Die Sehrjungautorin. Typologie eines Kulturspektakels.

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Der Kulturpapa Der Vater der Sehrjungautorin. Er hat seine Tochter nicht nur auf die Welt gebracht, sondern auch auf die Bühne, irgendwie. Das Kind ist ja so wissbegierig und altklug, kaum auszuhalten. Soll sie andere damit nerven, soll sie doch allein auf den Akademiespielplatz gehen, dann hat der Kulturpapa seine Ruhe. Guter Plan, eigentlich. Aber jetzt? Macht die Kleine noch viel mehr Lärm und steht in Zeitungen, in denen der Kulturpapa noch nie stand. Na, warte, Supergöre, das gibt Literaturhausarrest! Früher hyperaktiv jetzt Hype-Aktiv. Aber naja, andererseits: Die Kinder sollen es ja mal besser haben.

Die Sehrjungautorin Sieht leider gar nicht so gefährlich aus. Deswegen kann auch in ihrem ersten Buch nicht alles so autobiographisch sein, wie es die Feuilletonisten gerne glauben würden. (Weil es dann noch mehr kitzelt beim Lesen!) Stattdessen muss sich die Sehrjungautorin ein bisschen Wildheit aus der Bücherei ausleihen. Die hat nämlich keinen Türsteher. Der Verlag hatte auch keinen Türsteher, die waren eher ganz scharf auf die Sehrjungautorin, mit dem Kulturpapa und der Rene-Pollesch-Kindheit. Deswegen musste ja alles so verflixt schnell gehen, bei ihr, intellektueller Dampfkochtopf quasi, und deswegen mussten eben auch ein paar Seiten von anderen Autoren ausgeliehen werden. Aber hey: Die liest doch eh keiner, die sind ja schon über 22!

Die Feuilletonisten (Chor) Finden sonst immer alles scheiße. Die Jungautorin finden sie aber gut und zwar seitenlang. Sie schreiben sie hoch, denn das können sie, wenn sie wollen. Und sie wollen, vor allem, weil es sich so gut anfühlt, als gesetzte Herren ein sehr junges, wildes Mädchen gut zu finden. Sie verwenden Worte wie Superstar, Offenbarung und Sensationserfolg und lesen sehr viel zwischen den Absätzen. Nach der Behandlung durch die Feuilletonisten, ist die Sehrjungautorin die Retterin der deutschen Literatur. Dann hätte man das für dieses Jahr auch schon wieder hinter sich. Danach sind die Feuilletonisten vom Gutfinden so ausgelaugt, dass sie jetzt erstmal sehr lange wieder alles scheiße finden werden.

Der Berliner Blogger Ketamin. Techno. Sex mit Männern. Valium. Studium. Sex mit Frauen. Alkohol. Dealen. Arbeit in einer Unternehmensberatung. Heroin. Berghain. Sex mit Prostituierten. Kokain. Gefängnis. Sex mit Transsexuellen. Der Berliner Blogger ist sehr echt und schreibt darüber. Viele lesen das, aber keiner will ein Buch machen. Doch, da, der kleine Verlag! Verschickt Rezensionsexemplare, aber keiner will sie haben, von den Feuilletonisten. Weil der Berliner Blogger nicht so sehr jung und so sehr weiblich ist, wie andere. Das wars also, Silentium Roadkill, quasi, typische Scheiße eben, von wegen kein Marketingbudget und so. Aber jetzt auf einmal so: Hä? Das Telefon ringt dauernd. Alle wollen was, wegen der Sehrjungautorin. Die hatte den Berliner Blogger auch gerne gelesen, kost’ ja nix und ging deeper als Kissenschlacht mit Oma. Jetzt kostet es aber doch was, Geld und Credibility nämlich. Das freut den Berliner Blogger aber nur in Maßen, denn besser wäre es, wenns andersrum wäre, also er oben, andere unten.

Der Münchner Blogger Der Münchner Blogger ist nicht ganz so wild, wie der Berliner Blogger. Aber er hat den Überblick. Er liest Blogs und er liest Romane, die großen und die kleinen. Damit ist er offenbar der Einzige im ganzen Land. Der Einzige, der die kleine Schummelei der Sehrjungautorin bemerken kann. Die Feuilletonisten raffen die großen Zusammenhänge ja eher nicht. Der Münchner Blogger also ganz klar in dieser Geschichte Typ Heldtenor. Vorsichtig deutet er was an und am nächsten Tag ist er überall und große Sache. Die Sehrjungautorin tut abgezockt, muss aber zugeben: Der kommt mir quasi ins Gehege, Mann. Der Münchner Blogger ist froh, denn er hat jetzt Blog-Anerkennung und ein Exempel statuiert, von wegen: Web weiß mehr als Papier. Gut gemacht.

Die Verlagsleiterin Ist recht zufrieden, dass es endlich mal wieder mit was Jüngerem klappt. Kommen ja sonst immer zehn Fehlschüsse auf einen Volltreffer. Wieso dieses Buch jetzt, weiß ehrlich gesagt der Himmel, aber klar, ist super, die Kleine. Und die erste Auflage schon ausverkauft, trotz sperrigem Titel, ha! Da kriegt der Kulturpapa eine Kiste Wein extra. Nur, dass sie zwei Wochen später an alle Feuilletonisten eine kleine Mail schreiben musste, in der etwas von nachträglichem Einholen von Urheberrechten steht, das war nicht so dufte. Aber egal, auch bad news sind ja good news, wie man so sagt, in der Jugendsprache der Erwachsenen.

Das Tier Nebenrolle als Maskottchen vons Ganze. Trägt einen komischen Namen, den erst niemand und jetzt alle kennen. Es wühlt sich so durch den Roman der Sehrjungautorin und weiß nicht recht, was es da sein soll. Aber es lächelt fein, zu allen Dingen, die über es gesprochen werden, den es ist ja nur ein Lurch, oder so. Es kann eigentlich nix für den ganzen Wirbel.

Die skeptische Öffentlichkeit Liest die Texte der Feuilletonisten. Sieht die Bilder der Jungautorin. Kapiert beides nicht. Will das Buch trotzdem evtl. sogar lesen, wegen von allen Seiten Geplärre darüber und wie damals bei der Feuchten. Ist aber im Buchladen ausverkauft. Also hätte es die skeptische Öffentlichkeit schon wieder vergessen, wenn da nicht das mit dem Urheberrecht nachgekommen wäre. Dazu liest sie wieder die Texte der Feuilletonisten. Fands ja ehrlich gesagt von Anfang schon eher komisch das Ganze. Hatte also mal wieder recht. Mehr zum Skandal um Axolotl Roadkill auf jetzt.de

Text: fabian-fuchs - johanna-kempter, Illustrationen: franziska-hartmann

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