Die geborgte Kolumne: Sagen Sie nichts, es gibt Post vom träumenden Wagner!

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Ich habe einen Traum - entliehen aus dem Zeit-Magazin

Ich stehe am Rande einer Siedlung, die entfernt an jene Siedlung erinnert, in der ich aufwuchs. Ich bin zwei Meter groß, trage eine tarnfarbene Hose, zwei Halfter, einen Patronengürtel um meine linke Schulter geschwungen, zwei Samurai-Schwerter in einem Rücken-Halfter und ein Maschinengewehr habe ich im Anschlag. Vor mir aufgereiht sind all die Menschen, die mir in meinem Leben Leid zugefügt haben. Frau Manzler, meine Klassenlehrerin in der 2b, neben ihr die doofe Jule, ihre doofe Freundin Tatjana, der dicke Robert, Markus, mein perfider Nachbar, Frau Trondheim, meine Klassenlehrerin der 3b, die mir immer im Schwimmunterricht den Arm verdreht hat, meine Gymnasial-Klassenkameraden Meike, Johanna, Rocky-Robert, Matze, mein Exfreund Martin, mein Exfreund Hannes, mein Exfreund Ronni, mein Exfreund Tobi, mein Exfreund Jakob, mein Exfreund Max, mein Exfreund Karl, mein Exfreund Yogi, mein Exfreund Toni, mein Exfreund Hannes2, meine Exfreundinnen Mareike und Agnes, mein Kollege Matthes, mein ehemaliger Vorgesetzter Herr Dr. Schlutzen, mein Chef Aggerhofer. Die Reihe ist ganz schön lang. Sie alle sind mit einem einfachen aber schmerzhaften Daumen-Knoten aneinandergefesselt. Fällt einer, fallen alle. Will einer verschwinden, werden die Daumen der anderen blau eingeschnürt. Zwei besonders Schlaue haben versucht zu fliehen, ich habe ihnen mit meinem Schlagring die Fresse poliert. Jetzt weinen sie still und das Blut fließt ihnen pathetisch aus der Nase. Ich schreite langsam die Reihe ab und schaue jedem Einzelnen tief in die Augen. Plötzlich ruft meine Mutter aus dem Haus und holt mich zum Abendessen. Es gibt Hühnerfrikassee, obwohl ich das gar nicht mag. Wenn ich es nicht aufesse, sagt meine Mutter streng, darf ich abends nicht auf das Sting-Konzert. Also würge ich mir das Hühnerfrikassee rein, so schnell ich kann. Denn Sting will ich um nichts auf der Welt verpassen. Auf dem Weg in die Philharmonie fällt mir ein, dass ich Sting eigentlich gar nicht so gerne mag und dass all meine Feinde immer noch aufgereiht vor dem Haus meiner Mutter stehen. Trotzdem gehe ich ins Konzert und setze mich auf meinem Platz. Plötzlich kommt Bewegung in die Menge und jemand bahnt sich seinen Weg zum Platz neben mir. Als er sich hinsetzt, erkenne ich ihn: es ist Michael Jackson, der zurzeit in München die Verfilmung seiner Biographie überwacht. Wir unterhalten uns ein wenig über seine Kinder und sein Leben, bis das Konzert beginnt. In der Pause werde ich von vier Sicherheits-Beamten aufgehalten, als ich zur Toilette will. Waffen seien auf der Damentoilette nicht erlaubt, da sie damit schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Wir geraten ein wenig aneinander, aber schließlich beuge ich mich den netten dicken Security-Onkels und gebe meine Waffen an der Garderobe ab. Dann gehe ich aufs Klo, das aber so aussieht wie das Klo bei meiner Oma und ich wundere mich, warum die Philharmonie eine Dusche im Klo hat und wer die benutzt. Dann gehe ich zu Michael zurück und wir unterhalten uns weiter. Sting kommt auch auf dem Weg zur Bühne kurz vorbei und ich sage ihm, dass ich zwar ihn respektiere (wegen Yoga), seine Arbeit aber mittlerweile recht schwach finde. Sting sagt, jeder habe das Recht auf eine eigene Meinung und er sei froh, dass ich ihm meine gesagt habe. Nach dem Konzert gehe ich nach Hause. Ich bin ängstlich, dass meine Feinde alle an unbeabsichtigter Daumenamputation gestorben sind, aber als ich in meine Straße abbiege, ist niemand mehr zu sehen. Meine Mutter wacht auf und sagt mir, dass sie die armen Menschen befreit hat und ihnen auch noch Brote geschmiert hat. Wir streiten uns, aber nicht zu heftig, weil wir beide so müde sind. Dann wache ich auf. Was dieser Traum bedeutet, wüsste ich selbst auch gerne. Auf der nächsten Seite: "Post von Wagner" - an alle jetzt.de-User


