Die Ferkel von Neukölln

Sie wollen ihren Bürgermeister zum Patriarchen machen. Und doch sind die Mitglieder der Buskowsky-Jugend keine Freunde des polarisierenden Politikers.
christian-helten

Am Dienstagmorgen wehte auf dem Dach des Einkaufszentrums „Neukölln Arcaden“ in Berlin plötzlich eine ungewohnte Flagge. „Buşkowsky Basar“ stand dort in großen schwarzen Lettern auf weißem Hintergrund geschrieben, und die Schrift dürfte auch 100 Meter weiter die Straße runter in der Karl-Marx-Allee 83 noch gut zu lesen gewesen sein. Diese Adresse gehört zum Bezirksamt Neukölln, und dort hat ein kleiner beleibter SPD-Mann namens Heinz Buschkowsky das Sagen.



Freilich hatte nicht er die Flagge dort aufgehängt. Es war eine Gruppe junger Neuköllner, die in einer Nacht- und Nebel-Aktion auf das Kaufhausdach geklettert war. Sie nennen sich die Buşkowsky-Jugend, und wer sich auf ihrer Internetseite umsieht, merkt schnell, dass sie ihrem Bürgermeister nicht gerade wohlgesonnen ist und ihre Aktion satirisch gemeint war. „Er ist das Frontschwein der Politik. Wir wollen seine Ferkel sein“, heißt es im Manifest der Gruppe. Sie fordert, Heinz Buschkowsky zum „Patriarch von Neukölln“ zu machen.

Buschkowsky ist seit fast zehn Jahren Bürgermeister von Neukölln, bei der Wahl am 18. September wird er wieder antreten. Buschkowsky hat keinen einfachen Bezirk zu leiten, wenn über Integrationsprobleme diskutiert wird, fällt so gut wie immer früher oder später der Name Neukölln. Buschkowsky hat in diesen Diskussionen oft mitgewirkt, auf markante Art und Weise und mit Sprüchen, die polarisieren und für manche die Grenze der Political Correctness überschreiten.

Viele Leute mögen Buschkowsky wegen dieser klaren Sprache in Integrationsfragen und seiner Hau-Drauf-Äußerungen. Er ist bundesweit bekannt, ein gern gesehener Talkshowgast und es gibt sogar Fan-T-Shirts mit seinem Konterfei, designt von zwei jungen Berlinerinnen. Die Buşkowsky-Jugend regte das auf: „Wir waren immer wieder überrascht, wie viele positive Reaktionen Buschkowsky auf seine Politik bekommt“, sagt Svenja Richter. Die 25-Jährige ist „Oberhäuptin“ der Gruppe und trägt eigentlich einen anderen Namen. Ihrer Meinung nach arbeitet Buschkowsky nur mit Stereotypen und Klischees, wenn er über Integration spricht: „ Ihm wird immer wieder nachgesagt, dass er endlich Klartext spricht und die Ursachen der Probleme benennt. Das stimmt aber nicht. Er verteilt vielmehr einseitige Schuldzuweisungen an migrantische oder arme Bevölkerungsgruppen und gibt ihnen die Schuld an Problemen, die in rassistischen gesellschaftlichen Verhältnissen entstehen.“

Um dieses Missverhältnis aufzudecken, habe man die Buşkowsky-Jugend gegründet. Die Gruppe besteht derzeit aus etwa 15 aktiven Mitgliedern. Alle wohnen in Neukölln und engagieren sich auch in anderen politischen Organisationen – bei der Linken, den Jusos oder dem DGB. Sie hatten das Gefühl, innerhalb dieser Organisationen ihrem Unmut gegenüber Buschkowsky nicht genug Ausdruck verleihen zu können, und wählten deshalb die Waffe der Satire. Die Buschkowsky-Jünger möchten anonym bleiben, Recherchen des RBB haben aber ergeben, dass sich hinter Hans-Peter Gençlik, einem Sprecher der Gruppe, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter von Katja Kippling, einer Abgeordneten aus der Bundestagsfraktion der Partei "Die Linke" verbirgt.

Die Flagge auf dem Arcadendach bezog sich auf eine Äußerung Buschkowskys. Er hatte kritisiert, dass es in Neukölln zu viel türkischsprachige Werbung gebe. Deshalb auch das türkische „ş“ im Namen. Außerdem wolle man mit der Aktion „auf seinen patriarchalischen Charakter aufmerksam machen“, sagt Svenja Richter. „Er pflegt ja einen ziemlich autoritären Politikstil, verteilt Maulkörbe in seiner Partei, droht der Presse mit Klagen und so weiter. Deshalb wollen wir, dass er der Patriarch von Neukölln wird.“

Die Aktion mit der Flagge war aber nicht das erste Mal, dass der Bürgermeister es mit seiner satirischen Fangemeinde zu tun bekam. Am vergangenen Wochenende packte er in einem Industriegebiet am Rande Neuköllns in einer medien- und wahlkampfwirksamen Aktion Bio-Brotzeitdosen für Erstklässler. Die Buşkowsky-Jugend kam unangemeldet auf die Bühne und überreichte ihm einen Sack Kartoffeln, als Dank für seinen Einsatz für die deutsche Kartoffeln. Buschkowsky hatte im Zusammenhang mit der Diskussion um Deutschenfeindlichkeit auf Berliner Schulhöfen kritisiert, dass der Ausdruck Kartoffel dort als Schimpfwort gegen deutsche Kinder benutzt werde. „Er hat sich sehr gefreut und zugestimmt, dass Kartoffeln in Biobrotdosen gehören“, erzählt Svenja Richter. „Ich glaube, er konnte nicht ganz einordnen, was da gerade passiert.“



Mittlerweile weiß er das. Dem Tagesspiegel sagte Buschkowsky, dass er im „akzentuierten linken Kreis“ eine Hassfigur sei und solche „Propaganda“ nun mal aushalten müsse.   Er wird sein Durchhaltevermögen mit Sicherheit in nächster Zeit noch mal unter Beweis stellen müssen. Oberhäuptin Richter verspricht, dass die Kaufhausflagge nicht die letzte Aktion gewesen ist: „Das Ende des Wahlkampfs ist ja noch ein bisschen hin, und wir werden unser Ziel, Buschkowsky bis dahin zum Patriarchen zu machen, weiter verfolgen.“

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