Die Delete-Detektive

Hässliche Fotos, peinliche Sätze verschwinden wie von Zauberhand - eine amerikanische Firma will dafür sorgen, dass sich ihre Kunden im Internet nur von ihrer besten Seite zeigen.
tobias-moorstedt

Jeder hat dunkle Geheimnisse. Und nie war es einfacher sie zu finden. Die Grimasse auf dem Klassenfoto der elften Klasse, der peinliche Haarschnitt, die Saufgeschichten, die alten Lieblingslieder, der – selbstverständlich satirisch gemeinte Blog-Eintrag – in dem man die Abschaffung des Frauenwahlrechts forderte, die bösen Gerüchte, die der neidische Mensch aus der Buchhaltung in Web und Welt setzte, der enttäuschte Kollege oder Kunde, der sich im Netz über einen schlechten Job beschwert hatte. Es gibt viele Sachen im Leben, die man gerne vergessen würde. Und nie war das schwerer. Das Internet funktioniert wie ein automatisches Tagebuch, das man nicht in der Schreibtisch-Schublade wegschließen kann. Beinahe alle Aktionen, Fotos, Meinungen, Klicks, Wünsche und Ideen werden auf den Webseiten und Servern gespeichert. Es gibt keinen Delete-Knopf. Und so kann man in Archiven, auf Blogspot, MySpace, Friendster oder jetzt.de jede Menge über die Menschen erfahren, hier steht es schwarz auf weiß, wen man liebt, und was man hasst. „Was kann man über Sie im Netz finden?“, fragt die Firma ReputationDefender (RD), ein Internet-Startup-Unternehmen aus Louisville, Kentucky, auf ihrer Webseite. Die Frage klingt Furcht einflößend, und so ist es auch gemeint: Denn die Angst vor dem früheren Ich ist das Geschäftskonzept von RD. Geschäftsführer Michael Fertik sagte dem Magazin Wired: „In der Internet-Ära muss jeder wissen, was über ihn erzählt wird. Bevor es zu spät ist.“

ReputationDefender bietet an, Jugendsünden, Peinlichkeiten und kritische Datensatze aus dem Netz zu löschen – mit einer Mischung aus Roboter-Software und guter alter Detektivarbeit. „Ein Drittel der Personalchefs sucht mit Suchmaschinen nach Informationen über die Bewerber”, zitiert Fertik eine Studie der Purdue Universität. 11,5 Prozent der Personaler würden sogar soziale Netzwerke wie Friendster durchsuchen. Das Internet ist schon lange kein luftleerer Raum mehr, in dem man lustig Saltos schlagen könnte. Während die Nutzer früher mit Pseudonymen und multiplen Identitäten ihre Anonymität und Privatsphäre schützten, so geben viele heute äußerst freigiebig und gedankenlos persönliche Informationen preis. In Zeiten von OpenBC ist das Netz zur Verlängerung der Realität geworden – und was hier gesagt und geschrieben wird, so Fertik, „kann das Leben verändern“. Binäre Bodyguards Die Treffer-Liste bei Google ist dann so etwas wie ein Persönlichkeitsprofil, ein digitaler Personalausweis. Und wer hat bei der Ego-Suche noch nie einen unangenehmen Eintrag über sich ganz oben in der Liste gefunden, und wieder mal gemerkt, dass man doch nur begrenzten Einfluss auf sein öffentliches Image hat. Die Zielgruppe von ReputationDefender ist groß: ein Politiker, der wegen einer kleinen schmierigen Bemerkung in einem Online-Forum um seine Wahl fürchtet, ein Arbeitnehmer, der befürchtet, dass seine Bewerbung im Papierkorb landet, weil er als Kassenwart der Abiturfahrt versagt hatte, und die Mitschüler damals wütende Einträge auf der Schul-Homepage hinterlassen haben. Oder Singles, die Angst davor haben, dass die neue Bekanntschaft die Telefonnummer schnell wieder aus dem Handy löscht, weil man vor langer Zeit etwas getan oder geschrieben hat, was nicht mit deren Wertekosmos harmoniert. 30 Dollar verlangt RD für die Säuberung des Internets. Als binäre Bodyguards beschützen sie die Ehre der Menschen im Netz, schreiben Seitenbetreiber und Provider an, und verlangen, dass Beiträge, Informationen oder andere negative Stellen gelöscht werden. RD operiert in einer rechtlichen Grauzone. Kein Provider muss Informationen löschen, wenn er nicht von einem Gericht dazu aufgefordert wird. Kritiker befürchten deshalb, dass eine Welle von Arbeit und Klagen auf Webseiten-Betreiber zurollt. Michael Fertik sagt: „Wir achten die Meinungs- und Pressefreiheit.“ Ein besonderer Service von ReputationDefender ist der Identitäts-Check. Auf Auftrag liefert die Firma einmal im Monat eine Analyse der persönlichen Internet-Präsenz: den Web-Status, den man in Zukunft vielleicht an den Lebenslauf anhängen wird: User Martin Mustermann, 25 Jahre alt, aktiv im Opern-Forum und bei „Ein Herz für Kinder“, sonst nur gute Nachrichten, und selbstverständlich keine Links zu Pornos oder Killerspielen. Vielleicht wird Michael Fertik in naher Zukunft ja die Firma „Pimp my Persona“ gründen, die positive Beiträge, schöne Fotos über ihre Kunden ins Netz stellt. Eine Werbeagentur für die Ich-AG. Auch das wäre wahrscheinlich ein gutes Geschäft.

  • teilen
  • schließen