Die Lacher des Jahrzehnts

Der Nacktmull, die Frisur der Kanzlerin, das Bahn-Englisch - ein kleines Lexikon der Witze der Nullerjahre
lars-weisbrod

In der letzten Dekade wurde nicht nur Krieg geführt, getwittert und CO2 freigesetzt, es wurden auch Witze gemacht. Hier die zehn wichtigsten Themen, über die im Kabarett, im Internet und während Partygesprächen besonders gelacht wurde. Der Telefonjoker

"Wer wird Millionär?" hat den Status eingenommen, den vor Jahren das "Glücksrad" innehatte und so wurde das gute alte "Ich kaufe ein A und löse Bockwurst" durch einen Witz ersetzt, der um einiges situationskomischer funktioniert. Wenn jemandem etwas nicht einfiel, dann sagte er "Kann ich jemanden anrufen?" oder sein Gegenüber sagte "Willst du jemanden anrufen?" und alle kicherten und überlegten weiter. Warum es nur der Telefonjoker in die Hitliste der Witze geschafft hat, ist nicht abschließend geklärt, hängt aber vielleicht damit zusammen, dass man meistens keine vier Antworten in Betracht zieht bzw. kein Publikum um sich schart. ** Chuck Norris Am Anfang dieses Jahrzehnts war das Internet voll mit Seiten, die Synonyme für das Wort "Warmduscher" auflisteten. Ihre Nachfolge hat in den vergangenen Jahren Chuck Norris angetreten, denn Chuck Norris kennt die letzte Ziffer von PI und kann deine Gedanken mit einem Löffel verbiegen. Wie die Warmduscher-Synonyme waren auch die Chuck-Norris-Sätze als Witzform hochproduktiv. Es ist mach Lustiges dabei herumgekommen. Dass ein 80er-Jahre-Trash-Actionstar im Mittelpunkt der Witze steht, zeugt vielleicht davon, dass sich die ironische Distanz zu zweifelhaften Männlichkeitsvorstellungen seit der Warmduscher-Zeit vergrößert hat. ** Angela Merkels Frisur

Auf die Frage, was sein Lieblingswitz sei, antwortete der ehemalige Titanic-Chef Martin Sonneborn einmal: Angela Merkel. Mit der Antwort hatte er eigentlich alles gesagt, was es zu solchen Witzen zu sagen gibt: Sie sind eigentlich schon gar keine mehr, denn sie haben ja nicht einmal eine Pointe. Es reicht, dass jemand von irgendwo das Stichwort gibt, "Angela Merkel! Diese Frisur!" und schon lachen alle. Wie in der alten Gefängnisgeschichte, in der sich die Insassen nachts nur Nummern zurufen: Alle Witze, die sie kennen, haben sie sich schon so oft erzählt, dass sie aus ökonomischen Gründen gleich durchnummeriert wurden. Das Nennen der Zahl reicht dann für den komischen Effekt. Nummer 1472 - Angela Merkels Frisur! Mit der Zeit und dem Einsatz von moderner Stylingberatung hat sich der Angela-Merkel-Witz nach unten verlagert, zuerst auf ihre Mundwinkel (Stichwort: Angela Merkel in Gebärdensprache!) und dann auf ihr Dekolleté. ** Deine Mutter Der "Deine Mutter"-Witz ist noch aktuell, aber doch schon so bekannt, dass es völlig ausreicht, auf irgendetwas einfach mit "Deine Mutter" zu antworten und alle müssen lachen. Wichtig ist die Aussprache: Bessere Chancen auf Lacher hat der, der "Mudder" statt "Mutter" sagt - wohl, weil es ein Diss aus sozialen Gruppierungen ist, in denen man so spricht. Dort herausgeholt und in die breite Masse geschleudert haben ihn unter anderen Fünf Sterne Deluxe mit "Ja, ja . . . deine Mudder". Wichtig ist, dass man als Betroffener die eigene Familie ausblendet, sonst schmerzt einen ein "Deine Mutter spinnt!" mehr als es sollte. Ebenso wichtig, dass der mit dem Witz bedachte das auch weiß, sonst könnte es Ärger geben. ** Der Nacktmull

Während Witze über die Haare der Kanzlerin deren vermeintliche Hässlichkeit bloßstellen, wurde das Nagetier von vielen Liebhabern wegen seiner humoristischen Unansehnlichkeit ("Penis mit Zähnen") geschätzt. Blogeinträge und Kommentare widmeten sich ihm mit Liebe. Sich-lustig-machen und Niedlich-finden gingen in diesem Fall Hand in Hand, während die Bereitschaft, Angela Merkels Frisur putzig zu finden, stets gering war - vielleicht hätte die Kanzlerin sich einfach einen Nacktmull auf den Kopf setzen sollen. Die Diskurskarriere des Heterocephalus glaber begann schon in den frühen 90er Jahren, die größere Öffentlichkeit erreichte das Tier aber erst in diesem Jahrzehnt. Als Ursache darf man ruhig auch die Fabelhafte-Welt-der-Ameliesierung des vergehenden Jahrzehnts ansehen: Eine Generation bürgerlicher Mittelschichtskinder wurde 2001 von einem Film geprägt, der die Ästhetisierung des Kleinen, Unscheinbaren und vorgeblich Hässlichen in den Mittelpunkt stellte, und seitdem wird im Regen getanzt, weggeworfene Einkaufslisten fremder Leute werden aufgesammelt oder Nacktmull-Fotos im Internet gepostet. Dieser Haltung ist natürlich wenig entgegenzuhalten - erst recht nicht aus humoristischer Perspektive -, nur birgt auch sie die Gefahr, zur bloßen Geste zu erstarren. Im neuen Jahrzehnt könnten sich die Amelies also auch mal außerhalb der Tierwelt nach fälschlich Missachtetem umsehen, das zu glorifizieren wäre. Politikerfrisuren vielleicht.


