Die Dämonisierung des Prolls

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Vicky sitzt auf einer Bank vor ihrer Sozialwohnung, die Zigarette in der linken, eine Flasche Wodka in der rechten Hand. Vor ihr der Kinderwagen mit schreiendem Baby und ein knurrender Kampfhund. Die 17-Jährige unterhält sich lautstark mit einer schwangeren Freundin über Partys, Prügeleien und ihren Bewährungshelfer. Beide tragen einen Jogginganzug, teure Sneakers und überproportional viel Goldschmuck. Als ein schwules Pärchen vorbei läuft, schreit Vicky ihnen in starkem Slang Obszönitäten nach... Vicky Pollard, eine Figur aus der Comedy Sendung Little Britain ist der Inbregriff eines Chavs - eines Prolls. 

Owen Jones, Journalist und Historiker, hat den Vorurteilen rund um diese Karikikatur eines Mitglieds der Unterschicht ein Buch gewidmet. Der Bestseller aus Großbritannien erscheint unter dem Titel "Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse" nun auch auf Deutsch.

Ob im Fernsehen, in der Zeitung oder auf Twitter, an dem 27-jährigen Jones und seiner Streitschrift kommt man in England zur Zeit nicht vorbei. Der ehemalige Gewerkschaftsmitarbeiter im britischen Parlament ist Teil einer neuen, wachsenden Linksbewegung und setzt mit seiner Kritik an einem Thema an, das in Großbritannien im Moment sehr präsent ist: An der Diskriminierung der Arbeiterklasse.

Unterschicht, Arbeiterklasse, Klassenkampf – diese Begriffe sind in Deutschland längst nicht mehr so präsent wie in Großbritannien, wo seit den Achtzigerjahren zwar das Ende der Klassengesellschaft propagiert wird, im Alltag die Frage nach Klassenzugehörigkeit jedoch immer noch allgegenwärtig ist. Bildungsgrad, Einkommen und Akzent mögen die auffälligsten Erkennungszeichen sein, Aber auch die Zeitung, die man liest, der Sport, der einen interessiert oder der Supermarkt, in dem man einkauft,können als Klassenmerkmale betrachtet werden.

Die Abgründe dieses Klassensystems haben sich besonders erbarmungslos bei den gewaltsamen Ausschreitungen in verschiedenen englischen Großstädten im letzten Sommer gezeigt. Damals zogen Jugendliche der vollkommen von der Gesellschaft ausgegrenzten Unterschicht vier Tage lang plündernd durch zahlreiche Stadtteile und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Aber nicht erst seit diesen "August Riots" ist die Diskussion um soziale Ungleichheit, extreme Verarmung und Klassenzugehörigkeiten ein Dauerthema in Großbritannien. Dabei ist das Bild des Chavs, des ungebildeten, pöbelnden Sozialschmarotzers, eine gern zitierte Verallgemeinerung. In Filmen, Büchern, der Werbung oder durch die "Darsteller" zahlreicher Scripted Reality Formate portraitiert – Chavs scheinen eine komplett asoziale Bevölkerungsschicht zu repräsentieren.

Jugendliche Plünderer während der Riots in London im vergangenen Jahr.

Im Gespräch kritisiert Owen Jones diese Vorurteile scharf: „Es wird oft suggeriert, dass die Mitglieder der Arbeiterklasse engstirnige Schwachköpfe seien, voll von Rassismus, Sexismus und Homophobie. Gerade hier sind jedoch viele Vorurteile am Werk: Zahlreiche Umfragen bestätigen, dass Mitglieder der Arbeiterschicht wesentlich mehr Akzeptanz gegenüber Homosexuellen zeigen als die anderer Schichten. Zudem hat Großbritannien eine der höchsten Anzahl von Ehen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Konfessionen oder Nationalitäten, und überproportional viele davon in Arbeitervierteln.“ Mit der Dämonisierung dieser Arbeiterklasse als Chavs werde versucht, die wirkliche Auseinandersetzung mit sozialen und ökonomischen Problemen zu vermeiden – hinter die Karikatur zu schauen, würde ja bedeuten, wachsende Ungerechtigkeit als Problem anzuerkennen.