Post von Wagner - entliehen der Bild-Zeitung

ihr seid jung, schön und wild. Dafür beneide ich euch. Das ist der Zauber der Jugend: Küssen, Tanzen, Musik hören und toll aussehen – so war es in Woodstock, so war es auf der Loveparade, so wird es immer sein. 1945, nach dem Nazireich, 1989, beim Fall der Mauer, 2006, im Sommermärchen der WM: Immer wart es ihr Jungen, die anpackten und Geschichte machten. Wir Alten waren alt. Und jetzt? Klicken, surfen, online sein – das ist der Zauber der Jugend 2.0. Das lässt mich schaudern. Wo ist eure Kraft, wo ist eure Macht? Zeigt es mir, mir altem Mann. Lasst uns noch mal jung sein – ihr, wir, ich, alle. Herzlichst, Euer P. Wagner Auf der nächsten Seite: "Die Gewissensfrage" zur Ethik des Nachmachens


Die Gewissensfrage – entliehen aus dem Süddeutsche Zeitung Magazin Die Redaktion hat beschlossen, ein monothematisches Magazin zum Thema „Kopie“ zu produzieren. Mir wurde aufgetragen, eine meiner Lieblingskolumnen aus dem SZ-Magazin, die „Gewissensfrage“, zu imitieren. Ich fand die Idee nicht sonderlich lustig und bin generell dagegen, Dinge nachzuahmen. Mitgemacht habe ich trotzdem, weil ich meinen Kollegen nicht im Weg stehen wollte – geschweige denn mich vor dem Chef in ein schlechtes Licht rücken. Außerdem, so dachte ich mir, wäre die Idee auch ohne mich umgesetzt worden, und jemand anders hätte meinen Auftrag bekommen. Meine Verweigerung hätte also keinerlei Unterschied gemacht. War das in Ordnung? CHRISTIAN H., MÜNCHEN DIE ANTWORT VON DR. DR. KERLE RAININGER Was Sie hier beschreiben, ist ein klassisches Dilemma, das in verschiedenen Unterausprägungen immer wieder auftaucht. Sie finden eine Handlung generell verwerflich, es steht jedoch nicht in ihrer Macht, ihr Eintreten zu verhindern. Diese Position der Ohnmacht befreit Sie – so die gängige Argumentation – von der Individualschuld. Denn die von Ihnen als unethisch empfundene Aktion ist bereits beschlossene Sache, eine Teilnahmeverweigerung Ihrerseits würde sie in ihrem Fortlauf nicht bremsen, geschweige denn verhindern. Das rechtfertigt es, dass Sie sich über Ihre moralisch-ethischen Ansprüche hinweggesetzt und sich in die Reihe Ihrer Kollegen eingeordnet haben. Das Ergebnis beider zu wählender Möglichkeiten wäre schließlich dasselbe gewesen. Ausgehend von einem wirkungsorientierten Ethikverständnis ist diese Argumentationsweise logisch begründbar und nicht im Geringsten unmoralisch. Mit einer deontologisch ausgerichteten Ethik wäre sie allerdings nicht vereinbar. Dieser Denkweise zufolge ist der Mensch nämlich angehalten, immer gemäß dem sittlich Gebotenen zu handeln, ganz unabhängig davon, ob dies positive Auswirkungen auf das Ergebnis der Handlung hat oder nicht. Demnach hätten Sie tatsächlich auf den Auftrag verzichten müssen, wenn Sie wirklich von der moralischen Verwerflichkeit des Kopierens geistigen Eigentums überzeugt sind. Hier stehen sich nun also zwei konkurrierende Ethikvorstellungen gegenüber. Ich persönlich neige – vor allem in diesem Fall – dazu, letzterer Recht zu geben. Sich mit der Begründung, alleine keinen Unterschied bewirken zu können, aus seiner Pflicht herauszureden, erscheint mir zu einfach, und – gerade wenn man in größeren Dimensionen denkt – auch gefährlich. Auf der nächsten Seite: "Sagen Sie jetzt nichts" - mit dem rasanten jetzt.de-Chefredakteur Dirk von Gehlen
Sagen Sie jetzt nichts - entliehen aus dem SZ-Magazin Heute mit Dirk von Gehlen, Schauspieler und Journalist

