Hefe mit warmer Milch zu Lehm verarbeiten und auf das Gesicht auftragen? Aus Verzweiflung machen Menschen noch viel verrücktere Dinge. Und preiswert ist es auch. Also los! Was bringt’s: Im besten Fall siehst du am nächsten Morgen immer noch aus, wie ein Fliegenpilz. Im schlimmsten hat deine kleine Schwester ein Foto gemacht, das sie aus lauter Geschwisterliebe bis zu deiner Hochzeit aufhebt, um es dort der amüsierten Festgemeinde zu präsentieren. Selbstverständlich hilft keines der Hausmittelchen, aber immerhin schaden sie auch nicht.


[b]Ausdrücken! Wer empfiehlt's?[/b] Keiner. Denn jedes Kind und erst recht jede Mutti wissen, dass Pickel Ausdrücken grundsätzlich, universell und überhaupt verboten ist. Bei Verstoß droht eine fiese, rot leuchtende Entzündung, schlimmstenfalls eine dich dein Leben lang entstellende Narbe. Also Hände weg! Brav sein, ausharren, und beten, dass sich das Ekel über Nacht vielleicht irgendwie in Wohlgefallen auflöst. [b]Warum macht man es?[/b] Weil er da so dreist sitzt, der Kerl. Da, wo es natürlich jeder sofort sieht. Und dich mit seinem fetten gelben Auge anglotzt. Er will Krieg? Den soll erhaben! Denn du weißt, du bist stärker. Du musst nur die Finger heben, ihn vorsichtig umzingeln und ihm an seinen eitrigen Kragen gehen. Tu es! [b]Was bringt’s?[/b] Das Gefühl tiefster Befriedigung, wenn du ihn erledigt hast. Das ploppende Geräusch wenn die Haut endlich aufplatzt und der gelbe Glibber raushüpft. Pickel Ausdrücken macht süchtig. Es ist eine Obsession, ein Laster, welches zu frönen du dann wirklich oft böse bezahlst. Mit roten Entzündungen. Oder Narben. Aber ergeben wirst du dich trotzdem nicht. Niemals.


Clerasil Wer empfiehlt's? Erstmal die Werbung. Und eigentlich sonst niemand. Sie wirbt aber nun mal mit den pfirsichbackigsten Menschen der Welt und deswegen fällt man gelegentlich doch wieder darauf rein. Und wie schnell das gehen soll: Morgens hat Tobias noch riesige, aufgeschminkten Pickel, abends schon kriegt er einen Kuss auf die Pfirsichbacke von der kessen Saxofonspielerin, die sich kein bisschen ekelt. Super! Warum macht man es? Zum einen, weil man vielleicht nichts anderes weiß. Zum anderen ist es ist ja erstmal eine ziemlich niedrigschwellige Abwehrmaßnahme und hat nur etwa den Peinlichkeitsfaktor von Zahnseide. Außerdem wirken die Produkte, als wären sie ganz normale Reinigungsmittel, quasi Seife mit Zusatzfunktion. Also ruhig mal nehmen, vor allem, wenn am Abend die Saxofonspielerin geküsst werden soll. Denn dafür steht Clerasil dank Werbung auch: Macht das Unmögliche möglich. Eine schöne Illusion, die die Aufregung vor der Klassenparty ein bisschen mindert. Was bringt's Wenig. Oder sagen wir: zu wenig. Pfirsichbacken gibt’s nämlich nie und kein Pickel geht auch nur eine Stunde früher weg. Immerhin vermittelt das Gesichtswasser eine Art Sterilitäts-Gefühl und man glänzt nicht mehr so. Das ist im Partykeller schon viel wert. Die versprochenen Langzeiterfolge stellen sich auch nicht recht ein, weil immer kurz bevor man die Frist erreicht hat, die laut Packung bis zur endgültigen Hautklärung notwendig ist, sind Flasche oder Tube leer sind. Deswegen erfährt man nie genau, ob man es vielleicht geschafft hätte.


[b]Überschminken Wer empfiehlt's?[/b] Jedes Make-up Regal dieser Welt: Coversticks für deinen perfekten Auftritt! Optimal abdecken und mattieren! Antibakterielle Wirkung inklusive! Hallelujah! [b]Warum macht man es?[/b] Weil du (ausgerechnet) heute ein Date hast. Und Dates und Pickel natürliche Feinde sind. Der Abdeckstift leistet tapfer erste Hilfe bei akutem Pickel-Alarm und kaschiert das Schlimmste. Für den Moment. Und von Weitem. [b]Was bringt's?[/b] Erfahrungsgemäß auch kein Wunder. Aber immerhin ein reines Gewissen, deiner Haut nichts Böses getan zu haben. Und unter Umständen die volle Aufmerksamkeit deines Dates: „Hast du Dreck im Gesicht? Oder was ist der braune Fleck da auf deiner Stirn? Ach so, ein Pickel…“


Der Hammer aus der Apotheke Wer empfiehlt’s: Dein Hautarzt, dem du mit wackliger Stimme von deiner Scham angesichts deiner Erscheinung und möglichen psychologischen Folgeschäden vorgejammert hast, schreibt dir ein Rezept mit den Worten: „Das hilft garantiert.“ Warum macht man es? Du hast alles versucht. Und du siehst nicht ein, dass dein Leben wegen Pubertät und verstopften Talgdrüsen ein unwertes Leben sein muss. Klar, dir ist bewusst, dass du jetzt mit Kanonen auf Spatzen schießt. Aber schließlich ist es dein Leben, dein Körper und dein Recht auf schöne Haut! Also eilst du zur Apotheke, wo das Mittelchen nur für dich angerührt. Auf der weißen Schale steht dein Name, du bist irgendwie stolz. Was bringt’s? Das Zeug wirkt! Innerhalb von wenigen Tagen siehst du wieder aus wie ein echter Mensch. Dumm nur, dass du von nun an bis zum Ende deiner Pubertät teure Schmiere einkaufen musst, die gleich mit Hammer-Antibiotika wirkt. Aber von Gutmenschen, die dir vorwerfen, dass wegen Menschen wie dir ständig neue Antibiotika entwickelt werden müssen und dafür Tiere gequält werden, lässt du dir die Laune auch nicht verderben, sondern drehst dich einfach um und gehst mit deiner schönen Haut woanders hin.

Text: christina-waechter - und christiane-lutz; Illustration: christian-fuchsberger

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