Die Schnapsideen

Wenn Start-up-Gründer vom Beginn ihrer Geschäftsidee erzählen, spielt die Geschichte fast immer in einer Kneipe. Warum eigentlich?
kathrin-hollmer



Geschäftsideen haben sicher auch schon auf Klos begonnen. Oder beim Marmeladenbrötchen zum Frühstück. Oder unter der Dusche. Meistens allerdings fangen die Gründungsmythen von Unternehmen mit einer Variation dieses Satzes an: "Eines Abends in einer Bar..." Wer schon einmal um drei Uhr morgens vor der geschlossenen Dönerbude stand, versteht, warum in Kneipen "Döner-Automaten" und "Wurst-Toaster" erfunden werden und Cocktail-Aboservices und Schnapsbrennereien gegründet werden. Sogar Spezialkabelfabriken und Biokohle-Unternehmenwerden werden so geboren. Heißt es zumindest. 

Der beschwipste Gründungsmythos bietet mehrere Vorteile. Er lässt die Gründer wild, jung und verwegen dastehen: Man hockt nicht nur den ganzen Tag in Meetings, sondern schon auch Abends in der Kneipe. Außerdem kann man ihn bei Bedarf als kleine Ausrede benutzen, falls doch mal jemand fragt, wie zur Hölle man auf die Idee gekommen ist, einen Wurst-Toaster zu bauen. Nüchtern, kann man dann argumentieren, wäre man ja nie auf die verrückte Idee gekommen. Betrunken ist man unvernünftig, spinnt herum, der Geist ist frei, man konzentriert sich auf wesentliche Bedürfnisse, was gute Ideen ja oft ausmacht, nüchtern betrachtet jedoch albern wirken könnte. 

Wir haben unser Archiv nach beschwipsten Gründungsmythen durchforstet:


„Nach dem fünften Bier wußten wir, daß wir etwas gemeinsam machen werden, nach dem siebten verabredeten wir, besser nüchtern weiterzudebattieren.“ 
(Jens Bormann, Gründer des Call-Center-Betreibers buw Holding; in: SZ vom 21. April 1999)   

„15. Dezember 2008. Ich sitze mit meinen Freunden Markus und Rikard beim Bier zusammen. Wir kommen mehr oder weniger zufällig darauf zu sprechen, dass Elektroroller in China massenweise, in Deutschland aber kaum unterwegs sind. Eine Marktlücke!“
(Gründertagebuch von Daniel, Patrik und Philipp Tykesson, Gründer der Elektroroller-Firma e-bility; in: Wirtschaftswoche vom 26. September 2011)   

„Das ist also das Grillido-Rezept: ein wenig Ernährungsbewusstsein, eine Prise Fitness-Affinität, ‚ein paar Bier’ – fertig war die Idee mit den gesunden Grillwürsten.“
(über Michael Ziegler und Manuel Stöffler, Gründer von Grillido; in: SZ vom 11. Mai 2015)  

„Heute weiß keiner der beiden mehr, was sie vor anderthalb Jahren kochten, es soll aber Wein geflossen sein. Kurz danach siegen sie beim BusinessplanWettbewerb Berlin-Brandenburg.“
(über Sara Wolf und Milena Glimbovski, Gründerinnen von „Original unverpackt“, ein Supermarkt ohne Verpackungen, die Idee dazu kam ihnen bei einem gemeinsamen Kochabend; in: Der Tagesspiegel vom 15. Mai 2014)   

„In einer Kneipe in Hongkong traf Jäger vor mehr als zehn Jahren einen Schweizer Geschäftsmann. Der suchte dringend ein Spezialkabel.“
(über Frank Jäger, Gründer der Kabelfabrik TCA; in: Handelsblatt vom 27. September 2006)  

„Beim Bier tauschten wir mit Kommilitonen Praktikumserfahrungen aus und überlegten, dass es gut wäre, vorher zu wissen, ob eine Stelle zu einem passt.“
(Stefan Peukert, Gründer von Meinpraktikum.de; in: impulse vom 1. Oktober 2011)  

„Bei Bier und einer Bratwurst tat sich der Ingenieur dann mit seinem Freund Bruns zusammen, der sich als Betriebswirt auf Unternehmensgründung spezialisiert hatte.“
(über Felix Rennies und Marco Bruns, Gründer von „Smartwurst“ und Erfinder des „Wurst-Toasters“; in: FAZ vom 16. Juni 2014)  

„Es gab viel zu trinken, und weil keiner mehr nach Hause gehen wollte, legten sich einige zum Schlafen auf den Boden. Ein Typ versuchte sogar, eine akzeptable Schlafposition auf einem Beanbag, einem Sitzsack, zu finden. Wie cool wäre es, sagte er, wenn man den Sack einfach auf dem Boden ausbreiten könnte.“
(über Irfan Badakshi und Matt Roberts, Gründer von Bean2Bed; in: impulse vom 1. Juni 2011)  

„Es ist so, dass Erik Pfauth gern in Bars geht und Cocktails trinkt. An einem dieser Abende, in gemütlicher Runde mit Freunden, Gin Tonic und Moscow Mule, entstand seine Geschäftsidee.“
(über Erik Pfauth, Gründer von Drink-Syndikat, einem Aboservice für Cocktails; in: Berliner Zeitung vom 26. Februar 2015)  

„Abends beim Bier träumten die beiden deshalb immer öfter von einer eigenen Schnapsbrennerei, bis irgendwann aus der Träumerei ein konkreter Plan wurde.“
(über Daniel Schönecker und Maximilian Schauerte, Gründer von The Duke – Munich Dry Gin; in: FAZ vom 19. Juli 2010)  

„Bei Hefeweizen und Leberkäse diskutieren wir unsere Marke. Als passende Bezeichnung für unser Verfahren wählen wir ‚CarboREN’.“
(Gründertagebuch von Hans-Joachim von Massow, Gründer des Biokohle-Unternehmens Suncoal Industries; in: Wirtschaftswoche vom 8. September 2008)  

„Später Abend in einer Solinger Kneipe: Drei Schüler der August-Dicke-Schule verleben einen lustigen Abend. Irgendwann meldet sich der Hunger - Heißhunger auf Döner. Doch alle Fleischspießbuden sind bereits geschlossen. ‚Wäre es nicht cool, wenn wir uns zu Hause unseren eigenen Döner machen könnten?’, schlägt Beate ihren Freunden Sabine und Nils vor.“
(über die StartUp-Werkstatt, ein Gründerpreis für Schüler; in: Stern vom 6. Juli 2006)

Text: kathrin-hollmer - photocase.de