Na, haben Sie heute schon schön gepullert?

Wie geht hier das Fenster auf?

Chefredakteur, Seifenopa, Tellergesicht und ehrenamtliche Plazenta - wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Engagieren Sie sich auch für ein soziales Projekt?

Ihr Kommentar zur Entscheidung der Europäischen Zentralbank, die Leitzinsen zu senken und zum Horst Köhler?

Ihr Ritual vor dem Frühstück?

Was haben Sie vor Ihren Eltern bis heute verheimlicht?

Ist das ein Fettfleck auf Ihrem Hemd?

Machen Sie für uns bitte mal ihr Flirtgesicht! Die Fragen stellt max-scharnigg. Auf der nächsten Seite: "Die Literaturfrage" - an Marcel Reich Kranicki


DIE LITERATURFRAGE an Marcel Reich-Kranicki

Sehr geehrter Herr Reich-Kranicki, in unserem Lesekreis „Die Literatussen“, ist neulich die Frage aufgetaucht, ob das Gesamtwerk und insbesondere der Zyklus „Farn“ von Jens-Jochen Börtz heute nicht zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind? Meike M. Die herausragende Leistungen Jens-Jochen Börtz’, gerade auf dem Gebiet des essayistischen Kümmerstücks und der erzählenden Krawatte, sind heute tatsächlich etwas in Vergessenheit geraten, was mich allerdings nicht besonders unglücklich stimmt. Die Gründe für dieses Verschwinden aus dem zeitgenössischen Literatur-Diskurs sind vielfältig, aber wohl zunächst in der Vorliebe des Autors für langatmige, plötzlich abreißende und unvermittelt anderswo (zum Beispiel in meiner ehemaligen Heimat Schlesien) wieder auftauchende Monologe zu suchen. Was den Zyklus „Farn“ angeht, so war dieses Werk schon bei seinem Erscheinen 1878 in Jena und Chemnitz teilweise umstritten, in weiten Teilen Frankfurts hingegen recht populär, was ich aus eigener Erfahrung berichten kann, denn ich verkehrte damals als junger Mann im „Frankfurter Kranz“, einer losen Zusammenwurstung von Autoren im Hinterzimmer des Café Haubitze. In „Farn“ versucht Börtz mit nur gelindem Erfolg den Tagesablauf einer Zimmerpflanze in Dublin minutiös nachzuempfinden- zweifellos eine Hommage an den großen, damals allerdings noch ungeborenen James Joyce. Wenn Sie mich also fragen, soll er sich verpissen.

Dieser Text ist Teil der jetzt.de-Sonderausgabe zum Thema Kopieren.

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