Die letzten Stunden der Loveparade

Unsere Autorin Wlada Kolosowa war zusammen mit ihrer Kollegin Charlotte Potts auf der Love-Parade, um eine Reportage über den Niedergang der Veranstaltung zu machen. Sie kamen mit einer anderen Geschichte zurück.
christina-waechter

Die letzten Stunden der Loveparade

Wlada, Charlotte, wie waren die letzten Tage seit Samstag für euch? Wlada: Ziemlich stressig: Ich habe noch am Samstag mit dem Jugendradio „Fritz“ telefoniert, die meinten dann, ich solle am nächsten Tag auf ihren Anruf warten, dann haben sich noch der Tagesspiegel und die Grazia bei mir gemeldet. Plötzlich wussten Leute, von denen ich nie etwas gehört hatte, dass ich bei der Loveparade gewesen war. Charlotte: Ich wurde, als wir gerade nach Essen zurückgekommen waren, vom ZDF gleich wieder zurückbeordert nach Duisburg. Ich hatte auf Facebook geschrieben, dass ich da war und das hat eine Kollegin gelesen. Ich konnte vor Ort helfen, die Liveschaltungen für die zu organisieren, das hat den ganzen Abend über gedauert.    Wie seid ihr plötzlich zu Loveparade-Expertinnen geworden? Wlada: Wir machen gerade beide ein Seminar, bei dem wir über die Kultur an der Ruhr berichten sollen. Wir hatten die Idee, über die Loveparade zu berichten, aber eher aus der Perspektive, dass die Loveparade zu einem Volksfest geworden ist, zu dem sich Leute in Polyester kleiden und besaufen.Wir waren beide vorher noch nie auf einer Loveparade gewesen und haben uns gefreut. Wir wurden sogar beneidet. Der Rest des Seminars musste eine Fahrradtour entlang der Emscher machen. Als wir auf der Loveparade ankamen, war das Gelände schon abgesperrt; wir kamen dank unserer Presseausweise noch rein und bis zur letzten Absperrung vor dem Tunnel. Vom Gefühl her war es ein bisschen komisch: Wir wussten viel weniger als die Leute von außen, weil bei uns die ganzen Nachrichten natürlich nicht so schnell angekommen sind. Und wir haben eigentlich erst am nächsten Tag, als wir die Fotos und Filme gesichtet haben, gemerkt, wie dicht wir am Geschehen gewesen waren. Charlotte: Wir waren nicht mal 30 Meter von dem Tunnel entfernt. Wlada: Ich wollte da auch gerne rein, aber es war eine sehr eigenartige Stimmung. Charlotte fand, dass das keine gute Idee wäre, ich bin nämlich gerade mal 1,60 Meter groß. Uns kamen auch Leute entgegen, die gesagt haben „geht da ja nicht rein!“ Aber das ganze Ausmaß haben wir erst kapiert, als wir aus dem abgesperrten Bereich rausgegangen sind.     Charlotte: Als ich merkte, dass die Stimmung kippte, wusste ich, dass wir da raus müssen. Dann habe ich auch einen Anfruf von einem Freund gekriegt, der mir erzählt hat, dass es Tote gegeben hatte. Und dann fingen die Gerüchte an. Wir haben die wildesten Geschichten auf der Straße gehört, von Kindern, die getötet worden seien und so weiter. Wlada: Es war sicher keine angenehme Situation, aber ich hatte nie existentielle Angst. Das Gruselige daran war: Wir waren mit Adrenalin vollgepumpt und haben das alles nicht so richtig kapiert. Schlimm wurde es für mich erst, als wir am nächsten Tag unser Material gesichtet haben.     Habt ihr denn eine Meinung, wer für das  Unglück verantwortlich ist? Charlotte: Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, dass die Polizei recht wenig gegen die anarchistischen Zustände in der Stadt tun konnte. Am Bahnhof sind die Leute einfach über die Gleise gerannt, weil sie eine Abkürzung nehmen wollten und niemand hat sie daran gehindert.

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