"Die Kleinen sagen höflich Danke und Bitte"

Alle zwei Monate öffnet die Berliner Disco "Tresor" um 17.30 Uhr - für Hunderte von Teenies, die dann ihre eigene Party feiern. jetzt.de war dabei. Und wurde wehmütig
daniel-schieferdecker

Was Club-Besuche angeht, ist man als Berliner gemeinhin gesättigt. Das Überangebot übertüncht schnell den Hauch des Besonderen, die immergleichen Rituale werden zur langweiligen Routine und das ernüchternde Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben, lässt die Lust am Ausgehen zunehmend erkalten. Sehnsüchtig denkt man zurück an die Zeit, als die große Schwester sich abends ausgehfein gemacht und mit leuchtenden Augen vom Mysterium "Disco" geschwärmt hat, als wäre es ein unerreichbares Paradies aus Abenteuern, Spaß und guter Laune. Doch für die meisten von uns ist diese Phase des Lebens unwiederbringlich Geschichte. Und das ist auch ok so, wir haben unsere Zeit schließlich gehabt.

Der legendäre Techno-Club Tresor hat es sich nun jedoch zur Aufgabe gemacht, den 12 bis 15-Jährigen in regelmäßigen Abständen ein discokugelähnliches Glitzern in die Augen zu zaubern und ihnen die Freude am Clubbing näherzubringen. Tresor.Light nennt sich die Veranstaltungsreihe und war ursprünglich bloß als kleine Privatparty für die Kinder der Tresor-Angestellten geplant. Doch der Enthusiasmus der Kids schwappte dank Mundpropaganda und Telefonlawine bald über den clubeigenen Dancefloor hinaus, so dass immer mehr tanzwütige Teenies dem Ruf ihrer Klassenkameraden und Freunde folgten. Alkohol wird nicht ausgeschenkt, die Zigarettenautomaten sind versteckt und für Jungs und Mädchen ohne Einverständniserklärung der Eltern ist die Party schon vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat. Damit alles seine Ordnung hat und die kleinen Racker nicht vollkommen auf sich allein gestellt sind, hat sich außerdem der Bund Deutscher Pfadfinderinnen an der Ausrichtung von Tresor.Light beteiligt, von denen ehrenamtlich sogenannte „Angels“ abgestellt werden, um ein Auge auf die Club-Kids zu werfen. „Selbst das Bar-Personal freut sich jedes Mal auf die Veranstaltung“, sagt Roland Prejawa vom Tresor und ist zufrieden. „Im Vergleich zum sonstigen Partyvolk sagen die Kleinen alle noch höflich ‚bitte’ und ‚danke’.“

Den Jugendlichen selbst sieht man ihre MTViva-Sozialisation durchaus an. Doch selbst wenn die ersten Schminkexperimente der Mädels noch ausbaufähig sind und die einstudierten Choreografien der Jungs aus den bevorzugten Youtube-Clips sich bisweilen noch nicht ganz in Einklang mit dem Original befinden: Die Gäste haben ihre helle Freude an der Veranstaltung. Den erwachsenen Beobachter hingegen beschleicht beim Besuch des Tresor gegen 18.30 Uhr und mit dem Blick auf die Ausgelassenheit der ravenden Rasselbande ein leicht wehmütiges Gefühl. Man würde beinahe gerne Stammgast werden bei Tresor.Light, denn die hüpfenden Besucher strahlen eine Zufriedenheit aus, die man im regulären Club-Betrieb vergeblich suchen dürfte. Hier gibt es noch keine aggressiven Stressmacher, die behaupten, man hätte ihre Mutter beleidigt oder besoffene Vollhonks, die ihren Gute-Nacht-Döner im hohen Bogen neben das Pissoir erbrechen. Auch sämtliches Schickimicki-Getue ist noch fern und durch den Zapfenstreich um 22 Uhr kommt jeder pünktlich ins Bett. Eigentlich eine angenehme Vorstellung.

Text: daniel-schieferdecker - Fotos: Tresor.light

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