Die besten Comics von 2004

Foto: Edition Moderne Der große Trend 2004: Über Jahresendlisten meckern.
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Illustration: Julia Schubert

Foto: Edition Moderne Der große Trend 2004: Über Jahresendlisten meckern. Wir pressen das Jahr trotzdem in nummerierte Punkte und veröffentlichen im Redaktionsblog bis Silvester täglich die besten Comics, Filme, Alben und technischen Neuerungen. „Blankets“ von Craig Thompson Das Leben von Craig ist unterteilt zwischen Himmel und Hölle. Denn Craig, aufgewachsen in einer Familie amerikanischer Hardcore-Christen, sieht die Welt durch Bibelsprüche, er lebt in dem, was er seinen Glauben zu nennen glaubt. So wie er es gelernt hat. Dann lernt er Raina kennen, auf einer Jugendfreizeit seiner Kirche – und wird erwachsen. Eine traumhafte Coming-of-Age-Geschichte, die der Zeichner Craig Thompson auf 582 Seiten so gezeichnet hat, wie es noch nie in einem Comic geschah: Meistens in einem sanften Schwarz-Weiß – und plötzlich mit Bildern wie Explosionen. Wahnsinn. So etwas gab es vorher nie. „Persepolis“ von Marjane Satrapi Eine Kindheit im Iran, zur Zeiten der Revolution gegen das Schah-Regime 1979. Ein Mädchen, elf Jahre alt, das plötzlich zwischen Kopftuch und Kim Wilde steht, zwischen neuen Zwängen und der Erinnerung an die alte Freiheit. Das Ganze gezeichnet in einem harten, sehr minimalistischen Stil, und natürlich in Schwarz-Weiß. Da gibt es nichts zu sagen - ein großartiger autobiographischer Comic, der vollkommen zu Recht auf der Frankfurter Buchmesse als „Comic des Jahres“ ausgezeichnet wurde. „Eigentlich ist das Leben schön“ von Seth Wer versteht, wie man im Angesicht eines Ramsch-Ladens, in dessen Schaufenster eine Figur aus Bierdeckeln ausgestellt ist, in eine depressive Melancholie abgleiten kann, der ist bei „Eigentlich ist das Leben schön“ gut aufgehoben. Die Hauptfigur Seth ist nämlich immer schlecht drauf. Seth sagt: „Ich brauch´ nur 5 Minuten allein zu sein, und ich gleite ab in eine Art Depression. Alles macht mich einfach traurig. Gut, nicht alles. Aber vieles.“ Ansonsten raucht er ständig, verehrt er die 30er Jahre des vorherigen Jahrhunderts und sucht deswegen nach dem verschollenen Cartoonisten „Kalo“. Die Figuren in diesem Comic, sachte gezeichnet, sind oft von einer tiefen Schwärze umgeben – was auch sonst? „Die Chronik der Unsterblichen“ von Thomas von Kummant, Benjamin von Eckartsberg und Wolfgang Hohlbein Es gibt Menschen, die sagen, Comics sollten eigentlich nur vier Themen haben – den Wilden Westen, eine ferne, unglaubliche Zukunft, eine noch fernere, phantastische Vergangenheit oder gleich nur ein kleines gallisches Dorf. Für diese Menschen ist „Die Chronik der Unsterblichen“, die Comic-Reihe zum gleichnamigen Romanzyklus von Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein, genau das Richtige: In der dunklen Zeit des Mittelalters kehrt Andrej Delany, als Kind der Hexerei beschuldigt und aus seinem Dorf irgendwo im finsteren Transsylvanien vertrieben, in seine Heimat zurück. Als Meister der Schwertkunst, als Getriebener, und als Geschöpf, dessen Wunden sofort heilen. Als er in seinem Heimatdorf ankommt, hat ein Kirchenfürst auf einem Kreuzzug gegen das Böse mit seinen Rittern fast alle Bewohner umgebracht. Alle bis auf ein paar Gefangene und den jungen Frederic, mit dem Andrej Delany nun auf Rache sinnt. Vielleicht ist der Comic mit seinen düsteren Bildern und fetten Farben ein bisschen zu konventionell gezeichnet, um richtig großartig zu sein – aber gut ist er allemal. „Sommerblond“ von Adrian Tomine Es gibt ein Bild, das alles über die drei Geschichten im Comic-Band „Sommerblond“ sagt: In der Hauptgeschichte hat der mit der Welt fertige Neil, ein Außenseiter, ein Nerd, und vielleicht sogar ein Loser, durch die immer geschlossenen Lamellen seiner Jalousie beobachtet, wie die Frau seiner Träume nach einer heißen Nacht von seinem Nachbar, einem Frauenhelden wie direkt aus dem Fernseher gestiegen, verabschiedet wird. Er zertritt voller Wut seinen Büchertisch, lauthals fluchend: „Du gottverdammter, verfluchter Scheißkerl!“ Dann beginnt der Hass. „Sommerblond“, hart und manchmal schon fast holzschnittartig gezeichnet, ist ein Comic für Leute, die wie Adrian Tomine der Meinung sind, dass die Welt eigentlich ein Scheißplatz ist.

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