Die heiligen drei Könige packen aus

Jetzt ziehen wieder die Sternsinger durchs Land und bitten um Spenden und Süßes. Fünf Geschichten von erfahrenen heiligen Königen
peter-wagner

1. Was seid ihr denn für Vögel!Michael Stürzer, 27, arbeitet im Elektrogroßhandel und war in München viele Jahre Sternsinger oder hat Sternsinger begleitet:"Es wird immer schwieriger, das Sternsingen zu organisieren. Früher hat man die Kinder mehr begeistern können. Bei uns in der Pfarrei St. Ignatius sind jetzt noch an die 25 Sternsinger unterwegs. Die klopfen an jedem Haus an, bevorzugt aber bei Menschen, die die Sternsinger im Voraus bestellt haben. Meistens sind wir drei Tage unterwegs, dieses Jahr am Donnerstag und dann am Samstag und am Sonntag. Am Wochenende bekommt man mehr Leute an die Tür. Wenn wir ohne Anmeldung an die Häuser gekommen sind, haben die Leute immer zwischen zwei und 50 Euro gegeben. Bei Bestellungen sind es dann eher zwischen 50 und 100 Euro. Man erlebt einiges an der Tür. Manche beschweren sich, warum wir im vergangenen Jahr nicht da waren, manche lassen uns singen und knallen uns danach die Tür vor der Nase zu. Ich habe das 13 Jahre lang gemacht und weiß mittlerweile, wo man klingeln kann. Wir schauen auch vorher im Adressverzeichnis nach, wo die Pfarreimitglieder herkommen und welche Häuser in Frage kommen. Bei uns machen ja schon die Kleinen bei der Erstkommunion mit und das bringt nix, wenn die die Tür vor der Nase zugeknallt bekommen. Ich habe es selbst erlebt, dass eine Gruppe, die ich durch ein Einkaufszentrum zu den dahinter liegenden Häusern begleitet habe, angepöbelt worden ist. „Was seid ihr denn für Vögel?“ hieß es dann oder „Was wollt´s denn ihr da, ihr Schwarzen?“. Die dürfen sich manchmal ganz schön was anhören. Einmal gab es einen Mann, der uns gar nicht leiden konnte. Er wollte keine Singer haben. Dann haben wir uns einen Spaß gemacht und einfach unsere Kronen runter und statt dem Mohren haben wir einen anderen Sänger ohne Bemalung hingestellt. Der Mann hat uns aufgemacht und dann haben wir schnell unsere Kronen aufgesetzt und gesungen. Der Mann fand das ganz lustig und meinte: „Diesmal habt ihr mich erwischt.“ Die meisten aber, muss ich sagen, freuen sich, wenn wir kommen. Vor allem die Hunde. Wir standen einmal vor der Haustür, waren gerade am Anfang vom Text, als ein junger Hund herausgesprungen kam und einen König umgerissen hat. Wenn man bestellt wird, wird man auch immer in die Wohnung gelassen. Wenn wir reingebeten werden, gibt es die restlichen Plätzchen von Weihnachten, Cola und Tee. Schließlich schreibt der Größte der Gruppe mit Kreide den Spruch an die Tür. Heuer steht da „20 * C + M + B * 11“. Kleinen Kindern erklären wir, dass es für die Jahreszahl und die Namen der Könige Caspar, Melchior und Balthasar steht. Es heißt aber auch „Christus segne dieses Haus“ – Christus mansionem benedicat. Die Süßigkeiten haben wir immer am Abend auf den Tisch und jeder hat sich genommen, was er wollte. Schokolade und Gummibärchen zählten zu den besseren Dingen. Obst war eher schlechter angesehen. Studentenfutter war auch nicht so gut. Man muss allerdings auf das Verfallsdatum achten. In einem Altersheim, in dem wir gesammelt haben, haben wir viel Geld eingenommen, bis zu 1500 Euro. Aber die geben eher die Süßigkeiten mit, die sie vor zwei Jahren geschenkt bekommen haben. Das meinen die nicht böse. Aber man muss aufpassen."

2. Wir sind von der KircheKatrin, 12, geht in München auf die Mädchenrealschule und sammelt dieses Jahr zum sechsten Mal: „Das Sammeln ist ganz lustig, weil man Leute kennenlernt. Manchmal bekommt man die Tür vor der Nase zugehauen, weil die Leute kein Geld geben wollen. Viele wissen auch nicht, wer wir sind. Dann müssen wir erklären, dass wir die Sternsinger sind und dass wir von der Kirche sind. Ich finds trotzdem spannend. Klar, auch wegen der Süßigkeiten. Wir bekommen vor allem Milkaschokolade, Geschmacksrichtung Vollmilch. Und die Überbleibsel von Weihnachten. Man kann das natürlich nicht alles essen. Auch nicht, wenn man Äpfel bekommt, die schon ganz braun und zerdatscht sind.“

