Der Sonntag mit... Punk in Neuseeland

Dennis Plauk ist Chef der Musikzeitschrift Visions. Und wie es sich für so jemanden gehört, beginnt sein Sonntag mit einer ausflippenden Punkband. In Neuseeland.
erik-brandt-hoege

Name: Dennis Plauk 

Alter: 33

Geburtsort: Dorsten

Wohnort: Essen

So erkläre ich meinen Job meiner Oma: Ich mache eine Zeitung für Rocker

Mein liebster Wochentag: Montag jedenfalls nicht
Aktuelles Projekt: Visions #265

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Illustration: Julia Schubert


0:00 Uhr: Hallo Sonntag, hallo Februar, hallo Sommer. Zuhause gibt’s den ersten Schnee des Jahres, hier in Neuseeland eine Gartenparty. Segen der Südhalbkugel. Habe eindeutig die beste Zeit für diese Interview-Reise erwischt.


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0:15 Uhr: Und die nettesten Gastgeber: The Jury And The Saints sind eine Punkband aus Auckland und wollen Visions ihr Land zeigen. Heute steht der Höhepunkt unseres dreitägigen Roadtrips an, eine Mottoparty im Surfer-Hotspot Mount Maunganui. Schicker Villenvorort. Blick auf den Pazifik. Dresscode Hawaii. Die Band soll für die Outdoor-Beschallung sorgen. Mal gucken, ob sie die Leute knacken. Vor allem Banker und Ärzte sollen auf der Gästeliste stehen.


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0:25 Uhr: In dem Moment, als Jesse, Rowan, Ivan und Marty mit ihrer Mission beginnen, drehen die Leute durch. Nicht ein bisschen, sondern so, als gäbe es kein Morgen. Pogen, brüllen, suhlen sich in einer großen Staubwolke. Einer lässt die Hosen herunter, ein anderer steht plötzlich auf einem Surfboard und wird über die Köpfe der Leute getragen.


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0:30 Uhr: Gitarrist Rowan wirkt nicht so, als könnte er glauben, was hier gerade abgeht.


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0:35 Uhr: Der Tanzstil der Leute kippt langsam Richtung Kampfsport. Bandfrontmann Jesse geht ein paar Mal in Deckung, nimmt es ansonsten aber gelassen. Vor dem Konzert hat ihn ein Mädchen gefragt: „Habt ihr eine Setlist?“ Und er so: „Nein, aber mit Glück haben wir eine halbe Stunde, bis jemand eingreift.“


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0:50 Uhr: Gute Prognose. Nach 25 Minuten klopft das Ordnungsamt an und händigt Gastgeber Paul eine Verwarnung wegen „exzessiven Lärms“ aus. Später im Bus der Band macht der Wisch die Runde. Kann es einen besseren Beleg für eine perfekte Punkparty geben?


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1:20 Uhr: Allenfalls Martys Drumsticks, die am Ende des infernalischen Punkrock-Quickies zerborsten auf der Snare liegen. „Während der Show dachte ich, ich hole mir echt blutige Hände, dabei habe ich nicht mal einen Splitter abbekommen.“ Wäre ihm aber garantiert egal gewesen.


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9:30 Uhr: The Jury And The Saints wissen, wie man feiert – und danach gründlich aufräumt. Rowan hat die Staubbeseitigung zur Chefsache erklärt.


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10:45 Uhr: Katerfrühstück in Mount Maunganui. Fishburger & Fries. Im Hintergrund läuft Rugby, „das können wir Kiwis besser als Fußball“, sagt Ivan. Neben ihm sitzt Raji, der den Gig vergangene Nacht gefilmt hat. Bevor einem hinterher keiner glaubt.


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12:30 Uhr: Stichwort Raji – das blühende Leben! „Von da oben sieht man am besten. Könnt ihr schon klettern?“ Offenbar eine rhetorische Frage, die dem Aufstieg auf den Hügel über Mount Maunganui vorausgeht. Geantwortet hat nämlich keiner, losgelaufen sind alle. Will sich wohl keiner als Erster die Blöße geben. Lieber hochschleppen als schlappmachen.


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12:45 Uhr: „Irgendwie doch nicht so schön hier, trüber Tag. Lasst uns mal weiter!“ Mein Entsetzen über die neuseeländischen Wetterverhältnisse hält sich bei 21 Grad und nach wochenlangem Eis-von-der-Windschutzscheibe-Kratzen vor dem Weg ins Büro in Grenzen.


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14 Uhr: Unterwegs nach Raglan, auf der anderen Seite der Nordinsel Neuseelands. Gestern auf der Party meinte eine: „Als Gott die Welt erschaffen hat, fing er mit Raglan an.“ – „Nettes Kompliment, aber ein bisschen übertrieben“, sagt Marty. Der Schlagzeuger lebt in dem malerischen Küstenort, Gott ist ihm aber noch nicht ins Haus gekommen.


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17.00 Uhr: Dabei wäre er ein guter Gastgeber. Marty am Grill. Heute ist unser letzter gemeinsamer Abend, er und seine Frau schmeißen ein großes Barbecue für alle. Morgen früh müssen die Jungs zurück in ihre Dayjobs. Gefühlte Rockstars sind sie nach gestern Nacht schon, nur der Gehaltsscheck sieht das anders.


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19:30 Uhr: Noch mehr Besuch! Ben ist der Drummer von Parkway Drive aus Australien und kommt gerade von einer vierwöchigen Backpacker-Tour durch Neuseeland zurück. Rowan verliert keine Zeit, ihm das Video von letzter Nacht zu zeigen. Die meisten Sätze, die ab jetzt aus Bens Mund kommen, fangen mit „Was zur…“ an.


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19:30 Uhr: „Äh, guckt mal hier – ein Buch!“ Ivan lenkt unterdessen Martys Kinder ab.


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22:00 Uhr: Da bist du ja endlich, Jetlag! Zwölf Stunden Zeitunterschied zwischen hier und zu Hause fordern ihren Tribut. Das Foto, das ich vorhin auf der Fahrt geschossen habe, brauche ich nicht mehr. Vielleicht ja dann in ein paar Tagen zurück in Deutschland, wenn ich um drei Uhr nachts hellwach im Bett liege und nur noch Schafezählen hilft.


Text: erik-brandt-hoege - Fotos: Dennis Plauk

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