Deutschland vs. Google Street View. Eine Bestandsaufnahme

Entrüstete Bürger, radikale Kommunen, scheue Prominente und dann auch noch Bielefeld. Wer hat denn da - außer Google - noch die Übersicht? Wir!
max-scharnigg

Mit dem Streit um Google Street View hat sich die nicht zeigefreudige deutsche Öffentlichkeit ein sehr stabiles Sommerlochthema gezimmert. Je mehr Politiker, Gemeinderäte und Meinungsträger aus dem Urlaub zurückkommen, desto interessanter wird das Getöse um die Fotos von deutschen Straßenzügen und Hausfassaden. Aber wie soll das Fußvolk auch einen klaren Gedanken dazu haben, wenn schon die Regierung annähernd verwirrt ist? Auf der einen Seite sind da Angela Merkel, 56, die keine Probleme hat, ihren Wohnsitz in Berlin auf Street View ansehen zu lassen, da er "ohnehin bereits ziemlich oft abgelichtet worden und bekannt" sei und Innenminister Thomas de Maizière, 56. Von dem war eine derartige Lockerheit zwar bisher nicht überliefert, aber die lakonische Feststellung, die Deutschen würden zwar gerne gucken aber offenbar nicht gern beguckt werden, gehörte doch zu den smartesten Einschätzungen der Bilderkrise. Von den Herren Ströbele, 71, und Westerwelle, 49, verlautet indes, was die BILD-Zeitung in einer Umfrage auch für 51 Prozent der Deutschen voraussagt: Sie werden ihre Schlösser und Datschen, ihre Penthäuser und Vorgärten ordentlich verpixeln und zwar wegen dem Datenschutz. Diese kämpferischen Ankündigungen der letzten Wochen brachten wiederum einen mittelsympathischen Menschen namens Jens Best auf den Plan, der sich als Anti-Anti-Aktivist vorgenommen hat, alle verpixelten Häuser leibhaftig aufzusuchen, um sie zu fotografieren und wiederum selber ins Netz zu stellen. Ja wie? Wer also mit seiner Löschung aus Google Schaulustige vermeiden möchte, muss nun damit rechnen, dass Jens Best und Gesinnungsgenossen auftauchen und aus der gutbürgerlichen Wohnanlage einen Tummelplatz der freien Internetgesinnung machen? Da weiß man ja nicht, was schlimmer ist, Jens Best oder ... ja, was eigentlich? Ach ja, Räuber! Vor denen fürchtet sich rein beruflich der vielinterviewte Polizeigewerkschaftlers Rainer Wendt, 53, der in einem Interview mit der FAS kürzlich seine Sorgen dergestalt in Worte fasste: “Durch den neuen Internetdienst können Kriminelle die Objekte in aller Seelenruhe betrachten. Sie können sehen: Wie ist das Haus gesichert?”. Zurecht fragte sich die Blogosphäre in Person etwa von Christoph Lemmer auf bitterlemmer.net, ob Wendt wirklich glaube, Streetview liefere Echtzeit-Bilder. Auf die Frage, ob die Polizei nicht auch einen Nutzen aus Google Street View ziehen könnte, antwortete Wendt jedenfalls traurig: „Es ist rechtlich unklar, ob eine virtuelle Streifenfahrt möglich ist.“ Da geht also einiges durcheinander, ähnlich wie bei der Bremer Bürgerschaft. Dort hat die Fraktion DIE LINKE das Thema eigenhändig auf den Stundenplan gesetzt und zwar auf Initiative von Monique Troedel, 64, die sich dazu mit den Worten zitieren ließ: „Wir haben die Aktuelle Stunde aus gutem Grunde in Anlehnung an George Orwells Klassiker mit dem Titel ,The big google is watching you’ beantragt.” Der dicke & große Google beschäftigt aber nicht nur Politiker, Räuber und Aktivisten, auch ganz harmlose Prominente müssen sich leider damit befassen. Zumindest, wenn die BUNTE bei ihnen anruft und fragt, ob sie sich als Prominente damit befassen. Dann kommen gut abgehangene Argumente aus gut abgehangenen Mundwinkeln. Bärbel Schäfer, 46, etwa, sind die Abbildungen von „Büro und Wohnort“ zu detailliert. Sie sieht sich deswegen zur Sperrung gezwungen. Der weithin verehrte Schauspieler Francis Fulton-Smith, 44, und seine Schauspieler-Frau Verena Fulton-Smith, 34, schlagen den einzigen Ton an, den Google versteht: „Wir sind totale Gegner von Google Street View und haben uns schon vorher mithilfe unseres Anwalts sperren lassen.“ Was für Zeiten! Früher hat man sich von seinem Anwalt aus dem Gefängnis entsperren lassen, heute lassen sich erfolgreiche und volksnahe Schauspieler schon vorab komplett sperren. Selbstredend werden die Gesichter der beiden ( u.a. zu sehen in „Familie Dr. Kleist“) auch im laufenden Fernsehprogramm gepixelt werden. Aber es gibt auch in der Welt der Reichen und Schönen fortschrittsfreundliche Gemüter, zum Beispiel einen gewissen David Groenewold, 36, Produzent, der BUNTE zu Protokoll gibt: „Wenn heute wirklich jemand herausfinden möchte, wo und wie ein Promi wohnt und lebt, dann wird er es auch ohne Google Street View schaffen. Deshalb lasse ich mein Haus auch nicht sperren.“ Hut ab vor dieser großzügigen Geste! Das Wichtigste aber ist natürlich, was die Bevölkerung denkt, ohne die es schließlich die Städte, die Google da filmt, gar nicht geben würde. Da empfiehlt sich ein Rundgang durch die Leserbriefspalten der Zeitungen. In der Welt vom 14. August etwa merkt Heide Hanxleden aus Voerde an: „Am meisten empört mich bei der Vorgehensweise von Google Street View, dass ein Geschäft mit meinem Haus, meiner Straße und meiner Wohngegend gemacht werden soll und ich aber diejenige bin, die sich mühen soll, richtig und rechtzeitig, eventuell noch mit Postgebühren, Einspruch einzulegen, wenn mir das nicht gefällt!“ Gut gebrüllt, aber Herr Klaus-Dieter Hammacher setzt in der Münchner Abendzeitung vom 17. August noch einen drauf: „Der Datenschutz wird mit Füßen getreten. Die Frage nach dem Nutzen wird nicht beantwortet. Dem Missbrauch wird Tür und Tor geöffnet. Es war noch nie so leicht, lohnende Objekte für Einbrüche oder Überfälle zu recherchieren. Früher musste man sich auf den Weg nach draußen machen, jetzt geht das bequem vom Sessel aus. (...)“ Klar, auch an die Fitness der Einbrecher muss gedacht werden, die jetzt dank Google gar nicht mehr vor die Tür gehen müssen und bei denen sich so langfristig bestimmt Bankscheib-Vorfälle und Räubmatismus einstellen. Am Ende zahlen wir das mit unseren Krankenkassenbeiträgen, da hat der Hammacher doch recht.