3. Ich habe die Hände im TeigKatharina Bitzl, 30, jetzt.de-Grafikerin: "Ich hab das bestimmt fünf Jahre lang gemacht. Je älter ich wurde, desto eher wollte ich der Mohr sein, weil es mir peinlich wurde, in der Stadt erkannt zu werden. Wir haben immer vormittags um 10 Uhr angefangen. Die Fleißigen sind abends erst um acht Uhr nach Hause gekommen. Den ganzen Tag über trifft man haufenweise alte Leute, die richtig auf die drei Könige lauern, die sich einfach abartig freuen, wenn sie kommen. Es gab welche, die, wenn wir sie zu Hause verpasst haben, in der Pfarrei angerufen und sich beschwert haben. Wir hatten auch viele Blocks auf unserer Tour, in denen Türken gewohnt haben. Die haben entweder nicht aufgemacht oder uns sehr erstaunt angeguckt. Viele fanden es dann aber eine große Gaudi und haben teilweise richtig viel Geld gegeben. Wir hatten auch mal konkurrierende, falsche Sternsinger! Die sind irgendwann draufgekommen, dass man damit Geld machen kann. Wir haben die auf der Straße getroffen und dann wäre es fast zu einem Kampf mit den Sternen gekommen. Aber wir haben uns dann doch nicht gehauen und die vertrieben. Am Ende des Tages hat mich vor allem interessiert, welche Gruppe die höchsten Schokostapel hat. Plätzchen will man ja eigentlich nicht, die sind zu der Zeit meistens steinalt. Man kriegt unglaublich viel abgelaufenes Zeug. Wir hatten Ferrero Rocher, aus denen schon die Würmer rauskamen. Lindt-Schokolade war der Renner. Man konnte drei Tafeln Alpia gegen eine Lindtpackung tauschen! Die kleinen Säckchen mit Nüssen – mei, im Vergleich zur Schokolade haben die nicht viel hergemacht. Irgendwann schätzt man tatsächlich auch ab, in welchem Haus es wieviel geben könnte. Lohnt sich das Singen überhaupt oder sagt man nur ein kurzes Gedicht auf? Man muss ja schließlich seine Kräfte schonen. Lustig waren immer die Ausreden derer, die einen nicht reingelassen haben. Ich weiß nicht, wie oft ich „Ich habe grad die Hände im Teig“ gehört habe. Manche schmeissen auch einfach die Tür zu und sagen „haut ab“. Aber über die macht man sich eher lustig. Der erhebende Moment kam am Abend, wenn gesagt wurde, dass 12.000 Mark gesammelt worden sind. Da ist man ganz stolz, wenn man soviel Geld nur durch das lustige in der Gegend Herumrennen gesammelt hat."  

4. Und nie gab es Obst Dominik, 19, studiert Psychologie in Salzburg und hat fast zehn Jahre lang gesungen: "Wir sind immer mit dem Auto gefahren und haben am Tag vielleicht 20 bis 30 Türen geschafft. Wir sind nur zu Häusern gegangen, die angemeldet waren. Sonst wären es zu viele gewesen. Vielleicht waren auch deswegen die Geldspenden höher. Wir haben zwischen 20 und 50 Euro bekommen, einmal auch über 200 Euro, von der Leiterin einer Firma, die kirchlich sehr engagiert war. Zusätzlich gab es natürlich Süßes. Am Ende des Tages hatten wir den Kofferraum voll. Richtig voll. Am häufigsten gab es Merci-Tafeln, oft auch selbstgemachte Plätzchen, bei denen man nicht sicher ist, was drin ist. Ich habe mich eher an die verpackten Schokoladen gehalten. Obst haben wir, glaube ich, nie bekommen. Es war eine schöne Zeit. Man macht den Leuten eine Freude und hat wenig Aufwand damit. Man kommt, singt ein Lied und beide Seiten profitieren."  

5. Vor den Veteranen in EnglandSebastian, 27, ist Sohn des Diakons am Kölner Dom und war auch Sternsinger: „Mit 14 oder 15 Jahren war ich der Melchior. Dunkel geschminkt – und das als einziger Sternsinger mit blonden Haaren, eine seltsame Kombination. Wenn man das für die Kölner Dompfarrei macht, heißt das, man klappert eigentlich ganz Köln ab. Durch die Innenstadt kann man noch laufen, in die Außenbezirke wird man dann sogar gefahren. Meistens wurden wir sehr herzlich aufgenommen. Ich erinnere mich aber auch an einige griesgrämige Menschen im Altenheim: „Ihr könnt ja noch nicht mal die Lieder auswendig!“ Netter waren da die Mitarbeiter im ehemaligen UFA-Palast: Im Kino haben wir passenderweise Popcorn als Spende bekommen. Einige Jahre später ging es dann am 6. Januar über den kleinen Teich, von Köln aus in die Partnerstadt Liverpool. Als deutsche Delegation der Sternsinger vom Dom, wenn man so will. Hier ging es nicht um das klassische Häuserabklappern, sondern in erster Linie um Treffen mit englischen Kriegsveteranen. Das war schon eine eigenartige Situation, so als Deutscher vor Engländern, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Da standen wir in typischer Königskleidung, erklärten den Anglikanern den Brauch und die Veteranen hörten aufmerksam zu. Nachher wurde zusammen Gottesdienst gefeiert, für den meine Mutter am Tag vorher noch extra herfliegen musste: Ein mannshoher Stern, gedacht als Highlight des Gottesdienstes, war aus Köln nicht geliefert worden. DHL hatte da wohl gestreikt. Jedenfalls wurde der Stern dann noch auf den letzten Drücker in seine Einzelteile zerlegt, flugzeugtauglich verstaut und kam mit meiner Mutter pünktlich in England an. Puh.“Text: peter-wagner - und Jurek Skrobala; Illustration: Katharina Bitzl

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