Die Band der späten Stunde. Über Joy Division

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Zur Einstimmung mal die Filmvorschau zu "Control":

Joy Divison war eine aus der Punkbewegung in Großbritannien entstandene Band, die sich bald über einen eigenen, dunkel-industriellen Rocksund definierte. Frontmann wurde der charismatische Sänger Ian Curtis, der über eine Annonce auf die Band stieß und ein typisches, englisches middle-class-kid war. Charakteristisch für den Sound der Band wurde seine tiefe Stimme. Zunächst nannte sich die Band Warsaw und änderte den Namen Ende 1977 in Joy Division – denn in London gab es bereits eine Band die sich Warsaw Pakt nannte. Auch mit dem neuen Namen gab es Ärger: Joy Divison ist ein historischer Begriff – der ehemalige KZ-Häftling Yehiel Feiner beschrieb damit in einem Buch (Deutscher Titel: „Freuden-Abteilung!“) Zwangsprostituierte in Konzentrationslagern. Diese und andere Anspielung trugen der Band in ihren Anfangstagen den Verdacht ein, Nazi-Ästhetik zu verherrlichen.

"Unknown Pleasures" Genauso stilprägend wie die Musik der Band später werden sollte, war auch das Coverartwork von Peter Saville, der maßgeblich das Design der beiden Joy-Division-Alben beeinflusste. Für die Gestaltung der ersten Platte „Unknown Pleasures“, diente ihm ein Eintrag in der „Cambridge Encyclopaedia Of Astronomy“ als Vorlage. Darauf sind auf 100 Linien die aufgefangenen Signale eines Pulsars zu sehen – einem Neutronenstern der wie ein Leuchtturm regelmäßige Signale aussendet.

Ausschnitt aus dem Sternenlexikon Dieses charakteristische Linien-Design von „Unknown Pleasures“ fungiert bis heute als ein Markenzeichen von Joy Division – zum Beispiel auf Turnschuhen und T-Shirts.

„Unknown Pleasures“ war auch das erste richtige Album, das auf dem Label „Factory Records“ erschien, einem Plattenlabel, das dann in den 80er-Jahren zur wichtigsten Säule der „Madchester“-Szene wurde – und damit zum Angelpunkt zeitgenössischer Popmusik. Um „Factory Records“ ranken sich zahlreiche Legenden, nicht zuletzt weil das Label mit der „Hacienda“ einen absolut berüchtigten Club unterhielt, ein eigenes Katalogsystem einführte und bisweilen auf beispiellose Art Geld verschwendete – folglich ging es auch 1992 bankrott. Zu diesem Zeitpunkt waren die Bands Happy Mondays und New Order die international erfolgreichen Zugpferde der Plattenfirma.


Joy Divison veröffentlichten insgesamt nur zwei ganze Alben und eine frühe EP. Bevor das zweite Werk „Closer“ in den Handel kam, brachte sich Sänger Ian Curtis am 18. Mai 1980 um. Curtis litt an Epilepsie, was auf Konzerten zunehmend zu einem Problem geworden war. Als er sich aufhängte, kurz vor dem Start der US-Tour von Joy Division, war Ian Curtis erst 23 Jahre alt. Als Musik für seinen Suizid hatte er „The Idiot” von Iggy Pop aufgelegt. Kurz vor seinem Tod sah Curtis im Fernsehen noch den Werner-Herzog-Film „Stroszek”. Auf Curtis' Grabstein in Macclesfield steht „Love Will Tear Us Apart“ – der Titel seines berühmtesten Songs. Hier der Teaser zu dem Film „Stroszek”:

Das Lied „Love Will Tear Us Apart“ hat als dunkle Hymne bis heute nichts von seiner Faszination verloren und ist der mit Abstand bekannteste Song von Joy Division. Nach ihrem Erscheinen 1980 war die Single aber weit von einem Superhit entfernt, sie schaffte es nicht mal in die Top-Ten der Charts.

2003 allerdings wurde das Lied vom britischen Musikmagazin „New Musical Express“ zur besten Single aller Zeiten gewählt. Bis dahin hatten sich schon sehr viele Musiker an einer Covverversion versucht, darunter Paul Young, Nick Cave, The Cure und Calexico. Nichts kommt ganz an das Original ran:

Auch das Cover von „Closer“ wurde von Peter Saville gestaltet. Diesmal diente ein Foto aus dem Monumentalfriedhof von Staglieno in Genua als Vorlage. Und auch dieses Cover beeinflusste die Nachwelt, zum Beispiel ein Gemälde des amerikanischen Malers Julian Schnabel namens „Ornamental Dispair“. Schnabel gab wie eine Reihe anderer US-Künstler dieser Zeit an, von der Musik von Joy Divison stark beeinflusst worden zu sein.

Links das Albumcover, rechts ein Bild von Julian Schnabel


Zu Zeiten ihres Bestehens erlebte Joy Divison nicht, wie weit die Strahlkraft ihrer Musik reichte. Heute ist die Liste der Bands lang, die sich musikalisch auf Joy Division beziehen. Eindeutig hört man den Joy-Division-Sound zum Beispiel bei Mogwai, Interpol und den Editors. Nach dem Tod von Curtis gründeten die drei verbleibenden Bandmitglieder eine neue Band namens New Order, die bald darauf mit der Single „Blue Monday“ großen Erfolg hatte. Die Musik von New Order beschäftigte sich zunehmend mit Synthesizern, elektronischen Einflüssen und der Weiterentwicklung des New Wave. Die Band schafft es bis heute, maßgebliche und erfolgreiche Platten zu veröffentlichen. Mitte 2007 gab es Trennungsgerüchte, denen aber zumindest ein Teil der Band vehement widerspricht. Hier das Video zu "Crystal" von New Order:


Sam Riley als Ian Curtis in "Control" Dass der Fotograf Anton Corbijn nun einen Film über Joy Division gedreht hat, hängt maßgeblich mit seiner eigenen Biographie zusammen. Die Band Joy Divison veranlasste den Niederländer, die Nähe zur britischen Musikszene zu suchen, in der er sich bald mit seinen Bandfotos und seinem Artwork einen Namen machte. Berühmt wurde Corbijn unter anderem durch seine enge Zusammenarbeit mit U2 und Depeche Mode, auch einige seiner Musikvideos wurden zu Meilensteinen des Genres. Mit diesem Video für Nirvanas "Heart-Shaped-Box" gewann Corbijn 1994 einen MTV-Award:

„Control“ von Anton Corbijn ist nicht der einzige Film der sich mit Joy Division befasst. In „24 Hour Party People“ (2002) gibt Regisseur Michael Winterbottom auf ironische und sehenswerte Art einen rasanten Überblick über die Musikszene in Manchester zu Beginn der 80er Jahre und dem anschließenden Siegeszug der Rave-Bewegung. Der Film-Teaser „24 Hour Party People“:

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