Die politische Stimme des Internets

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Deutschland hat schon eine und jetzt folgt auch die Schweiz: Seit zwei Wochen gibt es dort die Onlinepartei. Die vier Gründungsmitglieder - alle ITler - wollen sich für die Anliegen der IT-Branche einsetzen und Fachwissen in die Politik einbringen. Der Vorsitzende Rico Daniel (34) erzählt, warum eine Partei für das Internet schon lange fällig war. [b] jetzt.de: Warum braucht die Online-Branche eine Stimme? Fühlt ihr euch von den etablierten Parteien nicht ausreichend vertreten? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Im Schweizer Parlament sitzen höchstens vier Personen mit IT-Hintergrund. Die Vertretung der Bauern ist um ein Vielfaches größer, dabei ist unsere Branche nicht weniger wichtig. Außerdem: Wenn es zum Beispiel um Fragen aus Medizin oder Chemie geht, werden immer Experten hinzugezogen. Handelt es sich um Internetthemen, dann halten sich alle selbst für Profis. Oft fehlt es den Politikern aber an Sachverstand. Einmal brachte eine Frau den Gesetzesvorschlag ein, alle WLAN-Geräte registrierungspflichtig zu machen - technisch einfach nicht machbar. Schaut man zum Beispiel nach Deutschland, so scheint es, als wären viele Regelungen ohne Fachwissen verabschiedet worden. So weit wollen wir es in der Schweiz erst gar nicht kommen lassen. [b] jetzt.de: Sind alle vier Gründungsmitglieder der Onlinepartei ITler? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Ja. Zwei arbeiten bei großen Schweizer Internetunternehmen, einer beschäftigt sich mit Onlinesecurity und ich habe mich im Bereich Onlinemarketing/ Suchmaschinenoptimierung selbstständig gemacht.

Michael Fischer, Kurt Schwendener, Rico Daniel und Beni Bitzi (v.l.) wollen sich für die Anliegen der IT-Branche in die Politik tragen [b] jetzt.de: Und jetzt wollt ihr das Parlament aufmischen. [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Am Anfang wollen wir zunächst nur Stellung nehmen und beraten. Ich selbst habe keine Ambitionen für eine politische Karriere. Falls die Partei aber wächst und unser Anliegen ankommt, könnten sich einige Gründungsmitglieder durchaus vorstellen, ernsthaft in die Politik zu gehen. [b]jetzt.de: Wie viele Mitglieder hat die Onlinepartei bis jetzt? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Die Zahlen sind im mittlerem zweistelligen Bereich. Dafür, dass wir erst vor zwei Wochen gestartet sind, sind wir mehr als zufrieden. Es war ein überraschend guter Anfang: Mitarbeiter vieler renommierter IT-Firmen haben uns schon ihre Zustimmung ausgesprochen oder sind sogar beigetreten. Eigentlich erstaunlich. [b]jetzt.de: Warum? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Wir haben noch keine Inhalte veröffentlicht, damit fangen wir erst nächste Woche an. Die Leute unterstützten uns also, ohne explizit zu wissen, wie wir zu einzelnen Themen stehen. [b]jetzt.de: Wo seid ihr ideologisch einzuordnen? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Nirgends. Wir seid eine reine Fachpartei und politisch weder links noch rechts positioniert. Die Onlinepartei hält sich aus allen Bereichen außer IT raus – dort sind wir schließlich auch nur Laien. Wir wollen lediglich nur Einfluss auf die Gestaltung der Onlinewelt nehmen. In wirtschaftlichen Fragen sind wir, ganz schweizerisch, in der Mitte. [b] jetzt.de: Fachparteien können sich gewöhnlich nur selten halten. Warum errechnet sich die Onlinepartei trotzdem Chancen? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Die Menschen lernen Freunde und Lebenspartner im Internet kennen und kaufen dort ein. Für Wirtschaft, Politik und für das Alltagsleben der Menschen gewinnen IT und das Internet mehr und mehr an Bedeutung. In einem so wichtigen Gebiet entsteht viel Diskussions- und Entscheidungsbedarf, sodass wir hoffen können, dass das Interesse nicht nachlässt.

Rico Daniel (34) ist der Vorsitzende der Onlinepartei [b] jetzt.de: Seid ihr Vorreiter auf dem Gebiet? [/b] [b]Rico Daniel[/b]: Von 1997 bis 2000 gab es in der Schweiz bereits die Internetpartei - zu ihren besten Zeiten hatten sie sogar über 100.000 Mitglieder. Eines Tages wurde sie aber ziemlich schnell eingestellt – mit der Begründung, dass das Internet nicht allein als Thema für eine Partei ausreiche. [b]jetzt.de: Ist da was dran?[/b] [b]Rico Daniel[/b]: Ich glaube nicht daran, dass das heute noch zutrifft.

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