Die Hölle, das ist die Clique

Nichts kann gemeiner, spießiger, langweiliger und totalitärer sein als eine Freundesclique. Fünf Thesen gegen die Grüppchenbildung
maria-freilich

1. Die Clique vergibt Rollen, aus denen man nie wieder herauskommt Weil Thorsten sich vor acht Jahren auf dem Oktoberfest einmal Zuckerwatte in die Hose stopfte – was zugegebenermaßen eine ziemlich blöde Idee war – wird er bei jedem Zusammentreffen der Clique aufgefordert, sich entweder einen Muffin auf einmal in den Mund zu schieben oder ein Glas Wurstwasser zu trinken. Leider gibt Thorsten den Aufforderungen meistens nach, was seine Rolle als Saubär weiter zementiert. Sagt er einmal Nein, benzen die anderen solange an ihn hin, bis er es doch tut. Jeder muss in der Clique seinen Platz haben, sonst entsteht Unsicherheit. Ob die zugeschanzte Rolle seinem Träger gefällt, ist ihr egal. Die Clique wird Thorsten noch im Altenheim dazu drängen, die Flasche mit dem Franzbranntwein zu trinken.


2. Der Clique geht es nur um Selbsterhaltung Als Miriam ihren neuen Freund Patrick kennenlernte, verbrachte sie immer weniger Zeit mit Sarah, Judith und Theresa. Beinahe jedes zweite Mal sagte sie ab, als sich die vier in ihrer Stammkneipe treffen wollten. Theresa fand, Patrick sei „irgendwie schmierig“ und „außerdem viel zu klein, der müsse einen Napoleonkomplex haben“. Sarah war sich sicher, Patrick letzten Samstag gesehen zu haben, wie er mit einem fremden Mädchen in ein Taxi gestiegen war. Als Miriam sich schließlich von ihm trennte, war sie froh, dass ihre „Mädels immer für sie da waren.“ Theresa, Sarah und Judith sagen jetzt einstimmig, Patrick hätten sie noch nie gemocht. Die Clique ist ein Organismus, der nichts als sein eigenes Überleben im Sinn hat. Das Wohlergehen des Ganzen ist wichtiger als das der einzelnen Glieder. Will eine Person den Kreis verlassen, setzen die anderen Cliquenmitglieder alles daran, ihn daran zu hindern.


3. Die Clique verzeiht nie demjenigen, der sie verschmäht Selten kommt es vor, dass eine Clique expansionsbereit ist. Die Mehrheit bemustert den Neuling aufmerksam, weist ihm nonverbal eine Rolle zu und deutet ihm ebenso nonverbal, doch um so bestimmter, diese Rolle auf keinen Fall zu verlassen. Wer diese seltenen Zeitfenster der Cliquenvergrößerung ungenutzt schließen lässt, wird mit tiefem Hass bestraft. Tom hatte sich nach drei Monaten mit ausgiebigem Binge-Drinking für den halbcoolen und halbstarken Freundeskreis von Jörg qualifiziert. Er hatte Wochenende für Wochenende acht Bier getrunken, ohne sich zu übergeben. Er hatte sich sogar das Vertrauen des sonst so misanthropischen Leitwolfs Dominik ersoffen. („Bist echt ganz ok“, hatte der ihm mit einem jovialen Schulterklopfer nach sechs Bier gesagt.) Seine Akzeptanz ging sogar so weit, dass er hin und wieder angerufen wurde, anstatt sich wie früher selbst zu melden. Doch dann, als alles so weit war, lernte er ein Mädchen kennen und die Jungs um Jörg kamen ihm plötzlich kindisch vor. Die Clique verzieh ihm das nie. „Der Typ war irgendwie schwul“, sagte Dominik von nun an jedes Mal, wenn die Rede auf Tom kam.


4. Die Clique hasst Veränderung „Der Schluckspecht“ ist eine etwas größere Eckkneipe. Bänke und Tische sind aus Kiefernholz, an der Wand hängt ein Spielautomat und am Tresen sitzen jeden Abend für Abend Berufsalkoholiker vor ihrem Bier. Als die acht Freunde zum ersten Mal in den Schluckspecht gingen, waren sie 16 und alles war unglaublich aufregend. Würde ihnen der Wirt wirklich auch Tequila verkaufen? Könnten sie in der Kneipe rauchen? Einfach so, wie echte Kneipgänger? Inzwischen sind 12 Jahre vergangen, Sina ist nach Berlin gezogen, der Rest der Clique aber lebt noch immer in dem Vorort einer Großstadt, weil „hier die Mieten billiger sind und meine Freunde ja auch hier wohnen“. Sie treffen sich mindestens einmal in der Woche im „Schluckspecht“ und reden über früher. Die Clique ist nur in ihrer Entstehungszeit progressiv. Dann erstarrt sie und besteht schließlich nur noch aus einer leeren Hülle aus Ritualen.


5. Die Clique neigt zum Inzest Mit 15 war Ulli mit Andrea zusammen. Drei Jahre lang hielt die Beziehung – in diesem Alter eine kleine Ewigkeit. Zwei Wochen war Ulli nach der Trennung alleine, dann plötzlich entdeckten er und Sina – Andreas beste Freundin - wie gut sie doch zusammenpassten. Andrea war den beiden nicht böse, schließlich war Sina ja ihre beste Freundin. Die Beziehung hielt sechs Jahre. Als die beiden sich trennten, war Ulli 25 und er war der Meinung, „es jetzt endlich einmal richtig krachen lassen zu müssen“, was gleichbedeutend war mit der Aussage: „Ich will jetzt versuchen, mit so vielen Frauen wie möglich zu schlafen“. Nach zwei Monaten musste Ulli sich eingestehen, dass sein Vorhaben wesentlich anstrengender war, als er sich das vorgestellt hatte. Wie schön war doch die Sicherheit, die Rituale, die Wärme und der regelmäßige Beischlaf einer festen Beziehung! Es vergingen noch zwei Wochen, dann küssten sich er und Marie. Marie war zufällig die Ex seines besten Freundes, aber das störte weder ihn, noch Marie, noch seinen besten Freund. Schließlich war man ja befreundet. Ulli ist jetzt 31 und noch immer mit Marie zusammen. Oft treffen sich er, sein bester Freund, Marie und Andrea im Schluckspecht. Sina würde auch kommen, wäre sie nicht nach Berlin gezogen.

Text: maria-freilich - Illustration: Katharina Bitzl

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