Die Nachwuchs-Diplomaten

Oliver Rieche, 26, ist Chef der deutschen Delegation des Y 20-Gipfels, dem Jugend-Pendant zum G 20-Gipfel. In Istanbul diskutierte er mit Vertretern anderer Länder über Flüchtlingspolitik. Ein Interview über Elite, Lebensläufe und echte Veränderung.
lisa-bruessler

Freiwilligendienst in La Paz, Völkerrechtsstudium in Cambridge, Praktika in der Deutschen Botschaft, in einer politischen Stiftung in Washington und bei der UN-Flüchtlingshilfe in Kuala Lumpur, Arbeit im Europäischen Auswärtigen Dienst in Brüssel. Oliver ist das, was viele einen elitären Jungdiplomat nennen würden. Doch er sagt, er brennt für die Sache. Gemeinsam mit 100 anderen Jugendlichen aus den größten Industrie- und Schwellenländern hat er vergangene Woche beim Y20-Gipfel in Istanbul diskutiert – über Frieden, Bildung und Migration. Das Ganze ist keine Simulation, denn die Abschlussvorschläge der jungen Menschen aus aller Welt werden den nationalen Regierungen übergeben und sollen auch umgesetzt werden.

Die deutsche Delegation in Istanbul.

jetzt.de: Oliver, wenn alles klappt, triffst du im November Angela Merkel in Antalya. Was wirst du ihr dann präsentieren?
Oliver Rieche: Es ist geplant, dass alle nationalen Delegationsleiter vom Y20-Gipfel im November nach Antalya zum offiziellen G20-Gipfel reisen und die Vorschläge unseres Jugendgipfels vorstellen. Zu diesem Termin soill auch die Bundeskanzlerin kommen. Unsere Vorschläge umfassen jedenfalls zwölf Forderungen zu den drei Hauptthemen Bildung, Jugendarbeitslosigkeit und Frieden, auf die wir uns mit 20 Ländern einigen konnten. Klar fürchten wir, dass unser Papier untergeht, aber als der Jugendgipfel vor ein paar Jahren in Russland war, gab es danach tatsächlich ein längeres Gespräch mit Präsident Putin. Das macht uns zuversichtlich.


Du warst im Komitee „Beitrag der Jugend für den Frieden“. Was waren da die beherrschenden Themen?
Die syrische Flüchtlingskrise und Migration sowie die Beziehungen zwischen den G20 und den Least Developed Countries. Beim Thema Migration haben wir über ein Visasystem diskutiert, damit Migranten schneller in die jeweiligen Arbeitsmarkt integriert werden. Vor allem in den Bereichen, in denen akut Fachkräftemangel herrscht und die Ausbildungen der Zuwanderer nicht anerkannt werden. Mit Blick auf die Flüchtlingskrise haben wir uns besonders dafür eingesetzt, dass Flüchtlinge über Mentorenprogramme besser in die Gesellschaft der Aufnahmeländer integriert werden. Außerdem sind eine bessere Rechtsberatung und mehr politisches Mitspracherecht dringend nötig.

Es sind ja keine bindenden Vorschläge, die ihr ausgearbeitet habt. Was kann so ein Gipfel überhaupt leisten?
Wir wissen, dass wir nur ein Zahnrad im ganzen System sind. Aber immerhin: Vor fünf Jahren war der Y20-Gipfel noch eher unbedeutend, in diesem Jahr hat uns der türkische Vize-Premier Babacan begrüßt.

Hattet ihr inhaltliche Vorgaben aus den Heimatländern?
Wir haben vorab verschiedene Ministerien und das Bundeskanzleramt besucht, um über die deutsche Position zu den Themen des Gipfels zu sprechen. Wir mussten diese in Istanbul aber nicht vertreten, sondern konnten unsere eigene Meinung sagen – anders als manche Delegationen, zum Beispiel aus Russland, die explizit die offizielle Haltung ihrer Landesregierung vertreten mussten. Das war schade, weil es ja darum geht, dass die Jugend und ihre Ansichten ihre eigene Stimme bekommen und sie eben nicht Sprachrohr von Regierungen sind.


