Die Kleine

"Du bist doch noch so jung!", sagen die Menschen, wenn man die kleinste Schwester oder die jüngste Kollegin ist. Wie es ist, immer die Jüngste zu sein, aus dieser Rolle herauszuwachsen - und eigentlich das Nesthäkchen bleiben zu wollen.
nadja-schlueter

Der Prototyp der Jüngsten ist Annemarie Braun. Annemarie hat blonde Zöpfe, reiche Eltern und zwei Brüder. Sie ist der Sonnenschein der Familie, liebenswert und ziemlich verwöhnt. Als Kind habe ich sämtliche Bände der "Nesthäkchen"-Reihe, deren Protagonistin eben jene Annemarie Braun ist, gelesen. Und obwohl ich keine Brüder habe, mein Vater nicht Arzt ist und ich nicht im Berlin unter Kaiser Wilhelm sondern in den Achtzigern und Neunzigern in einem Provinznest im Westerwald aufgewachsen bin, fand ich mich in diesem Mädchen wieder. Denn ich bin die Jüngste von drei Schwestern und sogar das jüngste Enkelkind. "Die Kleine" sagt meine älteste Schwester heute noch zu mir und schaut mich dabei an, als müsse sie mich vor allem Bösen in der Welt beschützen.

Man hat viele Vorteile, wenn man das Nesthäkchen ist. Ich musste weniger für meine Freiheit kämpfen, weil der Weg von den Schwestern geebnet wurde, und ich konnte mir eines "Du bist doch noch so jung" oder "Noch so jung, aber schon..." jederzeit sicher sein. Zudem hatte ich stets das Gefühl, noch Schonfrist zu haben, denn erstmal mussten ja alle anderen, die Älteren eben, ran. Egal ob ein guter Job, Nachwuchs oder diese eine Reise, die ich immer schon mal machen wollte, immer schien es, als hätte ich noch wahnsinnig viel Zeit, um all das zu erledigen und zu erreichen.



Das Gefühl, noch eine Menge Zeit zu haben, konnte ich mir lange auch außerhalb des Familienkreises bewahren. Denn ich geriet bei Aktivitäten oder in Freundeskreisen oft in Gruppen, in denen die anderen älter waren als ich. Vor allem, wenn es darum ging, etwas zu leisten, vereinfachte diese Tatsache die Chance auf Anerkennung. Das Leben am unteren Ende der Altersskala ist so, als sei man stets die Punktbeste beim Schulsportfest nicht, weil man besonders gut wäre, sondern weil man auch schon in die 3. Klasse geht, aber im späteren Jahrgang zur Welt gekommen ist. Wenn du dich mit denen misst, die schon größer sind und darum weiter springen können, oder mit denen, die schon älter sind, und darum schon mehr Zeit hatten, Erfahrung zu sammeln und etwas zu erreichen, dann kannst du nur gewinnen. Meine Englischlehrerin sagte einmal: "Man muss sich nur eine Umgebung suchen, in der alle dümmer sind als man selbst, dann ist man immer der Star." Mir schien es, als müsse man sich nur eine Umgebung suchen, in der alle älter sind als man selbst.

Die Fußballweltmeisterschaft 2010 war die erste meines Lebens, bei der Nationalspieler jünger waren als ich. Eigentlich war mir das egal, immerhin wollte ich nicht Fußballnationalspieler werden. Aber rückblickend glaube ich, dass dies der Moment war, in dem ich aufhörte, überall die Jüngste zu sein. Oder zumindest wahrnahm, dass sich die Altersstruktur um mich herum langsam verschob. Nach und nach gibt es immer mehr Menschen, die das gleiche tun wie ich, aber drei bis sieben Jahre jünger sind. Und sie sind gut. War ich auch so gut, als ich noch die Jüngste war? frage ich mich dann. Habe ich mich überhaupt weiterentwickelt? Oder habe ich mich auf der Gnade der späten Geburt ausgeruht, mich wohlwollend bewerten lassen und darum zu wenig an mir gearbeitet? Und während ich mir diese Fragen stelle, bekomme ich Angst vor Jüngeren. Angst davor, immer nur ernst genommen worden zu sein, weil ich die Jüngste war, und noch nicht reif genug bin, um als Ältere ernst genommen zu werden. Nervös schiele ich auf die Geburtsjahre erfolgreicher Menschen und möchte beruhigt aufatmen, wenn mir die Zahl, die ich lese, einen guten Geist an die Seite stellt, der mir auf die Schulter klopft und "Keine Panik - älter als du!" sagt.

Aber bevor ich mich unter der Bettdecke verkrieche und darauf warte, jünger zu werden, sollte ich mir wohl eingestehen, dass ich die wohlwollende Anerkennung der letzten Jahre wahrscheinlich damit verwechselt habe, ernst genommen zu werden. Einfach, weil ich es gewöhnt bin. Ernst genommen werden bedeutet nicht, dass jemand "Du hast noch Zeit" sagt, sondern, dass er dich machen lässt, was du machen willst, weil er sicher gehen kann, dass du es gut machst. Nicht, dass jemand ob deiner Leistung bass erstaunt ist und darin Potenzial sieht, sondern, dass er sie mit einem anerkennenden Blick quittiert und als rundum gelungen betrachtet.

Trotzdem sehne ich mich immer wieder nach dem Nesthäkchen-Leben. Nach geebneten Wegen und diesem netten Abwinken, das "Mach dir mal keine Gedanken, du hast ja noch Zeit" bedeutet. Zum Glück werde ich in einem Falle immer die Jüngste bleiben: Daheim, im Schoße der Familie und unter den Schwestern. Dort bin ich "die Kleine", werde mit diesem Blick bedacht, der den Wunsch ausdrückt, mich vor allem Bösen in der Welt zu beschützen und genieße das in vollen Zügen. In Wirklichkeit bin ich nämlich wahrscheinlich genauso verwöhnt wie Annemarie Braun. 

Text: nadja-schlueter - Foto: Schneekind / photocase.com

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