Der Uni-Boom im Sommer

Während viele Studenten die vorlesungsfreie Zeit nutzen um auf Reisen zu gehen, zieht es einige in die Hörsäle. Lernen, wenn draußen die Sonne scheint - ein neuer Trend?
julia-siedelhofer


Die ersten Kommilitonen posten fleißig ihre Urlaubsbilder bei Facebook: Der eine sitzt unter Palmen am Strand, eine ist auf dem Weg nach Südamerika und der dritte macht eine Backpacker-Tour durch Australien. Bei so viel Freiheit – wie kommt es, dass in den letzten Jahren immer mehr Studenten auch in der vorlesungsfreien Zeit im Sommer freiwillig in die Uni gehen?  

Die Antwort sind sogenannte „Summer Schools“, mehrwöchige Kurse, die von den Hochschulen in den Sommermonaten angeboten werden. Während es vor zehn Jahren noch in erster Linie Sprachkurse waren, kommen jetzt auch immer mehr fachspezifische Angebote dazu. „Die Nachfrage nach unseren Summer Schools  ist in den letzten Jahren rapide gestiegen, die Intensivstudiengänge sind sowohl für Studenten aus dem Ausland als auch aus Deutschland geeignet“ sagt Patrick Honecker von der Universität zu Köln. Die aktuell laufenden Kurse sind fast deutschlandweit bis auf den letzten Platz ausgebucht – und das mit Grund: Immerhin lassen sich solche Sommerkurse bestens mit einem Auslandsaufenthalt verbinden, wie Christa Wehnhart-Ritter von der Ludwig-Maximilians-Universität München bestätigt: „ Ich komme gerade von der Begrüßung der Kursteilnehmer; da gibt es zum Beispiel eine große Gruppe aus Spanien und aus Russland. Generell ist aber fast die ganze Welt vertreten. Letztes Jahr waren es 76 Länder, aus denen die Studenten zu uns nach München kamen.“ Ein weiterer Vorteil für die Studenten: In den besten Fällen zahlen sich die Kurse auch für das Studium aus. Bei erfolgreichem Abschluss eines der Kursangebote können teilweise bis zu 15 ECTS-Punkte auf das Bachelor- oder Masterstudium angerechnet werden.  

Mit der steigenden Nachfrage nach den Intensivkursen wächst auch das Angebot der Hochschulen. So hat die Ludwig-Maximilians-Universität in München ihre Kursanzahl in zwölf Jahren mehr als verzehnfacht. „Grob kann man einen Anstieg von 45 auf ca. 500 Kursteilnehmern angeben“, sagt uns Christa Wehnhart-Ritter.  
Nicht nur die Studenten sondern auch die Universitäten profitieren von den Sommerkursen: „Es geht in erster Linie um die Etablierung der Hochschule im Ausland und dann natürlich um die Rekrutierung der besten Studenten – vor allem für Masterstudiengänge und Promotionen.“ sagt Kirsten Habbich vom DAAD. Denn gute Studienabgänger sind als spätere Lehrkräfte und Doktoranden heißt begehrt – da schadet es nicht, das Angebot an der Hochschule zu erweitern und damit auch die eigene Attraktivität zu steigern. Viele Universitäten bemühen sich für die Sommerkurse um besonders renommierte Professoren und Referenten. Auch der Unterricht unterscheidet sich vom „normalen“ Unialltag: So bietet beispielsweise die Humboldt Universität in Berlin die Kurse „European Integration“ und „The Berlin Wall“ an, bei denen man nicht nur im Hörsaal sitzt: „Das sind Kurse, in denen Themen erlebbar werden. Berlin als Standort ist ideal für Exkursionen zu historischen Orten und Schauplätzen“ so Pierre Steuer von der Humboldt-Universität Berlin. Gleiches gilt für die Prüfungen: „Hier ist unser Programm viel offener, wir haben durchaus auch neue Elemente wie Videodokumentationen, Interviews und Reports“ so Steuer weiter. Also: Ausflüge und Videofilme für’s Studium? Zumindest in den Summer Schools keine Seltenheit. Und auch nach Unterrichtsende gibt es für die freiwilligen Unibesucher viel zu erleben. „Wir bieten immer wieder auch evening lectures an  und natürlich ein tolles kulturelles Programm – es geht ja schließlich auch darum, Beziehungen zu knüpfen, sich auszutauschen und Spaß zu haben“ so Patrick Honecker von der Universität zu Köln. Ähnlich geht es auch in Berlin zu: „Wir machen Ausflüge, Radtouren und natürlich auch mal Biergartenbesuche“ sagt Pierre Steuer von der Humboldt Universität.  

Aber: Wer im Sommer freiwillig im Hörsaal sitzt, wird dafür teilweise ordentlich zur Kasse gebeten. Die Spannbreite reicht hierbei von vollkommen kostenfreien Angeboten bis hin Kursgebühren von einigen tausend Euro. So schlägt etwa der „Exploring Electronic Media“-Kurs der LMU München mit 3050 Euro zu Buche – Verpflegung und Unterkunft inklusive. Wirklich lukrativ sind die Sommerkurse für die Universitäten dennoch nicht. Viele Hochschulen zahlen drauf, nur für wenige sind die Kurse kostendeckend oder gar gewinnbringend. Mittlerweile werden die Sommerangebote der Universitäten aber auch extern gefördert, beispielsweise durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD: „Die Universitäten erhalten von uns maximal 25.000 Euro, von denen sie 20.000 in Stipendien und 5000 in eigene Unkosten investieren dürfen.“ sagt uns Kirsten Habbich vom DAAD. So haben die Universitäten die Möglichkeit, ihr Angebot weiter auszubauen und die Studierenden finanziell zu unterstützen.  

Und so werden es jeden Sommer mehr Studenten, die Badehose und Sonnenbrille gegen Hörsäle und Unibücher tauschen – für neue Kontakte, für neue Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung und mit Sicherheit auch für den ein oder anderen Biergartenbesuch.

Text: julia-siedelhofer - Foto: Claudia Branca / photocase.com

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