Der Superbürgermeister bläst zur Medienrevolution

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Noch existiert auf waywire.com nicht viel mehr als ein einzelnes Video und die Möglichkeit, sich per E-Mail benachrichtigen zu lassen, wenn es richtig los geht. Und wenn es richtig los geht, dann soll nicht weniger passieren als eine Medienrevolution.



#waywire soll das politische Medienangebot in den USA für die Generation der Millennials sein, also für diejenigen, die nach 1990 geboren sind, mit dem Web 2.0 erwachsen geworden sind und sich nicht wundern, dass #waywire eine Raute im Namen trägt. Traditionelle Nachrichtenquellen sprechen die Millenials nicht an, sagt Mitgründer Cory Booker in einem Gespräch mit dem US-Blog Techcrunch. #waywire soll sie besser informieren und ihnen eine Stimme geben, einen Kanal, über den sie ihre wichtigen Themen herausheben und ihre Anliegen vorantreiben können. Das Portal, so steht auf der Homepage, sei eine soziale Schlagader für Nachrichten, Inspiration und führende Stimmen.

Wie genau diese Schlagader aussehen wird, kann man bisher nur mutmaßen, die Testphase der Betaversion soll erst in den nächsten Wochen laufen. Klar ist: Durch diese Arterie werden vor allem Videos fließen, denn sie sind das Format, das die Generation der Millennials allen anderen bei weitem vorzieht. Zehn Redakteure werden diese Filme erstellen und aus dem Netz auswählen. Noch wichtiger: Die Jugend selbst soll Content einbringen, ihn diskutieren, bewerten, verlinken und kommentieren. Die Redakteure wiederum werden die Diskussionen sinnvoll ergänzen und vorantreiben. Das Ganze soll für den Nutzer eine Art Mischung aus Social-Media-Plattform und personalisierter Nachrichtenagentur sein, informativer und gehaltvoller als das oft platte Gewitzel und Geposte auf Twitter und Facebook, basisdemokratischer und offener als die üblichen Nachrichtenkanäle.

Das Startup ist mit 1,75 Millionen Dollar ausgestattet, das Investorengeld stammt unter anderem von Google-Chef Eric Schmidt. Der Vater der Idee ist Cory Booker, der in den USA und in weiten Teilen des Internets als Superbürgermeister bekannt ist. Booker ist höchst aktiv im Web 2.0, er dürfte mit seinem Account der Twitter-Rekordhalter unter den US-Politikern sein. Den Titel Supermayor bekam er vor einigen Monaten. Nachdem er auf dem Heimweg eine Frau aus einem brennenden Haus gerettet hatte, rollte auf Twitter unter dem Hashtag #CoryBookerStories eine Welle aus Begeisterung und Scherzen nach dem Chuck-Norris-Prinzip los, und Booker wurde der erste US-Bürgermeister, dem ein eigener Tumblr-Blog gewidmet war: supercorybooker-com.

"Cory Booker isn't afraid of the dark. The dark is afraid of Cory Booker" - der Superbürgermeister.

Diese viele Witzelei scheint Booker aber nicht von seiner Überzeugung abgebracht zu haben, dass das Netz für die Medienlandschaft und die Demokratie in den USA ein Heilsbringer sein kann. Mit #waywire soll es nun gelingen, sinnstiftende Debatten auszulösen und voranzutreiben.  

Vielleicht ist die Zeit für ein solches Projekt gerade tatsächlich ziemlich günstig. Fernsehsender und Kommentatoren polarisieren, so viel sie können, sie verbreiten ideologisch gefärbte Unwahrheiten und giften aufs Schärfste gegen das jeweils andere politische Lager. Die politische Debattenkultur in den USA ist derzeit auf einem konfrontativeren Level als es dem Land und seiner Demokratie gut tut, und es ist denkbar, dass eine Alternative zu den etablierten Schreihälsen mit offenen Armen empfangen würde. Booker zumindest ist davon überzeugt, und es ist sein erklärtes Ziel, mit #waywire ein Mittel zu schaffen, die gespaltene Nation dazu zu bringen, wieder lösungsorientierte öffentliche Diskussionen zu führen: Wir müssen mehr Leuten die Gelegenheit geben, die Welt um sie herum zu beeinflussen. Wenn du ihren Stimmen Gehör verschaffst, wird es weniger ideologisch, du öffnest Dialoge, es wird unendlich viel pragmatischer, zitiert mashable.com den Bürgermeister.  

http://www.youtube.com/watch?v=JYP_kePE1jk&feature=player_embedded

Es sind hohe Ziele, die sich der Superbürgermeister da mit seinem neuen Projekt gesteckt hat. Eine Revolution im Netz ist schwer zu planen, und ob die Plattform die Millenials wirklich in Scharen dazu bringen wird, sich und ihre Meinungen einzubringen, kann man durchaus bezweifeln. Die vielen dynamischen jungen Menschen im #waywire-Werbevideo wirken jedenfalls nicht wie ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung der USA. Immerhin, eines der Mädchen in dem Film sagt: "Wir sind viel intelligenter als die Leute denken."

Text: christian-helten - Fotos: Screenshots

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