Vor allem London ist eine Stadt der extremen Ungleichheit, hier besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung 273 mal mehr als die ärmsten zehn Prozent. Vor dem Hintergrund von Globalisierung, Finanzkrise und der Sparpolitik der konservativ-liberalen Regierung hat nun vor allem die weniger reiche Bevölkerungsschicht einige Bürden zu schultern: Mangel an bezahlbarem Wohnraum, extrem hohe Gebühren für Bildungseinrichtungen (Universitäten können seit letztem Jahr bis zu 9000 Pfund pro Jahr verlangen) oder schlecht ausgestattete staatliche Einrichtungen, und das alles inmitten von schlechten Arbeitsmarktchancen und rund 20 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

Neben seiner Kritik an der klassenbedingten Ungleichheit missbilligt Jones die von der Politik vertretene Meinung, dass es Klassen und Klassenkämpfe nicht mehr gäbe - er hält es für ein Gerücht „dass die Mehrheit der alten Arbeiterklasse zielstrebig aufsteigen konnte, einen nutzlosen, problematischen Überrest zurücklassend.“

Diese Annahme, dass alle bis auf die asozialen Chavs zu einer fleißigen, glücklichen Mittelschicht gehören, führt laut Jones leicht zu dem Glauben, dass „Ungleichheit ein bloßer Ausdruck von unterschiedlichem Talent und Fähigkeit ist.“ So wäre jeder an seinem Unglück ausschließlich selbst Schuld – eine Auffassung wie diese entpolitisiert ganz nebenbei die Arbeitslosigkeit. Arbeitslos zu sein, wäre dann ja auch nur der eigenen Faulheit verschuldet und nicht dem Arbeitsplatzmangel.

In einem Land, in dem sich Mitglieder der königlichen Familie auf Kostümpartys als Chavs verkleiden (mit den "richtigen Klamotten", aber mit dem falschen Akzent!), Fitnessklubs Kurse zur Verteidigung gegen gewaltbereite Chavs anbieten, und Chav-freie Urlaube beworben werden, ist die Diskriminierung der Unterschicht Alltag geworden. Owen Jones nennt dies den „schamlosen Triumph der Reichen, die, nicht länger von denen unter ihnen herausgefordert, mit dem Finger auf sie zeigen und sich über sie lustig machen.“ Er erklärt weiter, dass diese „Dämonisierung das Symptom einer Gesellschaft ist, in der sich Macht zu sehr am oberen Ende dieser Gesellschaft konzentriert, in der es Arbeitern an organisiertem Einfluss fehlt und sie demgemäß aus dem öffentlichen Leben wegretuschiert wurden.“

Dieses Ungleichgewicht lässt sich neben dem popkulturellen Niedermachen der Arbeiterklasse als Chavs, besonders in der Politik beobachten: Nur einer von zwanzig Repräsentanten im Abgeordnetenhaus besitzt keinen Mittel- oder Oberschichthintergrund. Jones beklagt diese Entwicklung als treibende Kraft hinter dem Machtverlust der Arbeiter: „Politik ist das Vorrecht der Wohlhabenden geworden, welche das Ziel haben, die Arbeiterklasse als eine politische und wirtschaftliche Kraft zu zerstören und sie durch eine Ansammlung von Individuen zu ersetzen.“ Schließlich sei es weitaus schwieriger, Veränderungen gegen den Willen einer ganzen Gesellschaftsschicht durchzudrücken, als gegen einflusslose Einzelpersonen.

Zum Ende des Gesprächs mit Owen Jones stellt sich schließlich die Frage, wie dieser verlorene Einfluss der Arbeiter als politische Kraft zurückgewonnen werden könnte – und in seiner Antwort setzt er ganz auf gemeinsame Organisation: „Wir brauchen stärkere Gewerkschaften und wirkungsvollere Gemeindeverwaltungen. Nur eine organisierte Bewegung der arbeitenden Bevölkerung kann den wirtschaftlichen Wahnsinn, der die Zukunft eines Großteils der Menschheit bedroht, in Frage stellen.“ Durch verstärkten Einfluss auf politischer Ebene und darauffolgendem Respekt und verstärkter Gleichberechtigung in Beruf und Alltag wäre auch das verzerrte Bild des asozialen Chavs irgendwann überflüssig – und Vicky Pollard lediglich eine Karikatur aus vergangener Fernsehgeschichte.    

Owen Jones: Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse erscheint am 18. Juli im André Thiele Verlag.     



Text: anna-norpoth - Foto: Reuters

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