„Die Schlacht hat gerade erst begonnen“

Frankreichs Studenten rebellieren gegen ein neues Gesetz, das spezielle Arbeitsverträge für junge Menschen einführt - mit zwei Jahren Probezeit.
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Illustration: Julia Schubert

Studenten blockieren den Unizugang in Paris Ausnahmezustand an der Sorbonne: Sechs Lieferwagen von der Polizei verdecken auf den Bauzaun geschmierte Parolen direkt am Haupteingang. Kurse finden nicht statt. Die Sorbonne wurde von streikenden Studenten besetzt, als Teil der Proteste gegen den geplanten Arbeitsvertrag CPE (Contrat Première Embauche). Ein Vertrag, der den Kündigungsschutz für Berufsanfänger abschafft, da das erste Arbeitsverhältnis von unter 26-Jährigen künftig mit einer zweijährigen Probezeit versehen werden soll. Polizisten haben sich mit Brustpanzern und Schildern am Eingang der Sorbonne postiert, es wirkt, als würden sie vorsorglich schon mal mit den Muskeln spielen, damit jeder Anflug einer Eskalation oder einer Beschädigung des Gebäudes im Ansatz erstickt. Die Studenten aber sind friedlich und diskutieren angeregt im Innenhof. Sie tragen höchstens Aufkleber mit „Student im Streik“ auf der Brust. Max, 19, Geschichtsstudent an der Sorbonne, ist vor allem übermüdet und bleich im Gesicht, er hat die letzte Nacht hier im Hörsaal verbracht. „Der Streik ist das letzte Mittel, das wir im Kampf gegen den CPE noch ausschöpfen können“, sagt er. Bisher sind 39 der 84 französischen Universitäten dem Aufruf gefolgt. Für Max steht nicht weniger als seine Zukunft auf dem Spiel - so sieht er es jedenfalls. Nach Ablauf der Probezeit wäre der Laufzeit des Vertrags zwar keine Frist mehr gesetzt, „aber in diesen zwei Jahren können Jugendliche ohne Angabe von Gründen entlassen werden“, sagt Max. Er schüttelt den Kopf. „Das ist ein klarer Bruch mit dem französischen Arbeitsgesetz.“ An die Aussicht, nach zwei Jahren Unsicherheit eine gute Jobperspektive zu haben, mag er nicht glauben. „Es geht hier nur um rentable Arbeitskräfte, die man schnell wieder loswerden kann. Ich weiß noch nicht, was ich nach dem Studium machen will, aber auf zwei Jahre offensichtliche Ungewissheit lass ich mich sicher nicht ein. Dann lieber einen befristeten Vertrag, auf den ich mich wenigstens für einen bestimmten Zeitraum verlassen kann.“

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Illustration: Julia Schubert

Stephane Igneau vom Institut des Sciences Sociales du Travail (ISST) bemüht sich um eine pragmatische Sichtweise. Er gesteht dem neuen Arbeitsvertrag zu, dass man in Zeiten wachsender Flexibilität und Arbeitslosigkeit möglicherweise zu solchen Maßnahmen greifen muss. „Die Regierung betreibt damit ein Pokerspiel, um die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Gleichzeitig wird aber die soziale Sicherheit beschnitten. Vielleicht muss man dieses hohe Risiko eingehen, damit der Coup gelingt“, meint er. Die flexible Regelung komme Unternehmen sehr entgegen, deshalb sei mit einem kurzfristigen Anstieg von Arbeitsplätzen wohl zu rechnen. „Es fehlt jungen Menschen aber zwei Jahre lang an Planungssicherheit, was das tägliche Leben, Anschaffungen und die Wohnsituation betrifft“, kritisiert Igneau. „Es ist falsch, die ganze Last auf ihrem Rücken zu verteilen.“ In der Bevölkerung regt sich aber nicht nur unter Schülern und Studenten Widerstand. Bei der bisher größten Kundgebung am 7. März waren insgesamt 396 000 Menschen auf Frankreichs Straßen. Schüler, Studenten, Gewerkschafter und normale Passanten, vereint im Namen der Solidarität. Dieser Arbeitsvertrag scheint an sozialpolitischen Grundfesten zu rütteln, alle werden vom zarten Windstoß einer Revolution erfasst. 55 Prozent der Franzosen, ergeben Umfragen, seien gegen den CPE. Der Premierminister ist aber nicht zu Kompromissen bereit: Gestern wurde der CPE in seiner ursprünglichen Form offiziell verabschiedet. Selbst von zentraler Unternehmerseite, der Organisation Medef (Mouvement des Entreprises en France), die eigentlich von der neuen Regelung profitieren könnte, wird das Regierungsvorhaben kritisch beäugt. Die Präsidentin des Medef, Laurence Parisot, lehnt den Vertrag zwar nicht grundsätzlich ab. Sie empfiehlt aber, sich bei der Einstellung nicht nur nach dem Alter zu richten, sondern vor allem die Qualifikation zu beachten. Durch den CPE werde die „Entwertung von jugendlichen Arbeitskräften riskiert“. Die Regierung hat sich die erste Unterzeichnung eines CPE noch vor Ostern als Ziel gesetzt. Max, der Geschichtsstudent, wird auch die heutige Nacht wieder in der Sorbonne verbringen. In seinen Händen hält er eine Ausgabe der Tageszeitung „Libération“, darin geht es auf einer Doppelseite um die landesweiten Studentenproteste. Die Überschrift: „Die Schlacht hat gerade erst begonnen.“ Fotos: AP, Reuters

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