Div. Rentner in Düsseldorf Zu Unrecht werden jene rüstigen Düsseldorfer Rentner im Netz mit Häme bedacht, die sich inkl. vollem Namen, Ehefrau und unverpixeltem Antlitz vor ihrem Haus von der Rheinischen Post ablichten ließen, um damit mal so richtig Stellung gegen Google zu beziehen. Die wissen natürlich, dass unter den Lesern der Rheinischen Post nur ehrenwerte Bürger sind, die im Gegensatz zum amerikanischen Weltkonzern eine gute Privatsphäre noch zu schätzen wissen. Und was machen die Flegel von spreeblick.com? Nehmen die guten Menschen aus dem Rheinland zum Anlass für eine ulkige Mitmach-Foto-Aktion mit dem Titel: „Ich bin gegen Google Street View und das zeige ich! Auf Google Maps!“ Obwohl diese German Angst also ganz simpel und sympathisch ist, kriegen es manche Völker einfach nicht hin. Die Schweden natürlich! Statt anständiger Skepsis jubilierte die Lokalzeitung Örnsköldsviks Allehanda angesichts der Google-Fahrzeuge in ihrer Gegend: „Google bringt Örnsköldsvik auf die Weltkarte“. Ja, da können sich die Gemeinden Anzing und der Landkreis Weilheim-Schongau mal eine Scheibe Schneid abschneiden. Während in ersterer die örtliche CSU nur forderte, auf der Gemeindehomepage einen direkten Link zum Widerspruchsformular zu schalten, macht sich in Weilheim ein schwarz-grünes Bündnis ganz neue Gedanken. Erstens soll von Google nachträglich eine Gebühr eingetrieben werden, für das Befahren der kommunalen Straßen. Zweitens sollten, so die Petition, landkreis-eigene Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser vorsorglich gesperrt werden. Ein schönes Schnippchen – öffentliche Gebäude verstecken!

Weiter ungeklärt: Bielefeld Wenn das so weitergeht, werden bei der nächsten Landkreiswahl in Weilheim-Schongau die Kandidaten auch nicht mehr mit dem echten Namen auf den Wahlzetteln stehen, sondern mit Decknamen oder gleich ganz geschwärzt. Allen voran galoppiert aber wieder einmal die Stadt Bielefeld. Sie hat sich schon länger ausgedacht, dass Google sie bitte verschonen möchte und per Stadtrat die Mitteilung an Google verfassen lassen, dass Street-View in Bielefeld generell unerwünscht sei. Schön doof, Bielefeld! Die sehr gute Verschwörungstheorie, dass es dich überhaupt nicht wirklich gibt, ist damit ja alles andere als entkräftet. Hier hätte Street View mal wirklich was geholfen. Andererseits dürfte für Bielefeld und viele andere aufständischen Nester und Hauseigentümer eben doch einfach nur gelten, was ein gewisser Ulf Poschardt in der Welt vom 19. August mutmaßt: Angesichts der Verfassung der Baukultur in weiten Teilen Deutschlands wäre das Pixeln ganzer Straßenzüge für das Image des Landes wohl hilfreich.

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