Die schmarotzenden Selbstverwirklicher

Wenn ein Jahr vorbei ist, erzählt man sich, was man macht und erreicht hat. Manche haben dann sehr schillernde Bilanzen vorzuweisen. Komischerweise oft diejenigen mit den spendierfreudigen Eltern.
julia-friese


„Ich bin immer noch nicht fertig“, entschuldigt sich Anna, vorraussetzend, dass jeder weiß, was sie meint. Denn sie entschuldigt sich dieses Jahr schon zum dritten Mal in Folge. Es sind die Tage am Ende des Jahres. Die meisten nach dem Abi Ausgeflogenen sind wieder in ihrem Nest, und es kommt zum alljährlichen Ehemalige-Schulfreundestammtisch. Und genauso unvermeidlich folgt direkt nach der Begrüßung die große Bestandsaufnahme: "Und was machst du so?"

Anna macht das: Sie steckt Tomatensaft servierend in der Gangway eines Inlandfliegers fest und schafft es für den ersehnten Abschluss einfach zu selten in die Hörsäle ihres Teilzeitstudiums. Schultern zuckend fügt sie hinzu, was „Spannendes“ habe sie auch nicht zu berichten, sie sei aber auch jetzt gerade auf Standby, jederzeit könne ihr Telefon klingeln, sie müsste dann schnell zum Flughafen. Und damit hat Anna das Wort beim alljährlichen Bilanzieren verloren. Ihrem Tischnachbar Matteo bleibt es aber auch nicht lange. Denn der macht irgendwas mit Innendienst, in irgend so einer kleinen Firma, die wiederum irgendwas mit Hygienetechnik macht. Und das interessiert irgendwie auch niemanden so richtig. 

Die ehemaligen Schulfreunde staunen wesentlich lieber über Filmwissenschafts-Mara, die sich gerade ehrenamtlich für behinderte Kinder im Libanon einsetzt. Oder über Thilo, der dieses Jahr konsequent sein BWL-Studium geschmissen hat, weil er weiß, was er stattdessen will, dieses Buch nämlich, für das er zwar keinen Verlag, aber dafür einen Cover-Zeichner hat, schließlich hat er da letztens so einen in der Bar kennen gelernt. Thilo redet und redet. Und Mara wird gefragt und gefragt.

Die Augen der Zuhörer glänzen. Steve Jobs habe ja auch gesagt, man müsse seinem Herzen folgen, hungrig und tollkühn bleiben, um eine Delle ins Universum schlagen, sagt einer. Und alles nickt. Die meiste Redezeit beim Bilanzieren gebührt den Idealisten, weil man ihnen am liebsten zuhört. Sie haben die spannenderen Geschichten zu erzählen. Weil sie sich nicht zum schnellen Bachelor-Master-Abschluss durch die Semester jagen lassen. Weil sie unbekümmert lang studieren und sich nicht dafür entschuldigen, Erfahrungen zu sammeln statt Credit Points. Weil sie ihren Prinzipien treu bleiben und weiterhin so lange entspannt testen und „Nein“ sagen werden, bis die perfekte Betätigung gefunden ist.

Doch dann, völlig unangekündigt aus einer stillen Ecke: „Wirst du eigentlich noch von deinen Eltern finanziert?“

Eine unschuldige Frage, aber dennoch von solcher Einschlagskraft, dass die blinkenden Besonderheitslämpchen über Mara-Thilo plötzlich erlöschen. Eine gespannte Sekunde nichts. Von seitlich rechts unten blickt Mara-Thilo auf.
 „Joa.“ 
Verharrende Schiefhaltung, das Mundwerk drei Geschwindigkeitsstufen langsamer. „Die überweisen mir halt was. Aber jetzt nicht viel.“ Und mit einem Krach bricht Glanz und Glorie über Mara-Thilo zusammen. Das tolle Idealisten-Individuum hängt noch an der Nabelschnur.

All ihre Aktivitäten erscheinen plötzlich wie Klassenfahrten, ihre Ansichten naiv und verzichtbar. Sie sind vom Tisch. Inlandsflug-Anna nippt an ihrem Bier, Hygienetechnik-Marcel blickt auf sein Smartphone. Sie haben das Geld dafür selbst verdient.

Und plötzlich gesellt sich zwischen Endjahresbrause und Wiedersehensfeierlichkeit die Frage nach einer ganz anderen Bilanz: Wo wäre ich heute eigentlich ohne meine Eltern? Bis wann ist diese finanzielle Nabelschnur eigentlich okay? 

Vorsorglich nimmt man noch einen Schluck feierliches Getränk, geht seine eigenen monatlichen Einkünfte durch, überlegt, addiert, subtrahiert. Fasst schließlich einen neuen Jahresvorsatz: Ende 2013 komplett auf eigenen Füßen stehen. Oder? Das angepeilte Auslandspraktikum und die Lebenslauf und Erfahrungsschatz aufpolierende Extra-Aktivitäten fielen damit vom Tisch, weil sie zu teuer wären. Prüfend geht man all seine Altersklassen-Genosssen durch: Von wem kann man sicher sagen, dass er ohne jegliches Mama-Zubrot lebt?

Es sind die Menschen in den Ausbildungsberufen, die einmal im Jahr in den Urlaub fliegen und Auto fahren. Es sind die, die ihr Studium ohne Extra-Projekte dem Bafög-Zeitplan gemäß durchgezogen haben. Es sind die Studienabbrecher, deren einstiger Nebenjob zu einer Vollzeitstelle wurde. Und es sind die Ausnahmen mit Stipendium oder Dualstudiengang.

Aber der Großteil der mitt- bis spätzwanziger Studierten oder Studierenden, der einem einfällt, bekommt Hilfe. Die Eltern erstatten ihnen den Krankenkassenbeitrag, zahlen die Miete oder überlassen ihnen die Berliner Eigentumswohnung. Die betretenen, rechnenden Gesichter am Endjahrestisch machen deutlich: Wir sind nicht die Generation, die sich im Pool der unendlichen Möglichkeiten nicht zu einer Entscheidung durchschwimmen kann. Wir sind die Generation, die zumindest zum Teil aus Selbstverwiklichungs-Schmarotzern besteht, die sich nicht entscheiden müssen. Papi-Privilegierte, die mit sicherem Fangnetz das Ideal anstreben und dafür auch noch den Applaus, die Zuhörer und die bewundernden Blicke ernten. Während andere still und einfach für sich selbst aufkommen, die Dinge geregelt kriegen, kurz: längst in der Realität angekommen sind.

Anna muss den Ehemaligen-Stammtisch verfrüht verlassen. Jetzt noch arbeiten?, fragt ihre ehemalige beste Schulfreundin mit vorgeschobener Unterlippe. Sie umarmen sich und dann verfällt der Tisch wieder ins Palaver. Als der Begriff „Bedingungsloses Grundeinkommen“ fällt, lacht einer, das sei doch naive Scheiße. Er ist 27, hat eine Wohnung in München und einen unregelmäßigen Geringverdienst.

Text: julia-friese - Foto: MisterQM / photocase.com

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