Und wie habt ihr eure Positionen in Istanbul diskutiert?
In Istanbul war sehr wenig Zeit. Es wurde schnell chaotisch, oft ging es um einzelne Sätze und Formulierungen und zum Schluss muss man sich dann auf nur drei Seiten Abschlusspapier einigen. Das war schon bitter zu sehen, wie einige tolle Vorschläge nicht die 80-Prozent-Mehrheit erreicht haben.

Was für Vorschläge waren das?
Im Bildungskomitee zum Beispiel konnte sich der Vorschlag zur Gleichstellung von Geschlechtern im Bildungs- und Arbeitsmarkt nur durchsetzen, weil das Wort „sexual orientation“ durch „Identität“ ersetzt wurde. Russland, Indonesien und China hätten sonst nicht mitgemacht. Im Friedenskomitee hatten wir uns als deutsche Delegation dafür eingesetzt, dass Flüchtlingskinder, die im Gastland geboren werden, ein Recht auf Geburtszertifikate haben, um so der Staatenlosigkeit entgegenzuwirken. Dieser Vorschlag erhielt leider nicht die nötige 80-Prozent-Mehrheit.

Was ist dir in Istanbul über globale Politik klar geworden?
Viele Leute haben bei den Abstimmungen nur nach nationalen Interessen entschieden. Das ist oft gleichbedeutend damit, sich gegen globale Lösungen und friedensfördernde Maßnahmen zu stellen. Für mich war das teilweise sehr frustrierend, dass gute Ideen daran scheitern. Aber das ist natürlich auch das, was wir in der Europäischen Union sehen. Wenn man dann noch mit Ländern außerhalb der EU einen Konsens bilden muss, kann man froh sein, dass man überhaupt auf einen Nenner kommt.

                                                           Oliver Rieche

Du hast in den vergangenen vier Jahren 16 internationale Konferenzen besucht. Warum machst du immer wieder mit?
Es sind die Leute! Man trifft spannende, junge Persönlichkeiten, die etwas bewegen wollen. Ich kann mich austauschen über Themen, für die ich mich leidenschaftlich engagiere und mit denen ich hoffentlich später beruflich zu tun habe.

Für den Lebenslauf sind sie schon auch gut, oder?
Wenn ich Konferenzen nur für den Lebenslauf sammeln wollte, hätte ich schon lange aufhören können.

Viele nennen solche Veranstaltungen „elitär“...
...klar, die Leute kommen häufig von guten Universitäten und deswegen ist die Kritik auch gerechtfertigt. Dennoch zählt vor Ort bei den Verhandlungen nicht der Lebenslauf, sondern das Engagement und die Vorbereitung.

Wie wird man denn Delegationsleiter?
Grundsätzlich sucht jedes Land der G20-Staaten seine eigenen Delegierten aus. Oft geschieht das über NGOs, wie in Deutschland über den Verein PolicyInnovation e.V., bei dem man sich als Student bewerben kann. Ich habe mich mit ein paar Texten zu den diesjährigen Themen beworben und eine Jury hat mich ausgewählt. In anderen Ländern läuft das nicht unbedingt so, wenn die Regierungen darüber entscheiden, welche Leute auf den Jugendgipfel fahren dürfen.

Wie geht es weiter, wenn ihr zurück in Deutschland seid?
Wir planen ein Nachtreffen in Berlin, bei dem wir uns mit Abgeordneten treffen wollen. Ich möchte gern mit dem Papier bis zum Europäischen Parlament, zu Martin Schulz nach Brüssel, sodass in den kommenden Monaten nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf europäischer Ebene darüber diskutiert wird.


Text: lisa-bruessler - Fotos: oh

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