Die Radler-Kolumne in Barcelona (IV): Tobias, you can sleep with me!

Tobias Fischer, 22, Student in Leipzig, setzte sich am 12. April in Eisenach auf sein Fahrrad und fuhr über die Schweiz und Frankreich nach Spanien. Für jetzt.de hat er ein Tagebuch geführt, das Sehnsucht macht. Folge 4 von 6: Von Banyuls-sur-Mer Agde nach Tarragona, von Terezas glockenheller Bossa Nova-Stimme zum vielleicht bittersten Moment der Reise.
tobias-fischer

1. Mutter Erde Spanien! Auf dem Weg nach Figueres, immer die Küstenstraße von Frankreich entlang, kündet mir ein blaues Schild vom Grenzübertritt. Eigentlich bin ich noch nicht in Spanien, sondern in Katalonien, eine stolze, von Autonomie träumende Region. Vereinzelt Plantagen. Es hungert mir. Hatte ich schon Pfirsiche, Kirschen und Mirabellen in Frankreich, lädt mich Mutter Erde hier noch zu Orangen und Äpfeln ein. Die Früchte der Mutter Erde laben mich ausreichend. Sonnegereift, saftig, gratis. Es geht weiter nach Cadaqués, Wohnort von Salvatore Dalí, voller Touristen. Auf und ab, kleine Berge, und keine Plantagen. Dafür liegen halbvolle Wasserflaschen am Straßenrand. Dankeschön dafür!

Stationen: Banyuls-sur-Mer (Languedoc-Roussillon)/Frankreich - Portbou (Cataluña)/Spanien - Cadaqués (Cataluña) - Roses (Cataluña)


2. Terezas Stimme In Figueres, das Dali-Museum, die Kathedrale St. Pere – alles versuche ich mit den Augen aufzusaugen.

Italienischen Touristen erkläre ich, dass noch lange nicht jeder Deutsche beim Oktoberfest war. Ich treffe auf dem Boulevard Leonel, einen Ozeanographen und Exilbrasilianer, der mich zum Abend in sein Haus einlädt. Gegen sechs will ich bei ihm eintreffen. Abseits des Stadtzentrums lebt er mit seiner Tochter Clara und der Mutter Tereza, die mich nach meiner Ankunft auf 32 Jahre schätzt. Mein blonder Bart wächst zusehendst. Tereza ist Bossa Nova-Sängerin, Clara ist acht und sehr scheu. Ich fühle mich hier auf Anhieb wohl. Seit einem Schlaganfall ist Leos rechte Seite gelähmt, trotzdem oder gerade deswegen will er im Januar gemeinsam mit einem Freund nach Südamerika aufbrechen. Zwei Jahre wollen sie den Subkontinent mit dem Fahrrad umrunden. Wir trinken Bier und Soda, ich höre die Stimme Terezas, sie singt glockenhell. Es wird Nacht, wird wieder Tag. Im Gespann erkunden wir die Gegend.

Leonel, Tereza, Clara und eine Freundin von Clara. Sonnenblumenfelder, alte Dörfer, er begleitet mich bis kurz vor L´Escala. Eine CD mit Terezas brasilianischen Liedern ist mein Abschiedsgeschenk, ich will von seiner Tour lesen, die ihre eigene Homepage bekommen soll. Ein paar Mal winken wir uns noch, dann sind wir uns aus den Augen. Figueres (Cataluña) - Castelló d'Empúries (Cataluña) - L'Escala (Cataluña)