George Bush

George W. Bush, 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, war in erster Linie ein politisches und direkt in zweiter Linie ein komisches Phänomen. Es ging natürlich auch so einfach: Bush sagte dumme Sachen, verschluckte sich an einer Bretzel, begann einen Krieg und stellte sich dann auf einen Flugzeugträger, um ihn für beendet zu erklären, obwohl er noch viele Jahre andauern sollte. Außerdem sieht er ja auch noch ein bisschen aus wie ein Affe. Er bot also ein äußerst dankbares Ziel für Hohn und Spott, weil er wie kaum jemand oder etwas anderes beides lieferte: Anlässe, sich über ihn lustig zu machen, und die moralische Rechtfertigung, es dann auch zu tun. Was als dumm und böse zugleich gilt, springt der Öffentlichkeit als Witz ja geradezu ins Gesicht. ** Die Bahn Vermutlich sind Witze über die Bahn ein echter Evergreen und es gab sie schon Achtezehnhundertblumenkohl, als der erste Zug zwischen Nürnberg und Fürth tuckerte. Irgendwann wurde die Deutsche Bahn dann zum globalen Mobility-Networks-Logistics-Konzern und zwang ihre Zugführer, auch auf Englisch durchzusagen, welche Anschlusszüge nicht erreicht werden. Seitdem macht man sich nicht mehr nur über Verspätungen lustig, sondern auch über "Sänk ju for träveling wis Deutsche Bahn". Noch 2001 schrieb Max Goldt, die größte Besonderheit der ersten Klasse gegenüber der zweiten sei, "dass die Leute in der ersten einander wissend und belustigt anschauen, wenn der Zugbegleiter englische Durchsagen macht". Seitdem muss der Witz demokratisiert worden und von den Wagen der ersten Klasse in die der zweiten Klasse gelangt sein, denn mittlerweile gehört er zum klassenlosen Common Sense der Schiene. Zugabteile sind für solche Witze naturgemäß hervorragende Biotope: Fremde Leute sitzen sich am Vierertisch gegenüber, und damit nicht von Hildesheim bis München ein dunkles Schweigen über ihnen hängt, brauchen sie einen Humornenner, eine Bemerkung, die man ins Abteil raunen kann, um sich dann wissend und belustigt anzuschauen, obwohl man sich fremd ist. ** StudiVZ-Gruppen Für jedes der Stichworte aus dieser Liste hier lässt sich mit Sicherheit mindestens eine zugehörige StudiVZ-Gruppe finden. Als Vehikel leisteten die Gruppen hervorragende Arbeit, weil Witze dann besonders gut funktionieren, wenn sie getarnt daherkommen und nicht plump mit einem "Ich weiß auch noch einen Guten". StudiVZ-Gruppen tarnten Witze als Interessengemeinschaft, sie gaben vor, man wolle nicht nur einen Witz machen, sondern habe eine These, hinter der man sich gruppenmäßig organisiert und diskutiert, was de facto natürlich nie geschah. Die Tarnung war aber gut. ** Unterschichtenfernsehen

Witze über das sogenannte Unterschichtenfernsehen, die Vorrunden der Casting-Shows miteingeschlossen, kamen in zwei Variationen: Man machte sich sowohl über die vorkommenden Unterschichtler lustig als auch über die Formate selbst und ihre positiv besetzten Protagonisten, die Coacher und Juroren. Hier aber liegt eine Inkonsistenz begraben, die schlimmer nicht sein konnte: Dass man sich über die armen Menschen, die da herumlaufen, lustig macht, ist ja gerade Sinn des Formates, über das man sich ebenfalls lustig macht. Man hätte also entweder nur über Mandy aus Halle-Neustadt lachen dürfen oder nur über die Supernanny. Nicht über beide. ** Unterschiede Rainald Grebe singt: "Ich liebe die Unterschiede", und weiter: "ach schön, dass es sie noch gibt". Damit fasst er eine Neigung der Nuller Jahre zusammen, vor der auch die Witze nicht verschont blieben: Die Liebe zu den Unterschieden füllte Stadien (Mann-Frau), machten Ethno-Comedy zum Erfolg und Schwulenwitze zum Dauerbrenner. Vielleicht bringt ja das neue Jahrzehnt endlich Gemeinsamkeiten, über die man lachen kann.

Text: lars-weisbrod - und Nadja Schlüter; Illustrationen: Judith Urban

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