Der Stoff, aus dem die Nerds sind

Kinotipp für diese Woche: Juno-Star Michael Cera als Comic-Held Scott Pilgrim. Regisseur Edgar Wright hat ein "Fightsical" mit minutiösem Timing, atemlosen Humor und perfektem Soundtrack gedreht.
daniel-wuellner

Scott Pilgrim (Michael Cera) ist 23, lebt in Toronto und befindet sich zwischen zwei Jobs. Er geht mit einem 17-jährigen Highschool-Mädchen und ist Bassist der Band Sex-Bob-Omb. Ein typisches Ausgangsszenario für einen Slackerfilm, in dem auf dem Sofa Pizza gegessen wird und dabei Videospiele gespielt werden. Und genau das passiert auch.

Aber es passiert nicht nur das. Denn die Zeit des Herumlungerns ist vorbei als Scott Ramona Flowers (Mary Elizabeth Winstead) begegnet und sich in sie verliebt. Einen Haken hat die Sache allerdings: Bevor er mit Ramona zusammen sein kann, muss er ihre sieben bösen Exfreunde besiegen. Dass urplötzlich das Genre Karatefilm in die lethargische Slackeratmosphäre eindringt, mag befremdlich sein, ist aber ebenso komisch wie die Dialoge im Film. Welcher Regisseur könnte diesen Genremix besser umsetzen als Edgar Wright (Shaun of the Dead und Hot Fuzz)? Als wäre dieser Spagat nicht schon Aufgabe genug, fordert die Comicvorlage den Retrochick längst vergangener Videospiel- und Comiczeiten. Wright setzt sowohl Thema als auch Form um und dreht gleichzeitig einen unterhaltsamen Film: Allein der Vorspann bekundet durch krude Achtbit-Sounds und ein verpixeltes Logo der Filmproduktionsfirma, dass es sich bei "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" um einen Film handelt, der die Grenzen zwischen Film, Videospiel und Comic verwischt. Der Film basiert auf der Comicvorlage von Bryan Lee O'Malley. Der gebürtige Kanadier hat seinen Hang zum Nerdtum in seiner sechsteiligen Comicserie Scott Pilgrim ausgelebt und in einem amerikanischen Manga verpackt. Ihm ist es gelungen die Form des japanischen Comic mit westlicher Popkultur zu füllen und einem amerikanischen Publikum erfolgreich zu verkaufen. Nun könnte man meinen, dass Wrights Film bei dieser Adaption nur verlieren kann, wenn er nicht ebenso peinlich genau mit der Vorlage umgeht, wie es sein Kollege Robert Rodriguez mit Sin City getan hat. Wright schlägt mit seinem „Fightsical“ wortwörtlich einen anderen Weg ein: Nachdem er bei seinen eigenen Filmen seiner Fantasie freien Lauf gelassen hat, nimmt er sich Zeit, um O'Malleys Werk zu verstehen. Der Comic wird nicht in den Film gepresst, noch wird er wortgetreu umgesetzt. Vielmehr haben sich zwei Nerds mit der gleichen Vision getroffen, denn es gelingt Wright, O'Malleys Stoff sowohl zu interpretieren als auch weiterzuspinnen. Manche Ideen werden detailgetreu aus dem Comic übernommen: Sobald eine neue Figur eingeführt wird, poppt wie im Comic eine „Helden-Text-Grafik“ auf, die den Zuschauer mit einem Augenzwinkern über Alter, Eigenart und Status des Protagonisten informiert. Schneller als es im Comic möglich ist, knüpft Wright an O'Malleys Humor an: Immer wenn über Scotts Frisur gesprochen wird, trägt Cera von einer Sekunde zur nächsten eine Mütze. Beide Arbeitsweisen haben eins gemein: Sie werden dem Medium Film passgenau auf den Leib geschneidert. Obwohl sich O'Malley bemüht in seinen Comic musikalische Zitate einfließen zu lassen, nutzt Wright die Möglichkeit des Films als audiovisuelles Medium. Neben dem Achtbit-Gequäke beim Auftauchen von Extraleben im Realfilm, haben Wright und Musikproduzenten Nigel Godrich bekannten Künstlern die Aufgabe übertragen, die Identität der Bands im Film musikalisch umzusetzen. Lauscht man im Film also „Garbage Truck“, dann hört man sowohl Sex-Bob-Omb als auch Beck, der sich für Scotts Band verantwortlich zeichnet. Broken Social Scene und Metric wurden eingeladen, um gegnerische Bands zu vertonen. Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt ist ein Slackerfilm mit Karateelementen im Retrochick der Achtziger, dessen Vorlage ein amerikanischer Manga ist, der selbst wiederum durch Videospiele, Comics und Alternative Music inspiriert wurde. Ging das jetzt etwas zu schnell? Dann sollte man Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt lieber nicht ansehen, denn neben all den Nerdzitaten hat Wright sowohl den Actionsequenzen als auch den Dialogen eine unglaubliche Geschwindigkeit verpasst, die kaum Zeit zum Lachen lässt. Schließlich musste er alle sechs Comic in nur einem einzigen Film verpacken. Diese Aufgabe ist ihm äußerst gut gelungen.

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