Die Islamistenformel

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Zwei der naheliegenden Fragen, die immer wieder gestellt werden, wenn es um die Gräueltaten des Islamischen Staats (IS) geht: Was treibt diese Menschen an? Wie werden sie zu Kämpfern für einen grausamen Gottesstaat?

Es ist schwer, solche Fragen zu beantworten, man kann in diese Menschen ja nicht hineinsehen. Was man aber kann: lesen, was sie auf Twitter geschrieben haben.

Forscher aus Katar haben genau das getan, mit großer Akribie und interessanten Ergebnissen. Sie haben 3,1 Millionen Tweets analysiert, um herauszufinden, wie Menschen ticken, die den IS unterstützen. Und wie sie tickten, bevor sie das taten. Verhalten sie sich alle ähnlich, bevor sie sich radikalisieren? Twittern sie über dieselben Themen, haben sie sonst irgendetwas gemeinsam? Solches Wissen würde einen ja auch in Zukunft vielleicht weiterbringen: wenn man sich fragt, ob jemand kurz davor ist, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen.

Am Ende der Untersuchung (PDF der Studie) gab es tatsächlich einen Algorithmus, der anhand von Tweets analysieren kann, ob deren Verfasser ein IS-Symphatisant ist oder nicht - auch wenn er den IS bis dahin in seinen Tweets nie wörtlich erwähnt hat. Wenn man so will, eine Art Islamistenformel.

So gingen die Forscher vor

Sie sammelten mehr als drei Millionen Tweets, die in arabischer Sprache verfasst waren und alle das Stichwort „IS“ enthielten, sei es in dieser abgekürzten Form oder unter Erwähnung des vollen Namens der Terrororganisation. Diese Unterscheidung war wichtig, denn eine der ersten Erkenntnisse nach der inhaltlichen Überprüfung einer Stichprobe war: IS-Symphatisanten nutzen fast nie die Abkürzungen, sondern meistens den vollen Namen. Das zweite, etwas näherliegende Ergebnis: Die Tweets von Pro-IS-Twitterern häuften sich immer dann, wenn der IS Propaganda-Videos veröffentlichte oder militärische Erfolge vermeldete.

Danach konzentrierten sich die Forscher auf die Nutzer, die auch schon bei Twitter aktiv waren, bevor sie offensichtlich Islamisten waren. Die Frage, die sie sich stellten: Nutzten die alle bestimmte Hashtags? Twitterten die bei ähnlichen Ereignissen über ähnliche Themen mit einem ähnlichen Tenor? Kann man also sagen: Wer A und B twittert, wird bald dem IS beitreten?

So tickten die Islamisten, bevor sie zu Islamisten wurden

Der größte Teil der späteren Islamisten brannte früher für die Revolutionen des Arabischen Frühlings. Vor allem die Hashtags, die sie benutzt hatten, sprachen da eine deutliche Sprache: Sie drückten Solidarität mit den Demonstranten in Ägypten oder den Rebellen in Syrien aus, sie unterstützten die Oppositionsparteien und Gruppen, die sich gegen die alten Machtstrukturen in arabischen Staaten wandten. Und sie zeigten Frustration darüber, dass die Arabellion nicht die erhofften Verbesserungen gebracht hat.

Interessant ist auch: Die wenigsten Tweets hatten religiöse Inhalte. Das deutet darauf hin, dass der Zustrom in Richtung IS im arabischsprachigen Raum vor allem ein politisch motivierter sein könnte und nicht in erster Linie ein religiöser.

Eine Islamisten-Suchmaschine?

Wäre der Algorithmus der Forscher aus Katar also in der Lage, zukünftige Terroristen zu identifizieren? Soweit kann man sicher nicht gehen. Der Algorithmus schaffte es zwar, mit einer Wahrscheinlichkeit von immerhin 87 Prozent vorherzusagen, ob jemand später mit dem IS sympathisieren würde oder nicht. Das ist zwar viel, aber noch nicht genug für eine wirklich aussagekräftige Prognose. Zweitens funktioniert das Modell ja nur bei der „ersten Generation“ von IS-Unterstützern: bei denen, die von der Zeit des Arabischen Frühlings geprägt und politisiert wurden. Der begann 2010, das ist fünf Jahre her. Es kann also sein, dass es für jetzt nachrückende IS-Kämpfer längst andere Motive gibt – zumal ein beachtlicher Teil davon gar nicht mehr aus dem arabischen Raum kommt.


Text: christian-helten - Foto: dpa

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