Die große Zigaretten-Milieustudie

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Marlboro Medium / Marlboro Lights

Wo und wer sie sind: In den Einzugsgebieten von Großstädten. Je weiter wir uns von den Ballungsgebieten entfernen, desto mehr überwiegt die Light-Variante gegenüber der Medium-Zigarette. Die Extrem-Variante: Weit draußen, in den Pils-Pubs der Provinz, sitzen Damen mit auftoupierten Haaren und künstlichen Fingernägeln, die dann die verlängerte Version, die „Marlboro-Lights-100“ rauchen. Warum sie das rauchen: Sie sind die letzten, bei denen die Cowboy-Werbungen Mitte der Neunziger noch Wirkung zeigten. Ihre Situation im Jahr 2030: Die Haare sind noch immer auftoupiert und die Fingernägel lackiert. Nur die Haut sieht aus wie die eines Leguans. Manchmal, nach vielen Pils und „Rüscherln“ schwärmen sie von den alten Zeiten im „Out of Munich“ * *bekannte Großraumdisse im Münchner Umland


Rote Gauloises

Wo sie und wer sind: In den Universitäten, Bars, Cafes, eigentlich überall. Die rote Gauloises ist das, was die HB in den Siebzigern war: absolut konsensfähig. Warum sie das rauchen: Aus einer frankophilen Verklärung heraus verwechseln sie ihre Nikotinsucht mit Liberalität, intellektuellem Eigensinn und sinnlichem Genuss. Ihre Situation im Jahr 2030: „Damals, weißt Du damals“…hust, hust „als sie die Studiengebühren einführten, da haben wir es ihnen echt gezeigt. Heute ist die Jugend ja total angepasst.“ Röchel. (Allerdings haben die meisten von ihnen mit dem Rauchen längst aufgehört, als das erste Kind kam.)


P&S/Nil/Gitanes

Wo und wer sie sind: Ehemalige Rote-Gauloises-Raucher, denen die rote Gauloises „irgendwie zu mainstreamig“ geworden ist: Werbetexter, Architekten, Journalisten die eigentlich auch gar nicht rauchen, aber und zu eben doch, wenn „sie gerade Lust haben“. Warum sie das rauchen: Weil sie keinen Bock haben, dasselbe zu rauchen wie alle. Sie sind schließlich auch etwas Besonderes. Ihre Situation im Jahr 2030: Ihr Wunsch nach Extravaganz hat sie in eine Kokainabhängigkeit schlittern lassen, von der sie mittlerweile geheilt sind. Dafür rauchen sie jetzt wieder regelmäßig ("das kleinere Übel" und "irgendein Laster braucht der Mensch ja"): so um die 30 Zigaretten pro Tag.


L&M/Players/ div. Billigmarken

Wo und wer sie sind:Alles, was mit Marken zu tun hat, ist ihnen ein bisschen suspekt. Mit einer Anti-Marke meinen sie ihre Konsumfreiheit am besten unterstreichen zu können. Sie stehen auf Helge Schneider und sagen gerne Sätze wie "Ey, haste noch 'ne Zichte?" Warum sie das rauchen: „Ist doch egal. Hauptsache, es ist Nikotin drin. So spar ich mir pro Schachtel 30 Cent!“ Ihre Situation im Jahre 2030: Aus der vermeintlichen Antikonsumhaltung haben sich schrullige Macken entwickelt, deren Ironie für Außenstehende ohne weiteres nicht mehr zu erkennen ist. In ihrem Wohnzimmer steht ein ausrangierter Flipperautomat, der nicht mehr funktioniert und den einen Dread von damals wollten sie sich nie abschneiden. Jetzt müffelt er etwas.


American Spirits / Manitu

Wo und wer sie sind: Ehemalige Tabakraucher, die sich in den letzten Jahren zu gut verdienenden „Lohas“ entwickelt haben. Ihren Einkauf erledigen sie im Biomarkt, und bis auf die geschäftsbedingten Flugreisen München-Berlin achten sie sehr genau auf ihre CO2-Bilanz. Warum sie das rauchen: Aus einem ganzheitlichen Bewusstsein heraus. Schließlich ist der eigene Körper auch ein Teil der Natur und damit schützenswert. Ihre Situation im Jahre 2030:Sie sind mittlerweile auf eine frugane Ernährung umgestiegen und leben in einer CO2-neutralen Eigentumswohnung im wärmedämmenden Strohballenbausystem, die sie sich nach einer Erbschaft leisten konnten. („Alles andere ist bei der derzeitigen Situation des Planeten auch nicht mehr verantwortbar. Mein Yoga-Lehrer sagt das auch.“)


Nelkenzigaretten

Wo und wer sie sind: Kommen gerade von einer Weltreise zurück und haben aus Indien noch eine Stange mitgebracht. „Schmecken total geil, probier mal eine!“ Nach zwei Zügen entschuldigt man sich dann mit der Ausrede, man habe leider gerade eine Erkältung. Warum sie das rauchen: Auf Borneo rauchen das alle. Ihre Situation im Jahre 2030: Schwer zu prognostizieren. Nach der Weltreise folgt entweder eine Resozialisierung in Richtung Rote-Gauloise-Raucher oder Umstieg auf den Tabakersatz „Knaster“.


Tabakraucher Wo und wer sie sind: Auch wenn ihre Zahl seit der letzten Preiserhöhung für Zigaretten stark zugenommen hat, rekrutieren sich die Tabakraucher noch immer aus dem linksalternativen Milieu. Etwa 30 Prozent tragen Dreadlocks. 90 Prozent finden die „Globalisierung voll scheiße“ und haben ständig Tabakkrümel im Mund. Warum sie das rauchen: Weil sie die Miete vom letzten Monat noch überweisen müssen. Aber auch, weil das Zigarettedrehen so ein schönes Ritual ist. Ihre Situation im Jahre 2030: Die Dreadlocks mussten irgendwann der Halbglatze weichen. An Weihnachten rauchen sie mit ihren pubertierenden Kindern einen Joint und fühlen sich sehr jung geblieben. Nur ihre Finger, die sind über die Jahre gelb geworden.

Text: maria-freilich - Illustration: Katharina Bitzl

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