"Die Hoffnung war immer da": Vier Interviews zur Jugendarbeitslosigkeit

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200 Bewerbungen und ein blödes Gefühl: Denise Knorr, 17

Nach der mittleren Reife würde Denise gerne eine Ausbildung zur Bürokauffrau beginnen, doch die Chancen stehen schlecht und Denise glaubt zu wissen warum: „Ich war in der Schule nicht besonders gut in Mathe“, sagt sie. Freilich hat sie Glück, weil sie noch zuhause lebt und von ihrer Familie finanziell unterstützt wird. Trotz der Sicherheit aber kann sie den Satz "Leider müssen wir Ihnen mitteilen" nicht mehr lesen. 200 Bewerbungen hat sie im vergangenen halben Jahr geschrieben und nie steht in den Absagen, warum gerade sie nicht genommen wurde. Nun würde sie am liebsten irgendeinen Job annehmen, für den eine Ausbildung keine Voraussetzung ist. Aber eine Lösung wäre das nicht. Bekannte von Denise haben es genau so gemacht und bereuen heute den Schritt. "Die haben ihren Job verloren und stehen jetzt ohne Ausbildung noch schlechter da", sagt sie. Denise will endlich einen Arbeitgeber finden, der zu schätzen weiß, was sie kann. Bis Denise einen solchen Arbeitgeber gefunden hat, versucht sie, sich jeden Tag aufs Neue zu motivieren: "Es muss ja schließlich weitergehen", sagt sie. Sie hat die Hoffnung, bis zum September diesen Jahres eine Lehrstelle zu finden, dann läuft ihre persönliche Deadline ab. Denn mittlerweile haben schon viele ihrer Freunde eine Ausbildung begonnen und für Denise ist es, sagt sie, "ein ziemlich blödes Gefühl", die anderen den ganzen Tag arbeiten zu sehen. Während sie nichts zu tun hat. Noch nichts. *** Erst Vorarbeiterin, dann Neustart: Ramona Zißler, 21

Ramona Zißler hatte es eigentlich schon geschafft: In München war sie bei einer Reinigungsfirma als Vorarbeiterin angestellt, koordinierte 120 Mitarbeiter und verdiente "gutes Geld", wie sie sagt. Doch dann gab es Schwierigkeiten mit dem Chef. Sie wurde entlassen, verlor die Wohnung, die sie über den Arbeitgeber bekommen hatte, und fand sich schließlich im Frauenhaus wieder. Jetzt fängt Ramona wieder von vorne an. An zwei Tagen die Woche holt sie den qualifizierenden Hauptschulabschluss nach und nimmt an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in einer Schreinerei teil. Ramona würde gerne etwas Handwerkliches lernen und Schreinerin werden. Dafür müsste sie aber ein Berufsgrundschuljahr, ein Vollzeitschuljahr an einem Berufskolleg, absolvieren. Das will sie nicht. Sie will sich nach ihrem Schulabschluss als Bürokauffrau bewerben, weil sie bereits als Selbständige eine Zeit lang Bürodienstleistungen angeboten hat. Ihre Wünsche für die Zukunft: Eine Familie gründen, in der eigenen Wohnung leben, finanziell gut über die Runden kommen und einfach glücklich sein. Für eine Ausbildung würde die Hartz-IV-Empfängerin überall hinziehen. "Die Hauptsache ist, dass mein Labrador Leon mit darf", sagt Ramona. *** Studium in Russland, in Deutschland nicht anerkannt: Olga Ruckgaber, 25

In Russland geboren, kam Olga vor sieben Jahren mit Mutter und Großmutter nach Nürnberg. Sie sprach kein Wort Deutsch, nur Englisch. Sie fand einen Aushilfsjob als Bedienung in einem Café, doch die Sprachbarriere war schließlich doch noch zu groß. Also nahm Olga sechs Monate an einem Deutschkurs teil und begann danach mit der Ausbildungssuche. Es folgten etwa 40 Bewerbungen auf freie Lehrstellen als Arzthelferin, als Friseurin oder als Verkäuferin. Vergebens. Viele Monate blieb die Suche erfolglos. "Von den ganzen Bewerbungen haben sich ungefähr zehn Firmen gar nicht gemeldet", sagt sie. In Russland hat Olga ihr Abitur gemacht und Pädagogik studiert. Sie wäre auch in Deutschland gerne Lehrerin geworden, allerdings wird ihr hier nur die mittlere Reife anerkannt. Als sie nicht mehr weiter wusste, ging Olga zur Arbeitsagentur und bat um Unterstützung. Mit Erfolg. Von 2003 an machte Olga eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation bei der Noris-Arbeit, einer gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft der Stadt Nürnberg. Dort wurde sie auch auf die Abschlussprüfung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) vorbereitet, die sie bestanden hat. Einziger Wermutstropfen: Olga kann nach der Ausbildung nicht übernommen werden, der Bewerbungsmarathon beginnt nun von vorne. Aber Olga ist dennoch guter Dinge: "Wenn ich nicht auf Anhieb eine Arbeit finde, dann mache ich eben noch einen Deutschkurs. Ich bin nicht der Typ, der zu Hause rumsitzt", sagt sie. *** 50 Bewerbungen und voller Hoffnung: Katja Seidler, 20

Nach ihrem Realschulabschluss wollte Katja unbedingt Bürokauffrau werden. Sie bewarb sich bei Autohäusern und Textilfirmen, besorgte sich Adressen beim Arbeitsamt und recherchierte in Zeitungen nach geeigneten Stellen. Ein halbes Jahr und 50 Postsendungen später war es dann soweit: Sie konnte ihre Ausbildungsstelle Anfang Dezember letzten Jahres antreten. Die Bewerbungszeit empfand sie nicht belastend, im Gegenteil. "Die Hoffnung war immer da und ich habe jeden Tag nach neuen Stellen geschaut", erzählt sie. Ihre Ausbildung gefällt ihr heute gut, sie freut sich auf ihre nächste Station in der Buchhaltung und weiß schon jetzt, was die Zukunft ihr bringen soll. "Ich möchte gerne im Personalbereich arbeiten. Die Arbeit dort ist sehr spannend und man hat mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun", sagt sie. Katja wohnt zurzeit noch mit ihrer Mutter zusammen, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten kann. Momentan fließt ein Großteil ihres Gehalts in das eigene Auto, aber es sei "ein gutes Gefühl", sich ein bisschen Luxus gönnen zu können. Das, was am Monatsende noch übrigbleibt, spart Katja. Irgendwann will sie eine eigene Wohnung beziehen.

Text: kirsten-ludowig - Fotos: Peter Roggenthin

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