Die Russen sind auch wieder da

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Bestürzte Reaktionen im Netz. Menschen, die sich mit brennenden Kerzen an einem Grabstein versammeln, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Nein, hier wird nicht der Verlust eines geliebten Menschen betrauert, sondern der Shutdown der Homepage streetfiles.org. So geschehen in Berlin Ende April. Die Seite bildete fünf Jahre lang eine Basis für den überregionalen und vor allem internationalen Austausch der Sprayer-Szene. Hier konnten Streetart-Künstler nicht nur über aktuelle Trends diskutieren, sondern sich auch ein virtuelles Portfolio anlegen. Schnell entwickelte sich die Seite so zum weltweit größten Archiv für Graffiti-Fotos – mit über 800.000 Bildern und mehr als 90.000 Mitgliedern. Um Schund zu vermeiden, kontrollierte eine Hand voll Administratoren dabei jedes der hochgeladenen Fotos. 

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Illustration: Julia Schubert



Über eine Weltkarte konnten Besucher der Plattform sich gezielt die Arbeiten von Graffiti-Künstlern aus bestimmten Städten und Ländern ansehen – unterschiedliche Tendenzen wurden so gut sichtbar. "Dadurch hatte das Archiv auch einen enorm kulturellen Wert", so Movel, einer der Mitbegründer von streetfiles.org. Zudem gab es den Sprayern die Möglichkeit, Kontakt zu Kollegen aus aller Welt zu knüpfen. "Das war wie eine große Familie. Egal wo man gerade war, ob New York oder Moskau, man hatte gleich eine Anlaufstelle und konnte sich dort mit anderen aus der Szene austauschen", erzählt er weiter. Für Leute, die mit dem Sprayen selber wenig am Hut haben, war das Portal einfach eine beeindruckende Streetart-Galerie zum Durchstöbern, wie der Graffiti-Blogger Just erzählt. Fragt sich, warum bei so großer Popularität das Projekt dennoch Ende April scheiterte.

Letztendlich, erklärt Movel, hätten Streitereien mit einem der Initiatoren der Vorläufer-Seite die Drei zu dem Entschluss gebracht, die Plattform nicht mehr weiter zu betreiben. Auch finanziell hätte es alles andere als rosig ausgesehen. Mit nur einem Sponsor habe sich die Seite, die immerhin mehrere tausend Euro im Monat kostete, gerade einmal selbst getragen. "Graffiti ist und bleibt dann halt doch eher in einer Nische. Da finden sich nicht so leicht Firmen, die das unterstützen", so der Berliner. Ein Backup mit den 800.000 Bildern existiert zwar noch – das soll allerdings erstmal in der Schublade bleiben. 



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Doch seit neuestem gibt es einen Nachfolger. Streetpins.com heißt die Seite, die jetzt seit einer Woche online ist. Gründer Alex Eleftherakis sieht sein Projekt allerdings eher als eine Art Hommage an streetfiles.org. Mit dem Run auf die Website hat der Student, der gerade seinen Master in digitalen Medien an der Kunsthochschule Bremen macht, nicht gerechnet. "Ich wusste zwar, dass die Szene momentan keinen Platz im Netz zum Austauschen von Fotos hat und nach wie vor eine große Nachfrage besteht, aber die 30.000 Aufrufe nach wenigen Tagen haben mich schon überrascht", sagt der 27-Jährige. Einen Großteil der Mitglieder machen dabei Künstler aus Russland aus – die bereits schon das Flaggschiff Streetfiles.org mit kyrillischen Graffitis überschwemmten. Woran das liegt, kann sich allerdings keiner so recht erklären. "Russland ist halt sehr groß, und die laxen Gesetze dort erleichtern den Sprayern ihre Arbeit", vermutet Movel. Der wünscht der neuen Plattform auf jeden Fall schon mal alles Gute.  




Text: paulina-hoffmann - Fotos: streetfiles.org

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