Der Weg in die Behäbigkeit

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„In das Alter kommst du noch“, sagten Ältere immer, wenn ich ein Glas Rotwein mit der Begründung ablehnte, er schmecke mir nicht. Ich ging davon aus, dass das mit dem Alter Unsinn sei, da ich meinen Geschmackssinn für genauso ausgewachsen hielt wie meine Knochen. Weißwein mochte ich ja schließlich schon ewig und glaubte, mich für diese Variante entschieden zu haben. Aber anscheinend habe ich mich geirrt: Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich mit dem Rotweintrinken angefangen, weil er mir auf einmal doch schmeckt. Bin ich jetzt also in das besagte Alter gekommen? Und geht nun etwa mit jedem Schluck guten Rotweins ein bisschen wilde Jugend verloren?



Es gibt das ja tatsächlich, dieses schlechte Gewissen, wenn man mit Freunden daheim am Küchentisch sitzengeblieben ist und sich mit Wein einen Schwips angetrunken hat, statt wie geplant auf die Party zu gehen. Das schlechte Gewissen gilt einem vor allem selbst: Wie langweilig ist man geworden, dass man hier so rotwangig und faul mit einem Weinglas herumsitzt, obwohl man gerade eigentlich mit einem Bier in der Hand tanzen sollte. Für Menschen, die auf Partys schwören, gibt es darum auch keine schlimmere Vorstellung als die, Samstagabend am Tisch zu sitzen und dort Wein zu trinken. Wein ist kein Partygetränk und unter seinen verschiedenen Varianten steht vor allem der Rotwein für eine sesshafte Behäbigkeit, die überhaupt nichts mehr mit wildem Feiern zu tun hat.

Dass Wein kein Partygetränk ist, liegt vor allem daran, dass man ihn ja für gewöhnlich aus dem Glas trinkt und darum nicht unbeschadet mit ins Getümmel nehmen kann, so wie etwa das Bier oder den Longdrin. Bei letzterem schwappt zwar auch manchmal ein bisschen was heraus, aber die Gläser halten wenigstens einem kraftvollen Anstoßen stand. Wein trinkt man daher nur auf Partys, auf denen ausschließlich gestanden oder gesessen wird, oder eben zum Essen und zum Reden, bis die Zunge schwer wird. Dabei hat der Weißwein noch das jugendlichere Image, vielleicht, weil man ihn mit den anderen Getränken im Kühlschrank lagert und nicht irgendwo alleine im Regal. Vielleicht auch, weil es total okay ist, ihn als Schorle zu trinken. In jeder bodenständigen Kneipe gibt es die Weißweinschorle sogar aus großen Wassergläsern, manchmal gar fertig gemischt in der Flasche, so, als wolle der Weißwein sagen: Ich kann mit deinem Tempo mithalten, ich bin beweglich, du kannst mich mitnehmen, lass uns gemeinsam feiern. Rotwein aber kann nicht nur nicht mit einem jugendlichen Tempo mithalten, er will das auch gar nicht, er verlangt von seinen Trinkern, dass sie still halten und ihn in ganz kleinen Schlücken zu sich nehmen. Wehe du beeilst dich, sagt der Rotwein, dann sorge ich dafür, dass dir elendig übel wird oder zumindest schlimme Flecken auf deiner Kleidung landen. Das ganze Brimborium um ihn herum, das Kennergehabe und das Probieren, die Umschreibungen auf dem Etikett, das Anpreisen im Prospekt, suggerieren, dass man mit dem Rotweingenuss das Versprechen ablegt, sich wirklich nur mit diesem Getränk zu beschäftigen. Man trinkt den Rotwein um des Rotweins Willen und sonst nichts. Auch für den Weißwein gibt es natürlich ähnliche Kulte, aber er ist eher der kleine, sportlich-elegante Bruder. Der Rote hingegen hat immer den Anstrich des edleren großen Bruders im teuren Designeranzug.

Rotwein ist also zum Genießen da und Genuss ist an sich nichts Schlechtes. Meist kann man sich ja auch entscheiden, ob man heute lieber Bier und Longdrinks trinkt und sich so auf einen Rausch und eine Party vorbereitet, oder ob man lieber Rotwein trinkt und statt eines Rauschs eher so eine wattierte Schläfrigkeit bekommt, die einen dazu verleitet, sich zufrieden den Bauch zu reiben und lächelnd die Augen zu schließen. Trotzdem ist da die Angst davor, dass diese Zeit mit beiden Möglichkeiten nur die Übergangsphase von der Jugend ins wahre Erwachsensein ist und Bier und Tanzfläche irgendwann einfach wegfallen. Ehe man sich versieht sind der letzte Rausch und der letzte Tanz mindestens ein halbes Jahr her, man sagt „Weinchen“ statt Wein und kennt sich erstaunlich gut mit verschiedenen Anbaugebieten aus.

Man muss den Rotwein nur ansehen, um zu wissen, zu was er einen einlädt: so dunkel und schwer wie er da im Glas liegt, kein lustiges Sprudeln und keine Chance, hindurchzuschauen, der kann ja nur wollen, dass man tief im Sofapolster versinkt. Das gute daran ist wohl, dass man sich vor dem Rotwein-Dasein fürchtet, bevor man es beginnt, ist es aber erstmal so weit, findet man die Behäbigkeit wahrscheinlich wirklich schön und richtet sich problemlos darin ein. Man muss sich dann bloß noch vor den Freunden rechtfertigen, die das scheußlich finden. Aber die kommen auch noch in das Alter.

Text: nadja-schlueter - Foto: katblum / photocase.com

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