Die Profilbild-Typologie

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Die Urlaubsposerin

Wie entsteht das Bild? Ihr Leben ist nicht besonders spannend. Sie studiert Mathe und Erdkunde auf Lehramt, kriecht dauermüde durch ihren Alltag und veranstaltet in ihrer Freizeit DVD-Abende mit Freunden. In den großen Semesterferien fliegt sie nach Venezuela, um die südländische Lebensart zu spüren – „Eingeborene, die oft nichts haben, und trotzdem den ganzen Tag lachen“. Hier passiert er, der Schnappschuss, am Strand, aus fünfzehn Metern Abstand fotografiert. Was hat sie sich dabei gedacht? Das Bild muss schnell online gehen, noch während ihres Urlaubs. Das Bild soll auf keinen Fall gestellt wirken. Ihre Freunde sollen wissen – die Urlaubsposerin ist gerade ganz weit weg vom Alltag, sie ist glücklich und ihr Blick in die Ferne gerichtet. Und wie reagieren die Freunde? Der Plan der Urlauberin geht auf. Reflexhaft beginnen ihre Freunde anbiedernde Neidbekundungen zu posten – „Oh wie geil“, „Da wär ich jetzt auch gern“, „Du Glückliche“.


Das verruchte Amateur-Model

Wie entsteht das Bild? Ein Sexy-Hexy-Bild entsteht bei gedämpftem Licht im weißgekachelten Badezimmer der Eltern. Wichtige Utensilien: Shiny Lipgloss für den Schmollmund, verwuschelte After-Sex-Haare und schwarzer Eyeliner. Während sich die Protagonistin im Spiegel betrachtet, drückt sie den Auslöseknopf ihrer Digitalkamera, die sie mit ausgestrecktem Arm hoch über sich hält. Wichtiges Stilmittel bei dieser Profilbild-Gattung ist der Badezimmer-Spiegel-Effekt: Man fotografiert nicht sich selbst, sondern sein eigenes Abbild im Spiegel. Was hat sie sich dabei gedacht? Das Amateur-Model will seinen Marktwert testen. Die Typen, die das Amateur-Model freitagabends in ihrer Lieblingsdiskothek anbaggern, riechen fast alle tierisch nach Alkohol, also sind die kein Maßstab. Ganz anders die Typen in ihrer Online-Community - die sind oftmals ganz cute und richten ganz unabhängig über ihr Äußeres. Und das Amateur-Model weiß aus Erfahrung, worauf die Kerle anspringen: Als sie sich im Bikini ablichten ließ, reagierten die Kerle wie verrückt. Und jetzt musste eben eine Steigerung her. Was sagen die Freunde? Hinter dem Rücken des Amateur-Models brodelt es, Freundinnen tuscheln und spotten. Direkte Reaktionen erfährt die Model-Hexe durch Botschaften fremder Männer. Diese Reaktionen addiert sie und entscheidet dann für sich, ob ihr Profilbild noch einer erotischen Steigerung bedarf.


Die Hobbykünstlerin

Wie entsteht das Bild? Das Profilbild ist eine zarte Zeichnung, welche die Protagonistin auf ihrer privaten Kunstschule begonnen hat. Auf Anfrage erfährt man von der Künstlerin, dass die Zeichnung nichts Besonderes sei und vor allem noch nicht fertig ist. Was hat sie sich dabei gedacht? Online-Communities findet die Protagonistin eigentlich albern. Ihre Mitgliedschaft ist lediglich ein Zugeständnis an ihre Freunde, die sie schon seit Ewigkeiten dazu drängen, sich doch endlich anzumelden. Jetzt hat sich die Künstlerin dazu durchgerungen - so ein peinlich-narzistisches Porträtbild, auf das sich dann Typen aufgeilen können, lehnt sie ab. Dann lieber ein Profilbild mit Aussage, etwas, das sie berührt, das von Innen kommt und sinnvoll ist – ihre Zeichnungen eben. Was sagen die Freunde? Nur ihre Freundinnen antworten. „Warum nimmst du denn nicht unser tolles Weggeh-Bild?“