3. Sleep with me! Hinter mir naht ein Radler. Marti, Mathe-Lehrer an einer Vorstadtschule in Badalona, einer Stadt Schulter an Schulter mit Barcelona. Er will sich mit Freunden in der Stadt treffen, vorher, ohne Eile, lädt er mich ein bei ihm zu duschen. Bewachtes Interior, ein Haus mit Sicherheitsdienst, seine Wohngemeinschaft mit vier anderen Männern, alle um die 40. Bei Preisen von 300 Euro für ein Zimmer ja auch kaum verwunderlich. Ich genieße eine lange, kühle Dusche mit Shampoo. Spektakulär! Nach mir macht Marti sich ausgehfertig. Ich will noch rein nach Barcelona und während er das Bad okkupiert, durchkämme ich den Bücherschrank. Bildbände von Katalonien, Mathe-Bände (um die meine Hand unerklärliche Bögen schlägt) und beim Hervorholen eines Buches funkelt mich die nackte Hülle eines Gay-Kalenders 2006 an. Mir kommen Zweifel. Hatte mich Marti vorhin eingeladen hier zu bleiben, sagt er nun, auch frischgebadet: "Tonight, you can sleep with me!"

Marti. Ich werde wohl doch in der schon nächtlichen Stadt ein Hostal suchen – ausnahmsweise. Um am Strand zu schlafen, sind zuviele Nachtschwärmer unterwegs.

Das Rad auf den Ramblas. Irrlichternd mache ich mich mit Marti auf, durch Barcelona, bei Nacht. Nichts ist schlafend, alles trubelt. In der Altstadt finde ich eine spelunkenartige Herberge und verabschiede mich von Marti, der mir zärtlich die Schulter quetscht. Das Zimmer teile ich mir mit einer Kubanerin, einem Spanier und einer Australo-Schweizerin, Andrea. Der nächste Tag erwacht, der Ventilator wedelt derart, dass ich glaube, es stürme und regne. Im Innenhofschacht flutet blaues Licht. Stationen: L'Escala (Cataluña) - Girona (Cataluña) - Palamós (Cataluña) - Blanes (Cataluña) - Badalona (Cataluña) - Barcelona (Cataluña)


4. Fluchen im Morgengrauen Taragonna, es ist heiss, am Abend das letzte Aufbäumen des Deutschen Teams im Fußballspiel gegen Portugal. Inmitten der römisch-geprägten Stadt am Meer, auf einem Plaza, führt Paola eine Kneipe. Sie ist Italienerin und ich muss mir erstmal einen Siegesgesang auf die Squadra Azzura anhorchen. Setze mich dann zu Clement und Stephanie aus Frankreich, die backpackend an der spanischen Küste herumreisen. Während des Gesprächs muss ich andauernd meinen Kopf wenden, um dem Spielverlauf ein wenig zu folgen. Hauch von Genugtuung nach dem Sieg. Paolas Kneipe ist international, viele Freunde von ihr, Miguel ist mit von der Partie, Jack der Ire, zwei Spanier und wir drei spielen auf dem Plaza, quer über alle Bänke, nach dem Fernseherlebnis, Fussball. Paola findet das Bild, das sich ihr bietet, toll und zählt andauernd auf: “Franzosen, Italiener, Spanier, Argentinier, Deutscher, Iren ...” Wir dürfen unsere Sachen bei ihr unterstellen, nahe der Kathedrale, und dann zum Strand, wo die beiden Franzosen und ich die Nacht verbringen wollen. Lustig schlendert die Gesellschaft zum Strand, ich habe nichts dabei ausser Schlafsack und meine Tasche voller Habseligkeiten und Kamera. Langes Quatschen, Wein kreist, Miguel heischt jeder Frau hinterher: “Chica!” - “Guappa!” Es ist bald drei Uhr in der Früh und die anderen gehen zurück, weg vom Strand, in ihre Häuser. Wir kriechen in unsere Schlafsäcke. Dank Waschmaschine ist mein Schlafsack wieder wohlriechend und der Blutfleck von vor einem Monat, notdürftig ausgewaschen, ist weg. Dämmere hinweg. Noch einige Stunden bis zum Morgen, einige Stunden Schlaf. Von meinem Fluchen wachen die beiden auf. Stationen: Barcelona (Cataluña) - Tarragona (Cataluña)
5. Brief an meinen Dieb Danke! Du musst ein gutes Herz haben. Wie sonst könnte ich mir erklären, warum Du mich von der Last meiner Tasche hast befreit? Ein Füllhorn meiner persönlichsten Dinge. Kamera mit Fotos mir liebgewordener Seelen und Orte. Ladekabel fürs Handy. Eine Muschel aus dem Mittelmeer, die als Geschenk für jemanden gedacht war, der bald Geburtstag hat. Mein spanisches Wörterbuch, mein umsorgtes Tagebuch, mein Adressbuch, angefüllt mit vielen Menschen meines Lebens und dieser Reise, von denen ich nun vielleicht nicht einmal mehr die Namen weiß. Lange Stunden des Schreibens, Gefühle, gute wie schlechte, kleine - GROSSE Geschichten, Lyrik, auf weißem Papier mit Bleistift festgehalten, vielleicht für die Enkel. Das alles wiegt schwer und ich möchte Dir danken, danken dafür, dass ich nun nicht mehr tragen muss, was so schwer wiegt. Ich beglückwünsche Dich! Du bist nun der Besitzer all dieser, für Dich sicherlich sinnlosen Dinge. Ein Buch, dessen Sprache Du nicht lesen kannst, eine Liste mit Menschen, denen jetzt vielleicht Du, das wäre toll, eine Postkarte schreiben könntest, die ich versprochen habe. Eine Federmappe aus Instanbul, bei der ich immer an Tom gedacht habe, vielleicht kannst Du ab jetzt ja auch an Tom denken. Im Einband meiner Niederschrift wird Dich ein Bild anblicken - "Wanderer über Nebelfeld" von Caspar David Friedrich - ein Einsamer Wandersmann der auf die Felsen der Sächsischen Schweiz blickt, im Nebel versunken - am Ende des Buches findest Du noch einen Friedrich - "Mönch am Meer" - einer, ganz allein, vor ihm der tosende, schwarzumhüllte Ozean. Der Friedrich, weißt Du, war ein ganz toller deutscher Maler. Mancher nennt ihn den Seelenmaler der Deutschen. Er war ein hoffnungsvoller Romantiker. Kennst du Caspar David Friedrich? Wahrscheinlich nicht. Kuck mal in das kleine Fach am Ende des Buches, das mir Nora geschenkt hat. In einer kleinen, plasternen Hülle steckt ein Hölderlin-Gedicht, welches mir die Mutter von Gitta mit auf den Weg gab. Es endet mit: "Mehr bedarfs nicht!" Der Hölderlin ist verrückt geworden, weißt Du? Ich war auch verrückt, nach Olgas Marmelade. In blumigen Tuch eingebettet, findest Du getrockneten Lavendel, aus der Provence, den sie zum Würzen nimmt. Kennst du die Lavendelfelder bei Grasse? Als ich am Morgen am Strand in Taragonna aufwachte, neben mir Clement und Stephanie, die noch schliefen, plötzlich ohne all das dumme Zeugs, ohne Tasche, da saß - da überkam mich ein Gefühl der Hilfslosigkeit, der Wut. Fiebrig brüllend suchte ich den Strand nach Dir, mein Dieb, ab, wollte ich mich doch bei Dir bedanken. Vielleicht hast du den Großteil deiner Beute, die so sinnlos auf dich wirken mag, in irgendeinen Müllcontainer auf der Promenade geschmissen. Hast Du? Wahrscheinlich nicht! War Dir sicher zu eklig, so zwischen all den Essensresten und Damenbinden. Ich hab trotzdem gewühlt. Ganz schnell war das Gefühl da, hilflos gewesen zu sein, im Schlaf. Glückwunsch! Suerte! Aber ich sehe nach vorne, ganz ohne diese elende Tasche mit all diesem elenden Herzenszeug. Als ich nach meiner Strandsuche wieder zu Paola laufe, fest entschlossen, sofort aufzubrechen, starre ich kurz gen Himmel und zische: "Das verzeihe ich Dir nie!" Stationen: Tarragona (Cataluña)

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