Der Party-Boy

Wie entsteht das Bild? Wie und wo das Bild entstanden ist, weiß der Protagonist nicht mehr. Er war, wie jedes Wochenende und neuerdings auch wochentags, völlig betrunken. Aber die Bilanz des Abends, so findet der Party-Boy, sieht ganz gut aus: Links und rechts jeweils ein fremdes Mädchen im Arm, und wer genauer hinsieht, erkennt in der linken Hand noch eine Kippe und in der Rechten eine Flasche Becks. Was hat er sich dabei gedacht? Von Prüfungsstress und Vorlesungsdruck lässt sich Party-Boy nicht beeindrucken. Auch wenn die Anderen mal nicht können, Party-Boy kann immer. Er spricht gerne vom „Jungsein“ und von „Luschen“, die in ihrer Spießigkeit einfach alles verpassen. Das Bild soll belegen, dass Party-Boy sich seiner Exzesse durchaus bewusst ist und er sie nicht in einer dunklen Ecke seiner Erinnerungen verbirgt. Nein, vielmehr definiert er sich über seine Exzesse. Und auf die Mädchen links und rechts von ihm ist er auch ein bisschen stolz. Was sagen die Freunde? Die Mädchen reagieren schon lange nicht mehr auf den Party-Boy. Für die Jungs ist er ein Held, ein Stück lebende Vergangenheit. Typische Kommentare: „Wie geil, mal wieder richtig abstürzen!“, „Hammer! Gibt’s den Laden noch?“, „Wer sind die beiden Mutanten links und rechts von dir?“


Der Spaßmacher

Wie ist das Bild entstanden? Das Bild ist vom Spaßmacher aus einem Haufen an witzigen Internet-Entdeckungen als profilbild-würdig auserkoren worden. Es ist einfach das Witzigste, was er sich vorstellen kann. Was hat er sich dabei gedacht? Der Spaßmacher verbringt sehr viel Zeit im Internet auf der Suche nach lustigen Youtube-Videos und Fotomontagen mit dicklichen, behaarten Frauen. Jetzt sollen die Leute da draußen mitbekommen, dass der Spaßmacher nicht der stille Geek aus der letzten Reihe ist, sondern in Wirklichkeit ein verdammt humorvoller Kerl, den es lohnt, kennenzulernen. Was sagen die Freunde? Der Spaßmacher ist im echten Leben nicht unbedingt bekannt dafür, sonderlich lustig zu sein. Eigentlich sagt der Spaßmacher im echten Leben sehr wenig. Auch Online hat er nicht sehr viele Freunde und so bleibt auch sein Profilbild unkommentiert.


Die Fotografin

Wie ist das Bild entstanden? Mit ihrem Aussehen ist die Fotografin nicht so richtig zufrieden. Augen, Nase und Mund erscheinen ihr für sich genommen zwar in Ordnung, nur die Kombo passt nicht so richtig zu ihren Vorstellungen. Traurig ist die Fotografin deswegen nicht, sie hat seit mehreren Jahren einen festen Freund, aber ein unschönes Porträt von sich als Profilbild muss nicht sein. So macht sie sich auf, ein perfektes Profilbild zu schießen, extra für die Community – ein Detailbild muss her. Ein bisschen Auge, ein bisschen Nase, ein bisschen Stirn und einen scharfkantigen Sonnenstrahl, der quer übers Gesicht läuft und schon ist es fertig. Wichtiges Stilmittel: Die verklärende Nahaufnahme, die das Bild abstrakt wirken lässt. Was hat sie sich dabei gedacht? Die Fotografin will nicht irgendein graublondes Mäuschen aus der Vorstadt sein, sondern versteht sich als eine durchaus talentierte Künstlerin. Aus ihrem Portugal-Urlaub hat sie Muscheln mitgebracht, die sie zu einer Wandcollage montiert hat. Ihr Lieblingsfilm heißt „Amelie“ und auf dem Fensterbrett ihres gelben Zimmers liegen Terracotta-Scherben. Was sagen die Freunde? Die Jungs sind gelangweilt vom Detailbild und wollen mehr sehen, zumindest das ganze Gesicht, vielleicht ein bisschen Schlafzimmerblick. Für die Mädchen ist sie immer noch die tollste Freundin: „Voll schönes Bild!“


Der Verfremder

Wie ist das Bild entstanden? Die Entstehungsgeschichte dieses Bild sollte eher als Produktion angesehen werden. Hier wurde ordentlich photogeshoppt: Kontrastfilter, Weichzeichner, Schwellenwert – vom Originalbild ist am Ende der Produktionskette nicht mehr viel übrig. Was hat er sich dabei gedacht? Beim Verfremder ist die Sache sehr klar: Er will Mädchen bebaggern und kennenlernen. Er ist kein James Dean und das weiß er auch. Seine Nase ist ein wenig zu groß und seine Haut für sein Alter noch arg pickelig. So entscheidet er sich dafür, digital nachzuhelfen, in der Hoffnung, bei Mädchen schneller zum Zug zu kommen. Was sagen die Freunde? Die Verzweiflung und Bockigkeit des Verfremders wird von den Freunden zur Kenntnis genommen, verunglimpft wird er deswegen nicht. Befreundete Kumpelmädchen schreiben Dinge wie „Hot“ oder „Siehst gut aus!“

Text: sascha-chaimowicz - Bilder: christoph-ohanian

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